Diesseits von Gut und Böse

Der Kitt von Berlin

1945 1960 1980 2000 2020

Die Teilung Deutschlands ist überwunden, aber die Differenzen treten offen zu Tage. Ein Gastkommentar des DDR-Dissidenten und Zeitzeugen Lutz Rathenow zur „Vereinigung“.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Teilung Deutschlands ist überwunden, aber die Differenzen treten offen zu Tage. Ein Gastkommentar des DDR-Dissidenten und Zeitzeugen Lutz Rathenow zur „Vereinigung“.

Nun ist also wieder ein Jahrestag herangerückt: 30 Jahre Mauerfall, es wird zu Recht gefeiert, aber gleichzeitig klagen so viele wie noch nie über die Fehler bei und nach der deutschen Vereinigung. „Vollende die Wende!“ plakatiert die empörungssüchtige AfD im Wahlkampf und vergisst, dass sie damit faktisch eine nochmalige Halb-Drehung zum ursprünglichen Zustand fordert. Die Rückgewinnung der DDR? Gleichzeitig schimpfen die Patchwork-Populisten vorwiegend rechter Prägung, dass die „Lügenpresse“ heute an staatsgelenkte Medien zur Zeit der DDR erinnere.

Um die aktuellen Aufregungen besser einordnen zu können, lohnt ein Blick in die Geschichte von 1989/1990. In den letzten Monaten vor dem Mauerfall ahnte die DDR zu keinem Zeitpunkt, dass dies die letzte Phase ihrer Exis­tenz sein könnte. Obwohl militärisch gut gerüs­tet und grenzgesichert stabil, geriet sie wirtschaftlich und innenpolitisch immer mehr in eine labile Situation. Im Vergleich zum hochentwickelten Westen verpasste der ganze Ostblock den Anschluss an eine Entwicklung – den Aufbruch in die noch unscharfe digitale Welt. Politisch machte das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking der ostdeutschen Bevölkerung Angst – und die Leugnung der Probleme in den offiziellen Medien der DDR und den Stasi-Akten klang immer verrückter und verlogener. Alles wissen zu wollen, bedeutet eben, wenig wirklich zu erfahren, weil kein Fakt sicher genug erscheint, um ihm vertrauen zu können.

Ende der DDR, Anfang für China?

Ketzerisch könnte man die deutsche Vereinigung als Insolvenzverschleppung der DDR lesen. Wobei einstige Top-Manager ihre ehemaligen Lenkungsmöglichkeiten mit denen im heutigen China vergleichen und von einem asiatischen Staatssozialismus mit marktwirtschaftlichem Antlitz träumen. Doch wer heute nach Hongkong blickt, wird den Gedanken nicht los, dass ohne den Mauerfall zu Berlin die Briten kaum so zukunftsselig gewesen wären, Hongkong an China zurückzugeben. Hat also das Ende der DDR das chinesische Zeitalter eröffnet?

Aber zurück zu 1989. Es gab damals mehrere gefühlte Vereinigungen: Die Berliner Vereinigung war für viele Ost-Berliner am 10. November 89 vollendet. Mehr Deutschland als den Zugang zu Westberlin brauchten sie nicht. Die West-Berliner mit ihren Gefühlen zwischen Befreiung und der Ahnung vom künftigen Verschwinden ihres speziellen politisch-kulturellen Stadtraumes blenden wir wie die Westdeutschen aus. Von letzteren dachte mancher, die Änderungen würden sie kaum tangieren.
Dass die Maueröffnung in der Situation einer verunsicherten und handlungsgehemmten Staatsmacht ohne die Demonstrationen ab September 89 in Leipzig nicht möglich gewesen wären: Wer hatte das im November in Ost-Berlin auf dem Wahrnehmungsschirm? Oder gar Plauen am 7. Oktober – da demonstrierten mehr Leute in der Innenstadt als gleichzeitig in Berlin. Auch in Dresden war es am 3. und 4. Oktober zu dramatischen Szenen gekommen: Menschen hatten versucht, am Bahnhof auf jene Züge aufzuspringen, in denen die Besetzer der westdeutschen Botschaft in Prag in den Wes­ten reisen konnten. Viele der 30.000 Dresdner, die im Dezember 1989 Helmut Kohl Mut zur deutschen Vereinigung zujubelten, sehen dieses Datum als entscheidend auf dem Weg in die Einheit.

Nun ist also wieder ein Jahrestag herangerückt: 30 Jahre Mauerfall, es wird zu Recht gefeiert, aber gleichzeitig klagen so viele wie noch nie über die Fehler bei und nach der deutschen Vereinigung. „Vollende die Wende!“ plakatiert die empörungssüchtige AfD im Wahlkampf und vergisst, dass sie damit faktisch eine nochmalige Halb-Drehung zum ursprünglichen Zustand fordert. Die Rückgewinnung der DDR? Gleichzeitig schimpfen die Patchwork-Populisten vorwiegend rechter Prägung, dass die „Lügenpresse“ heute an staatsgelenkte Medien zur Zeit der DDR erinnere.

Um die aktuellen Aufregungen besser einordnen zu können, lohnt ein Blick in die Geschichte von 1989/1990. In den letzten Monaten vor dem Mauerfall ahnte die DDR zu keinem Zeitpunkt, dass dies die letzte Phase ihrer Exis­tenz sein könnte. Obwohl militärisch gut gerüs­tet und grenzgesichert stabil, geriet sie wirtschaftlich und innenpolitisch immer mehr in eine labile Situation. Im Vergleich zum hochentwickelten Westen verpasste der ganze Ostblock den Anschluss an eine Entwicklung – den Aufbruch in die noch unscharfe digitale Welt. Politisch machte das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking der ostdeutschen Bevölkerung Angst – und die Leugnung der Probleme in den offiziellen Medien der DDR und den Stasi-Akten klang immer verrückter und verlogener. Alles wissen zu wollen, bedeutet eben, wenig wirklich zu erfahren, weil kein Fakt sicher genug erscheint, um ihm vertrauen zu können.

Ende der DDR, Anfang für China?

Ketzerisch könnte man die deutsche Vereinigung als Insolvenzverschleppung der DDR lesen. Wobei einstige Top-Manager ihre ehemaligen Lenkungsmöglichkeiten mit denen im heutigen China vergleichen und von einem asiatischen Staatssozialismus mit marktwirtschaftlichem Antlitz träumen. Doch wer heute nach Hongkong blickt, wird den Gedanken nicht los, dass ohne den Mauerfall zu Berlin die Briten kaum so zukunftsselig gewesen wären, Hongkong an China zurückzugeben. Hat also das Ende der DDR das chinesische Zeitalter eröffnet?

Aber zurück zu 1989. Es gab damals mehrere gefühlte Vereinigungen: Die Berliner Vereinigung war für viele Ost-Berliner am 10. November 89 vollendet. Mehr Deutschland als den Zugang zu Westberlin brauchten sie nicht. Die West-Berliner mit ihren Gefühlen zwischen Befreiung und der Ahnung vom künftigen Verschwinden ihres speziellen politisch-kulturellen Stadtraumes blenden wir wie die Westdeutschen aus. Von letzteren dachte mancher, die Änderungen würden sie kaum tangieren.
Dass die Maueröffnung in der Situation einer verunsicherten und handlungsgehemmten Staatsmacht ohne die Demonstrationen ab September 89 in Leipzig nicht möglich gewesen wären: Wer hatte das im November in Ost-Berlin auf dem Wahrnehmungsschirm? Oder gar Plauen am 7. Oktober – da demonstrierten mehr Leute in der Innenstadt als gleichzeitig in Berlin. Auch in Dresden war es am 3. und 4. Oktober zu dramatischen Szenen gekommen: Menschen hatten versucht, am Bahnhof auf jene Züge aufzuspringen, in denen die Besetzer der westdeutschen Botschaft in Prag in den Wes­ten reisen konnten. Viele der 30.000 Dresdner, die im Dezember 1989 Helmut Kohl Mut zur deutschen Vereinigung zujubelten, sehen dieses Datum als entscheidend auf dem Weg in die Einheit.

Der Osten lebt seinen Missmut vielfältig aus. Nach der Linken fängt nun die AfD diese Unzufriedenheit ein.

Aus der Frage dieser deutschen Einheit ist freilich inzwischen das Dauerthema „Stand der Vereinigung“ geworden. Beobachter möchten rasch Dinge in Schubladen einsortieren, ohne den Schrank zu kennen, in den diese hineinpassen. Der Osten lebt seinen Missmut vielfältig aus. Nach der Linken fängt nun die AfD mit ihrem Netz Unzufriedenheit und Aufmerksamkeit ein. Die realen wirtschaftlichen Probleme in Ostdeutschland und das Gefühl des Abgehängtseins kommen aus dem ländlichen Raum, nicht den boomenden Städten. Die letzte Finanzkrise, europäische Turbulenzen befeuern Problemgefühle, der europäische Gedanke als Halt oder positiver Ansporn wirkt zu wenig.

Die Mauer als „Messer der Geschichte“

Als ich im Mai 1989 zum ersten und einzigen Mal vor dem Mauerfall in den Westen reisen durfte, zeigten mir die vier Tage Wien klar: Ich bin in einem anderen Land, obwohl ich dessen Sprache besser verstehe als manchen deutschen Dialekt. Dieses durchaus angenehme Gefühl, „draußen“ zu sein, hatte ich in Westdeutschland nach dem Mauerfall nie. In dem 1987 zusammen mit dem Fotografen Harald Hauswald herausgegebenen Buch „Ostberlin“ sind die Passagen zur Mauer durch Berlin die interessantesten: „Natürlich ist das Ding pervers, aber es zeigt seine Krankheit und verbirgt sie nicht verklemmt. Der Verlust dieses Bauwerks würde das Leben hier ärmer machen. Und wenn nur die Wut darauf abhanden käme. [...] Dieses Messer der Geschichte, rabiat einen Ort entzweischneidend, der sich dadurch zu mehr auswuchs als den Hälften jener vorher existierenden Stadt. Im Moment der Trennung waren beide Teile am Auseinanderfallen, so dass die Mauer sie zusammenfügte. Ein Reißverschluss. Der Kitt von Ganzberlin.“

Der Zwangsverschluss ist geöffnet, die Teilung überwunden, aber die Differenzen und unterschiedlichen Interessen treten offen zu Tage. Ein Wettbewerb hat längst begonnen, ob die Bedingungen für Ostdeutsche immer ganz fair sind, bleibt zu hinterfragen. Der Streit kann nur gut sein, solange er nicht von Demokratieverachtung befeuert wird und sozialstaatliche sowie marktwirtschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten gleichermaßen gefährdet. Der Umgang mit den Differenzen zwischen Ost und West innerhalb Deutschlands, den echten und den gefühlten, sollte als gutes Beispiel dienen für den zivilisierten Umgang mit Differenzen zwischen europäischen Staaten.

Der Autor war als Schriftsteller in der und gegen die DDR aktiv. Seit 2011 ist er Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Dresden. Sein Buch „Ostberlin“ (Verlag Jaron) ist soeben neu erschienen.