Dieser "News"-Artikel ist hochgradig antisemitisch

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Psycho-„Ferndiagnose“ für das Magazin "News" analysierte Monika Wogrolly die Persönlichkeiten von Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyi - und kam zu verstörenden Schlüssen. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

In einer Psycho-„Ferndiagnose“ für das Magazin "News" analysierte Monika Wogrolly die Persönlichkeiten von Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyi - und kam zu verstörenden Schlüssen. Ein Gastkommentar.

Auch wenn offener Antisemitismus in Österreich heute nicht mehr gesellschaftsfähig ist, steigen zugleich antisemitische Vorfälle. Jetzt soll, statt sich medienethisch da­rüber zu verständigen, strafrechtlich entschieden werden, was als antisemitisch einzustufen ist. Damit könnten strafrechtlich nicht fassbare antisemitische Praktiken noch mehr verharmlost werden.

Der Anlass ist ein Artikel von Monika Wo­grolly zu „Die Psychologie der Macht“, erschienen in News vom 15. April 2022. Die Philosophin und Psychotherapeutin bezeichnete den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in einer Art Ferndiagnose u. a. als „Histrioniker“, dessen Motiv es sei, „seine innere Leere aufzufüllen, was er wie ein Vampir unablässig tun muss, und das, indem er lügt und blendet, um sich selbst zu beweisen, wie großartig er ist“. Weiters schrieb sie: „Triebfeder kann hier, wie gesagt, das psychologische Trauma der jüdischen Vorfahren sein.“ Im Onlinemedium mena-watch.com kritisierte Christian Ortner den Beitrag heftig, auch mit Hinweis auf soziale Medien, wo eine derartige Wortwahl als antisemitisch bezeichnet wird: „Einen jüdischen Politiker mit einem ‚Vampir‘ zu vergleichen, der das Blut braver Christenmenschen saugt, wagten (…) zuletzt der Stürmer, der Völkische Beobachter u. a.“ Der Eigentümer und Herausgeber von News, Horst Pirker, sieht in der Veröffentlichung des Beitrags einen Fehler, den Vorwurf des Antisemitismus lehnt er aber ab und ließ Ortner bzw. den Herausgeber von mena-watch.com klagen.

Aufgewärmte Ritualmordvorwürfe

Die geschichtlich wirkungsmächtigste Verleumdung von Juden und Jüdinnen ist die Anschuldigung, sie benötigen Blut. Das führte u. a. seit dem zwölften Jahrhundert zur Ermordung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen, zu Lynchjustiz und Pogromen. Ein Vampir ist laut Duden-Herkunftswörterbuch „ein Verstorbener, der nachts aus dem Grab steigt, um Lebenden Blut auszusaugen“. Wenn die „Triebfeder“ das „Trauma der jüdischen Vorfahren“ ist, liegt es Selenskyj „im Blut“, „wie ein Vampir unablässig“ handeln zu müssen.
Das ausdrucksstarke Bild des Vampirs ist herabsetzend, beleidigend und durch seine jüdische Konnotierung antisemitisch. Es ist zugleich hervorragend geeignet, die jahrhundertelange Anschuldigung, Juden und Jüdinnen benötigen Blut für religiöse Zwecke, wachzurufen. Dadurch ist der Artikel als hochgradig antisemitisch zu bewerten.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau