Hoffen in Zeiten des Klimanotstands

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Dass die Weltklimakonferenz in Scharm El-Scheich keinen Durchbruch brachte, hat die pessimistische Zukunftssicht verstärkt. Doch Resignation ist die schlechteste Option. Ein Gastkommentar.

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Dass die Weltklimakonferenz in Scharm El-Scheich keinen Durchbruch brachte, hat die pessimistische Zukunftssicht verstärkt. Doch Resignation ist die schlechteste Option. Ein Gastkommentar.

Am Beginn dieses neuen Jahres brauchen wir keine andere Ressource mehr als – Hoffnung. Gerade angesichts des Klimanotstands und des Artenverlusts sind aber die Stimmen jener, die davon überzeugt sind, dass es bereits zu spät ist und dass Hoffnung nichts als Illusion und Verdrängung ist, zahlreich – und laut. Das Ergebnis der diesjährigen UN-Klimakonferenz (COP27) in Scharm El-Scheich gab dieser pessimistischen, ja apokalyptischen Haltung zusätzliche Nahrung. Viele haben die Konferenz als Ort, an dem an einer Lösung gearbeitet wird, bereits abgeschrieben – ja halten sie für einen Teil des Problems.

Tatsächlich gab die COP27 ein gemischtes Bild ab: Einerseits geschah dort ein historischer Durchbruch – mit dem Beschluss, einen Fonds für die Finanzierung von „Verlusten und Schäden“ (Loss & Damage) für „Entwicklungsländer“ einzurichten. Es war ein Erfolg der G77 (inklusive China), vor allem der Inselstaaten, die sich seit über 30 Jahren dafür eingesetzt hatten. Vorausgegangen waren diesem Beschluss dramatische Verhandlungen, in denen die USA ihre apodiktische Ablehnung aufgaben. Andererseits erfolgte im zentralen Bereich der Emissionsminderung kein Fortschritt über die Beschlüsse der vorigen COP in Glasgow hinaus. Das auf der COP27 verhandelte „Arbeitsprogramm“ zur dringenden Erhöhung der Ambitionen im Klimaschutz verlangte weder stärkere Zusagen noch rief der Text dazu auf, dass die globalen Emissionen so rasch wie möglich, spätestens aber 2025 ihren Höhepunkt erreichen müssen, um laut IPCC unterhalb von 1,5 Grad Celsius Erwärmung zu bleiben.

Mehr als nur „Bla Bla“

Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat 2009 einen Ted-Talk zum Thema „The Danger of a Single Story“ gehalten. Sie warnte davor, dass sich eine einzige Sichtweise auf ein Thema durchsetzt und dadurch seine Komplexität nicht mehr wahrgenommen wird. Die „einzige Geschichte“ ist im Fall der Weltklimakonferenzen: Diese sind gescheitert, sinnlos, produzieren nur „Bla Bla Bla“ (Greta Thunberg). Es ist wichtig, diesem Abgesang eine andere Sichtweise entgegenzustellen, die der Komplexität des Prozesses der UNO-Klimakonferenzen gerecht wird.

Tom Athanasiou ist einer der führenden Klimagerechtigkeits-Experten und Aktivisten beim internationalen „Climate Action Network“. Er hält fest: Die COP27 „war kein Fehlschlag“, sondern ein Wendepunkt. „Der Kampf um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen wurde auf der COP27 verloren, aber man darf nicht vergessen, dass dies nur ein erstes Gefecht war.“ Vor allem die indische Regierung habe sich auf der Konferenz klar dafür ausgesprochen, die Verpflichtung auf den Ausstieg aus Kohle auf alle fossilen Brennstoffe auszudehnen. Indien wurde dabei von rund 80 Ländern unterstützt. Der Vorschlag wurde aber von der ägyptischen Konferenz-Präsidentschaft nicht aufgenommen; laut Berichten sahen Russland und Saudi-Arabien darin eine rote Linie überschritten.

Der Analysebericht des Wuppertal-Instituts zur jüngsten Klimakonferenz („Letzter Aufruf für 1,5 Grad“, November 2022) weist auf positive Entwicklungen hin, die medial wenig Aufmerksamkeit gefunden haben: etwa die Einrichtung des „Climate Investment Funds Industry Transition Programme“, das Ländern des Südens erstmals Mittel für die ökologische Transformation zur Verfügung stellt; oder die Ankündigung des Starts der „Global Shield Initiative“, die besonders verwundbaren Ländern eine Versicherung gegen Klimarisiken anbietet.

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