Diesseits von Gut und Böse

Hoffnung für Eden

1945 1960 1980 2000 2020

Ist die Thematisierung ethischer Fragen rund um den Klimaschutz tatsächlich ein Problem? Oder ist es nicht eher deren Mangel? Eine Replik von Regina Polak auf Ulrich Körtner.

1945 1960 1980 2000 2020

Ist die Thematisierung ethischer Fragen rund um den Klimaschutz tatsächlich ein Problem? Oder ist es nicht eher deren Mangel? Eine Replik von Regina Polak auf Ulrich Körtner.

Wer wie ich in Wien wohnt, lebt in Eden – zumindest aus der Sicht der Menschen in Regionen dieser Erde, die von Krieg gezeichnet sind oder infolge von Dürre und Versteppung, Überschwemmungen oder Landraub (bald) nicht mehr für sie bewohnbar sein werden. Auch wenn in Wien (und Europa) die Zahl der Hitzemonate zunehmen und dies vor allem arme, kranke und alte Menschen gefährden wird, so ringen trotz aller Konflikte doch die meisten politischen Akteure um Lösungen der ökologischen Probleme – im weltweiten Vergleich beachtlich. Gleichwohl konfrontiert uns eine globalisierte Welt aber auch schonungslos mit ihrer sozioökonomischen und ökologischen Ungleichheit und zwingt uns, sich zu dieser zu verhalten. Die Reaktionen reichen von aggressiver Ignoranz über die Intensivierung umweltethischer Diskurse bis zu apokalyptischer Panik. Auch die christlichen Kirchen bringen sich mit ethischen Appellen und der Unterstützung z. B. der Fridays-for-Future-Bewegung ein.

Wer wie ich in Wien wohnt, lebt in Eden – zumindest aus der Sicht der Menschen in Regionen dieser Erde, die von Krieg gezeichnet sind oder infolge von Dürre und Versteppung, Überschwemmungen oder Landraub (bald) nicht mehr für sie bewohnbar sein werden. Auch wenn in Wien (und Europa) die Zahl der Hitzemonate zunehmen und dies vor allem arme, kranke und alte Menschen gefährden wird, so ringen trotz aller Konflikte doch die meisten politischen Akteure um Lösungen der ökologischen Probleme – im weltweiten Vergleich beachtlich. Gleichwohl konfrontiert uns eine globalisierte Welt aber auch schonungslos mit ihrer sozioökonomischen und ökologischen Ungleichheit und zwingt uns, sich zu dieser zu verhalten. Die Reaktionen reichen von aggressiver Ignoranz über die Intensivierung umweltethischer Diskurse bis zu apokalyptischer Panik. Auch die christlichen Kirchen bringen sich mit ethischen Appellen und der Unterstützung z. B. der Fridays-for-Future-Bewegung ein.

Regina Polak

Die Autorin ist Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien.

Eine dieser Reaktionen irritiert mich. Es ist der pauschale Vorwurf an die Kirchen bzw. an Klimapolitikerinnen und -politiker aus der politisch links bzw. grün bezeichneten Ecke, diese würden zu einer Moralisierung und Hysterisierung der Klimapolitik beitragen. Dieser Vorwurf kommt auch aus sozial etablierten, wohlsituierten, akademischen sowie christlichen Milieus. Inwiefern ist die Thematisierung moralischer Fragen rund um den Klimaschutz ein Problem? Immerhin gehört Umweltethik unter dem Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ seit Jahrzehnten zum sozialethischen Grundbestand der christlichen Kirchen.

Habitus der Selbsterhöhung

Tatsächlich lässt sich manchmal in umwelt-ethischen Stellungnahmen einzelner Akteure in der Politik und den Kirchen ein Habitus beobachten, der nach moralischer Selbsterhöhung riecht und Andersdenkende mit Verachtung straft. Das Problem daran ist aber weniger der ethische Anspruch bzw. Inhalt als vielmehr der Modus der moralischen Überheblichkeit, der die Stichhaltigkeit der Argumente jedoch keinesfalls aufheben muss. Abgesehen davon, lässt sich dieser Habitus auch bei den Kritikern jener „Moralisten“ finden, wenn erstere z. B. im Modus der moralischen „Gelassenheit“ auf jene herabblicken, die angesichts der Klimakrise erschrocken nach moralischer Umkehr rufen. Deren ethische Antwortversuche können vielleicht inhaltlich unzureichend sein, aber keinesfalls als solche. Denn tatsächlich benötigen wir dringend ethische Debatten, nicht nur in der Klimapolitik. Der Soziologe Zygmunt Bauman z. B. warnt vor der „Adiaphorisierung“ der Politik. Damit kritisiert er jene Formen politischen Handelns, die – angeblich „ideologiefrei“ – Politik nur mehr als „Management“ und Moral als „schmückendes Beiwerk“ (adiaphora) betrachten. Er fordert die Rückkehr der Ethik in die Politik. Freilich gehört zu den Erkenntnissen der Moderne, dass man aus individuellen moralischen Überzeugungen weder unmittelbar Recht noch staatliche Politik ableiten kann. Wohl aber kennen die Moderne – und die Kirchen – Sozial- und politische Ethik. Diese wäre wieder in die Diskurse einzuspeisen.

Die Verächtlichmachung ethischer Debatten weckt den Verdacht, sich ethischer Selbstreflexion entziehen zu wollen.

Die Verächtlichmachung und das Kleinreden ethischer Debatten jedenfalls weckt den Verdacht, dass sich manche der ethischen Selbstreflexion des persönlichen wie politisch-ökonomischen Beitrages Europas zur Klimakrise entziehen wollen, z. B. der Auseinandersetzung mit dem Lebensstil und dessen ökologischem Fußabdruck oder mit der Verstricktheit in ungerechte globalökonomische Zusammenhänge. Christlich gefragt: Weichen sie der Konfrontation mit der individuellen wie strukturellen ökologischen Sünde aus? Europäischen Christen, die im Wohlstand leben, ist dies eigentlich nicht erlaubt. Wir müssen uns den ethischen Spannungen und Schuldgefühlen stellen und anerkennen, dass wir vielleicht naiv und gedankenlos, vielleicht zu fixiert auf materielles Wohlergehen, die seit den 70er Jahren existierenden Warnungen eines ökologischen Kollapses zu lange ignoriert haben. Dient die Abwehr der ethischen Forderungen der „Anderen“ der moralischen Stabilisierung, dem Versuch, sich vor der beschwerlichen Komplexität umwelt-ethischer Fragen zu drücken, oder dem Verdecken der eigenen Hoffnungslosigkeit?

Zu spät, die Hoffnung aufzugeben

Auch wenn es verständliche Gründe für all diese Reaktionen gibt: Es ist zu spät, um weiter business as usual zu betreiben oder gar die Hoffnung aufzugeben. Moral ist eine Folge des Sündenfalls, so sieht dies seit Augustinus die christliche Tradition. Die jüdische Tradition kennt keinen Sündenfall und interpretiert die Vertreibung aus dem Paradies auch als Befreiung. Der Mensch lebt nicht mehr wie ein naiver, tumber Tor im Paradies, sondern erhält die Gabe ethischer Entscheidung und damit die Freiheit, selbst Gut und Böse unterscheiden zu dürfen. Moral ist also auch ein Ausdruck des Glaubens an eine Zukunft, die der Mensch als Partner Gottes mitgestalten kann, darf und soll. Der Glaube an die Auferstehung birgt diese Erfahrung ebenfalls, denn er ist eine Zusage, dass Menschen schon im Leben von Sünde und Schuld erlöst sind. Mit Blick auf Geschichte und Gegenwart bedeutet das selbstverständlich nicht, dass Menschen nicht mehr sündigen. Die Amazonas-Synode spricht sogar von „ökologischem Sündigen“, das sich „gegen Gott, den Nächsten, die Gemeinschaft und die Umwelt“ und vor allem gegen die künftigen Generationen richtet. Im Glauben an die Auferstehung müssen Menschen aus christlicher Sicht die Folgen der Klimasünde zwar tragen und verantworten, dürfen aber hoffen, dass sie die Klimakrise kraft ihrer ethischen Begabung bestehen können. Das ökologische Engagement der Kirchen ist daher nicht allein ein zivilgesellschaftlicher Beitrag, sondern Ausdruck apokalyptischer Hoffnung auf einen rettenden Gott.