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Kurpfuscherei oder Segen Für Kranke?

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Alternativmedizin kann hilfreich sein

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Alternativmedizin kann hilfreich sein

Als Ignaz Semmelweis vor genau 150 Jahren behauptete, daß das Kind-bettfieber durch Infektion übertragen werde, und Ärzten und Geburtshelfern die Händedesinfektion empfahl, nahm ihn zunächst niemand ernst.

Viele der revolutionären Erkenntnisse, die im Lauf von Jahrhunderten die westliche Medizin prägten, widersprachen zunächst der herrschenden Lehre, wurden angefeindet und als Unsinn oder Scharlatanerie abgetan; dies umso mehr, wenn sie von Praktikern und nicht von namhaften Forschern stammten.

Bis heute hat sich das medizinische Wissen vervielfacht, die Grundproblematik ist dieselbe geblieben: Was von außerhalb der Universitäten und Forschungsinstitute kommt oder allzu sehr von der herrschenden Lehre abweicht, erregt Skepsis. Nicht ganz zu Unrecht: Auch in der Geschichte der Medizin gab es weit mehr Irrwege als große, revolutionäre Entdeckungen. Die in manchen anderen Bereichen gegebene Möglichkeit, Ideen zu erproben und nach der „trial and error”-Methode Erfahrungen zu sammeln, hat der Arzt nicht. Er muß seinen Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen lassen -und das scheint nun einmal diejenige zu sein, die dem Stand der Wissenschaft entspricht.

Allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Im wissenschaftlichen Sinn ist das „Erwiesene” nicht mehr als eine prinzipiell widerlegbare Hypothese, die ständig kritisch hinterfragt und nötigenfalls auch wieder verworfen werden muß. Anders wäre wissenschaftlicher Fortschritt gar nicht möglich. Verantwortlich zu handeln, kann also durchaus auch darin bestehen, die vorgegebenen Wege zu verlassen, bisher als erwiesen Geltendes zu relativieren und nötigenfalls sogar über Bord zu werfen.

Diese grundsätzliche Problematik ist so alt ist wie die wissenschaftliche Medizin selbst. Wenn heute intensiver als je zuvor - von Ärzten und Patienten - nach Alternativen zur Schulmedizin gesucht wird, geht es jedoch um mehr als das.

Die Fortschrittsgläubigkeit der letzten Jahrzehnte weicht zunehmend einem Unbehagen: gegenüber der hoch technisierten Apparatemedizin, der anonymen Maschinerie der Spitäler und vor allem der „übermächtigen” Pharmaindustrie mit ihrer geballten Ladung Chemie, die sie auf die Patienten losläßt. Geschieht dies alles tatsächlich zum Wohl der Menschen oder eher zum Nutzen der Pharmakonzerne? Wer bestimmt, auf welchen Gebieten geforscht wird? Wissenschaftliche Arbeit verschlingt viel Geld; gilt womöglich auch hier der Grundsatz: „Wer zahlt, schafft an”? Daß die Medizin trotz allem immer noch an Grenzen stößt, längst nicht alles heilen, ja nicht einmal alles erklären kann, verstärkt dieses Mißtrauen noch. Dazu kommt die Problematik der Hochspezialisierung: Jeder, der schon einmal mit unklaren Symptomen von einem Spezialisten zum nächsten pilgern mußte, weiß, was damit gemeint ist. Und tatsächlich ist es oft der Blick aufs Ganze, das Erkennen fächerübergreifender Zusammenhänge, das dabei zu kurz kommt.

Das alles läßt nach Alternativen suchen: im überlieferten ärztlichen Wissen, das von der modernen Medizin zum Teil nur überlagert, aber nicht widerlegt wurde und das sich unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse durchaus sinnvoll weiterentwickeln läßt; aber auch in fremden Kulturkreisen, die völlig andere Antworten auf die Frage nach der Entstehung von Krankheiten und daher auch andere Wege zu ihrer Behandlung gefunden haben. Bestimmte östliche Behandlungstechniken - etwa die Akupunktur -zieht heute kaum mehr jemand in Zweifel, wenn auch ihre Wirkungsweise noch nicht restlos entschlüsselt ist.

All diese Entwicklungen sind positiv zu sehen; sie erweitern das Spektrum der medizinischen Möglichkeiten. Allein seligmachend sind sie jedoch genauso wenig wie die vielgeschmähte „Apparatemedizin”. Vieles ist zudem irreführend: So müssen pflanzliche Heilmittel nicht zwangsläufig sanfter wirken als pharmakologische. Auch das, was die Pflanze produziert, ist Chemie. Gerade die Möglichkeit, Wirkstoffe rein und isoliert herzustellen und damit Nebenwirkungen zu reduzieren, ist ein unbestreitbarer Fortschritt, den die Pharmakologie gegenüber ihrem Vorläufer, der Pflanzenheilkunde, brachte. Nicht die synthetische Herstellung von Wirkstoffen, ihr oft bedenkenloser Einsatz - auch dort, wo eine Aktivierung körpereigener Abwehrmechanismen sinnvoller wäre - stellt das eigentliche Problem dar. Die Lösung kann nicht darin liegen, das synthetische Medikament wieder durch seinen pflanzlichen Vorläufer zu ersetzen.

Daß unter dem Titel „Naturmedizin” vieles geschieht, was zumindest für einen Großteil der Patienten wirkungslos ist, bestreiten auch ihre Befürworter nicht. Wer heilen darf, ist in Osterreich rechtlich eindeutig geklärt: nur der Arzt. Wie er es tut, ist dagegen ausschließlich ihm überlassen, dafür gibt es keine rechtlichen

Begeln. „Der Arzt hat aber auch die volle Verantwortung. Wenn er etwas tut, was gegen allgemeine Empfehlungen verstößt und damit einem Patienten schadet, droht ihm lebenslanges Berufsverbot”, weiß Christian Adensamer, Ärztekammer-Referent für Alternativ-und Komplementärmedizin.

Das Mißtrauen zwischen der Schulmedizin und Vertretern alternativer- oder besser: komplementärer -Methoden abzubauen, liegt gewiß im Interesse der Patienten. Auf der Seite der Schulmedizin wäre dazu mehr Aufgeschlossenheit nötig, mehr Bereitschaft, sich vorurteilsfrei und ohne Rücksichtnahme auf bestehende Interessenslagen auch mit Unkonventionellem ernsthaft auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite, jener der Komplementärmedizin, müßte es aber auch die Bereitschaft geben, sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu stellen.

Die Komplementärmedizin müßte - wie die Schulmedizin - offen für Kritik sein und sich ihrerseits von widerlegten Dogmen trennen können. Doch viele Vertreter alternativer Behandlungsmethoden weisen jeglichen Zweifel apodiktisch zurück und machen ihre Gedankengebäude immun gegenüber rationalen Argumenten. Daher ist zu wünschen, daß auch die Patienten den komplementären Methoden dieselbe gesunde Skepsis entgegenbringen wie der wissenschaftlichen Medizin.

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