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Die Angst vor der Inflation

DISKURS

Sozialpolitik: Die Teuerung und das Anti-Märchen

1945 1960 1980 2000 2020

Steigende Wohn-, Lebensmittel- und Energiekosten machen es endgültig notwendig, die Stärken des Sozialstaats zu vermehren – und seine Schwächen zu korrigieren. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Steigende Wohn-, Lebensmittel- und Energiekosten machen es endgültig notwendig, die Stärken des Sozialstaats zu vermehren – und seine Schwächen zu korrigieren. Ein Gastkommentar.

„Die Erd is höllenheiß – mir eiskalt, eiskalt – Die Hölle is kalt, wollen wir wetten?“ – Das sagt Woyzeck in Georg Büchners Dramenfragment aus dem Jahr 1837. Woyzeck schlägt sich mit Teilzeitjobs für die Marie und sein Kind durch, ungesehen, zum Objekt degradiert, andauernd der Ignoranz seiner Umgebung ausgesetzt. Woyzeck erzählt von einem Leben ohne soziale Anerkennung. In der Staatsoper ist seine Geschichte gerade zu hören.

Je geringer die Haushaltseinkommen, desto höher der Anteil von Wohnen, Energie und Lebensmitteln am Haushaltsbudget. Genau diese drei Posten sind von der Inflation am stärksten betroffen. „Wir sitzen alle im selben Boot“, heißt es mit Corona und jetzt auch in der Teuerung. Wir sitzen alle im selben Sturm, würde ich sagen, aber in unterschiedlichen Booten: Da gibt es robuste Schiffe, kleine Nussschalen, starke Yachten, schmale Ruderboote.
Zwei Erkenntnisse können wir aus den aktuellen Daten der Statistik Austria ableiten, die sich noch auf die Lage Anfang 2021 beziehen: Starke Sozialstaaten reduzieren Abstiegsgefahr und schützen die Mitte vor Armut. Und: Effektive Hilfen braucht es bei Kinderarmut, Arbeitslosigkeit, der Situation von Alleinerziehenden und chronischen Erkrankungen.

Statistik zeigt Verschlechterung

Zum Ersten: Sozialleistungen tragen entscheidend zum sozialen Ausgleich bei. Sie reduzieren die Armutsgefährdung von 45 auf 14,7 Prozent. Am stärksten wirken Arbeitslosengeld, Notstands- und Mindestsicherung sowie Wohnbeihilfe und Pflegegeld. Die Erhöhung der Ausgleichszulage oder die Angleichung der Notstandshilfe auf das zuletzt bezogene Arbeitslosengeld in der Corona-Krise haben den sozialen Absturz vieler aus der unteren Mittelschicht verhindert. Zum Zweiten: Besonders armutsgefährdet sind Kinder (30 Prozent), Alleinerzieherinnen (47 Prozent) und Arbeitslose (52 Prozent). Mit großen Problemen sind Menschen mit chronischer Erkrankung konfrontiert. Und die hohen Wohnkosten bringen viele an den Rand.

Vergleicht man die Daten Anfang 2021 mit Ende 2021, dann sieht man hier Verschlechterungen der sozialen Situation. Jede dritte Person ist von der Verringerung des Haushaltseinkommens betroffen. Für rund 825.000 Menschen (13 Prozent) stellen die Wohnkosten Ende 2021 eine schwere finanzielle Belastung dar. Insgesamt zwölf Prozent rechneten sogar damit, in den folgenden drei Monaten ihre Wohnkosten nicht mehr bezahlen zu können. Bei sieben Prozent kam es bereits im dritten Quartal 2021 zu Zahlungsrückständen, auch hier sind Arbeitslose am stärksten betroffen.

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