Diesseits von Gut und Böse

Lebendige Kirche?

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich ist das Vertrauen in die katholische Kirche gesunken, wie Wertestudien zeigen. Wie ist das zu erklären – und was würde sie anziehender machen? Ein Gastkommentar von Ferdinand Kaineder.

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich ist das Vertrauen in die katholische Kirche gesunken, wie Wertestudien zeigen. Wie ist das zu erklären – und was würde sie anziehender machen? Ein Gastkommentar von Ferdinand Kaineder.

Für das Pfarrzentrum in Kirchschlag bei Linz haben wir 2008 nach einem großzügigen Neubau 90 Schlüssel an die Verantwortlichen verschiedener Gruppen und Initiativen ausgegeben. Diese „verteilte und zugemutete Schlüsselgewalt“ für viele Engagierte in der Pfarrgemeinschaft wurde auf der einen Seite bewundert, andererseits wurde diese „Vertrauenszumutung“ als zu weitgehend gesehen. „Das kann nicht gut gehen“, war der Verdacht. Nach mehr als zehn Jahren bestätigt sich: Es ist gut gegangen.

Die Zumutung von Verantwortung lässt Verantwortung wachsen. Das ist jene innere Logik, die Lebendigkeit ermöglicht. Und da gäbe es viele Beispiele zu erzählen. Ob eine Veranstaltung oder eine Organisation Zulauf hat, entscheiden die Menschen nach einem ganz einfachen Prinzip: Geht es dort lebendig zu? Spielt sich dort das Leben ab? Sind das lebendige Menschen oder solche, die sich aus Gewohnheit oder reiner Pflichterfüllung treffen? Der Franzose Jean Cocteau hat Folgendes beobachtet: „Die meisten Menschen leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten.“ Andere raten ganz ungeschminkt: „Wenn du ein totes Pferd reitest, dann steig ab.“ Kirche in der Nähe der Amts- und Hierarchiekirche erscheint heute vielen Menschen als totes Pferd, eine große Ruinenstadt von Gewohnheiten, Machtinteressen und dazugehörigen Marketingmaßnahmen. Eher institutionelles Gehabe als Lebendigkeit.

Mitmachen, Vernetzen, Verstehen

Was macht aber lebendig machende Dynamiken von Vereinen, Bewegungen und spirituell geprägten Gemeinschaften aus? Wir können uns diese Dynamiken wie Resonanz- und Klangräume vorstellen: Ist dort ein froher und tiefer Klang spürbar, dann folgt daraus der freie Atem gemeinschaftlichen Engagements. Durch Mitmachen, Vernetzen und Verstehen wächst wiederum jene Lebendigkeit, die auf Menschen wie ein Magnet anziehend wirkt.