Die Illusion einer atomwaffenfreien Welt

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Warum eine Sicherheitsordnung ohne atomare Abschreckung gegenwärtig nicht denkbar ist - und was das für die Friedensethik der christlichen Kirchen bedeutet. Ein Gastkommentar.

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Warum eine Sicherheitsordnung ohne atomare Abschreckung gegenwärtig nicht denkbar ist - und was das für die Friedensethik der christlichen Kirchen bedeutet. Ein Gastkommentar.

Der Ukraine-Krieg nötigt die Kirchen dazu, ihre bisherigen friedensethischen Positionen zu überdenken. Das schließt die Haltung zur Abschreckung mit Kernwaffen ein. Heute herrscht weitgehend ökumenischer Konsens, dass nicht erst der Einsatz von Kernwaffen, sondern schon die Abschreckung mit ihnen aus christlicher Haltung abzulehnen ist. In diese Richtung hat sich die friedensethische Position der evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelt. 2019 forderte die EKD-Synode in Dresden die deutsche Bundesregierung auf, Gespräche mit den NATO-Partnern, auf EU-Ebene und in der OSZE mit dem Ziel zu führen, den Atomwaffenverbotsvertrag aus dem Jahr 2017 zu unterzeichnen. Ein solcher Schritt würde im Ergebnis wohl auf den Austritt Deutschlands aus der NATO hinauslaufen. In diese Richtung marschieren auch jene Landeskirchen, die zu einer „Kirche des gerechten Friedens“ werden wollen, allen vo­ran die Evangelische Landeskirche in Baden.

Das neutrale Österreich hat diesen Vertrag übrigens nicht nur unterzeichnet, sondern mitinitiiert. Ob das ein kluger Schritt war, wird die überfällige Debatte über Österreichs künftige Sicherheitspolitik weisen.

Eskalationsspirale verhindern

Die Aussicht auf eine kernwaffenfreie Welt ist mit dem Angriffskrieg Russlands, der auf die Zerschlagung der Ukraine und die Bestreitung des Existenzrechts des ukrainischen Volkes zielt, jedenfalls in weite Ferne gerückt. Putin hat schon in einer frühen Phase des Krieges mit seinem Atomwaffenarsenal gedroht. Eine Sicherheitsordnung ohne atomare Abschreckung ist derzeit kaum denkbar. Das ist kein Plädoyer für eine unkritische Fortschreibung nuklearer Strategien, sondern im Gegenteil für ein besonnenes Handeln, um den Beginn einer neuen Eskalationsspirale zu verhindern.

Aus dem bisherigen Verlauf des Ukraine-­Krieges lassen sich folgende Lehren ziehen:

1. Es stimmt nicht, dass man gegen eine Atommacht keine Kriege gewinnen kann. Beispiel: Afghanistan, wo sowohl die Sowjetunion (1979–1989) als auch die NATO (2001–2021) letztlich im Kampf gegen die Mudschahedin und die Taliban gescheitert sind. Die Aufforderung an die Ukraine, schnell einen Verhandlungsfrieden zu suchen – also sich zu ergeben –, ist ethisch falsch und pragmatisch unbegründet.
2. Der Besitz von Kernwaffen bedeutet zwar nicht notwendigerweise, in jeder kriegerischen Auseinandersetzung dem Gegner überlegen zu sein, wohl aber eine erhöhte Sicherheit vor einem Angriffskrieg. Der Verlauf der Ereignisse seit 2008 in der Ukraine, die 1994 auf ihr Kernwaffenarsenal verzichtet hat, die Annexion der Krim 2014 und schließlich der großangelegte Angriff 2022 werden Staaten in ihrer Haltung bestärken, keinesfalls auf vorhandene Atomwaffen zu verzichten bzw. ihre Anstrengungen zu intensivieren, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen.

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