Diesseits von Gut und Böse

Doch: Ethik für alle!

1945 1960 1980 2000 2020

Religions- und Ethikunterricht stünden in keinem Konkurrenzverhältnis, schrieb Andrea Pinz in ihrem Gastkommentar. Aber genau dazu komme es nun, meint Anton A. Bucher. Eine Replik.

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Religions- und Ethikunterricht stünden in keinem Konkurrenzverhältnis, schrieb Andrea Pinz in ihrem Gastkommentar. Aber genau dazu komme es nun, meint Anton A. Bucher. Eine Replik.

„Wo, wenn nicht in der Schule, kann der Dialog mit Menschen anderen Glaubens besser erlernt werden?“, hat die Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien, Andrea Pinz, vergangene Woche hier geschrieben. In der Tat: Nachdem die meisten Gegenden Österreichs über Jahrhunderte hinweg homogen katholisch waren, unterhalten sich heutzutage auf den Pausenhöfen Mädchen, die ein Kopftuch tragen, mit Freundinnen, die getauft worden sind – oder auch nicht mehr. Aber wie konkretisiert sich der von Frau Pinz hervorgehobene Dialog mit Andersgläubigen? In der Regel so, dass während der konfessionellen Religionsstunden die Klassen auseinandergerissen und auf mehrere Religionsgruppen verteilt werden, in denen oft identische Themen erörtert werden, möglicherweise auch „Gemeinschaft“ – aber eben getrennt!

In ihrem neuen Buch „Machtkampf im Ministerium“ schreibt Susanne Wiesinger: „An allen Schulen, die ich besuchte, betonten Lehrer, wie wichtig Ethikunterricht für alle wäre.“ Schon in der von mir im Jahre 2000 durchgeführten offiziellen Evaluation von damals 97 Ethikschulversuchsstandorten zeigte sich: Nach einem Jahr Ethikunterricht waren Schülerinnen und Schüler weniger ausländerfeindlich eingestellt, sie hatten höhere Toleranzwerte sowie geringeren ethischen Relativismus („Ist eh alles egal“), ihre argumentative Diskussionskultur hatte sich verbessert, sie fühlten sich besser in der Lage, eigenständig ethisch zu urteilen, von den vielen angeeigneten Wissensinhalten (auch über andere Religionen) gar nicht erst zu reden. Selbstverständlich gelingt dies auch vielen engagierten Religionslehrerinnen und -lehrern.

Kein Konzept gegen Religion

Menschen können sich als religiös oder als nicht religiös verstehen, als spirituell oder als atheistisch. Aber niemand kann von sich behaupten, nicht immer wieder in ethische Fragen und Probleme verstrickt zu werden. Schon Kinder haben auszuhandeln, was eine gerechte Verteilung ist. Menschen jeglichen Alters haben zu urteilen, wie Fremden begegnet werden soll – abweisend oder gastfreundlich. Und jeden Menschen betrifft, was für Aristoteles im Kern der Nikomachischen Ethik stand: das gute, glückende Leben. Weil Ethik prinzipiell jeden Menschen angeht, muss es, sofern dem vielzitierten Zielparagraph 2 des SchOG wirklich Genüge getan werden soll, auch einen Ethikunterricht für alle geben. Dies umso mehr, als sich zentrale ethische Grundsätze wie die Goldene Regel in allen Religionen und Kulturen finden, was in Hans Küngs „Projekt Weltethos“ eindrücklich herausgearbeitet worden ist.