Wo Kritik an Israel aufhört, Kritik zu sein

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Protest für die Freiheit Palästinas ist nicht notwendig antisemitisch. Doch wenn er nicht zugleich Protest ist gegen das Terrorregime der Hamas, wird er Verrat an aller Hoffnung. Ein Gastkommentar.

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Protest für die Freiheit Palästinas ist nicht notwendig antisemitisch. Doch wenn er nicht zugleich Protest ist gegen das Terrorregime der Hamas, wird er Verrat an aller Hoffnung. Ein Gastkommentar.

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Israels Krieg gegen die Hamas in Gaza hat eine humanitäre Katastrophe ausgelöst und stößt auf heftige Kritik. Erneut stellt sich die alte Frage: Wo liegt die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus? Und wer sind deren Wächter? Doch vielleicht ist diese Frage falsch gestellt. Vielleicht geht es nicht darum, wo Antisemitismus beginnt, sondern wo Kritik endet.

Gewiss, Antisemitismus ist eine Wirklichkeit in Wort und Tat, die ein dringendes Problem darstellt. An der Definition dieses Problems scheiden sich allerdings die Geister. So ziehen etwa die „Arbeitsdefinition“ der International Holocaust Remembrance Alliance und die alternative „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ sehr unterschiedliche Grenzen um das, was heute Antisemitismus heißt; und diese Grenzen betreffen vor allem antizionistische Diskurse und Boykottbewegungen.

Ein Begriff, viele Definitionen

Historisch gesehen, definierten die frühen Antisemiten sich und ihren Antisemitismus selbst. Wilhelm Marr, der unselige Urvater dieses armseligen Begriffs, verstand den Antisemitismus als den „Schmerzensschrei Unterdrückter“. Der Philosoph Eugen Dühring verstand ihn als „Aufklärung“ im Namen „einer wahren Humanität und Cultur“ und betrachtete „die“ Juden als „inneres Carthago“ eines jeden Menschenfreunds. Ein anderer, der seine Laufbahn als Bierhallenredner in München begann, verstand seinen Antisemitismus als „ehrliche Arbeit.“ Kurz, der anfängliche Antisemitismus galt als eine durchaus „salonfähige“ Weltanschauung. Er gab sich als Advokat der Schwachen und als Antwort auf alle Weltprobleme. „Viele halten die antisemitische Bewegung für eine moralische“, schrieb Heinrich Coudenhove-Kalergi in seiner heute vergessenen Kritik des Antisemitismus von 1901; „ungezählte edle, brave und große Männer sind Antisemiten.“ Und in seinen Erinnerungen an den Wiener Antisemitismus um die Jahrhundertwende, bemerkte der Floridsdorfer Bezirksrabbiner und Abgeordnete des k. k. Reichsrats, Joseph Samuel Bloch, dass dieser nicht bloß eine „Leidenschaft der niederen Menge“ war, sondern vielmehr ein raffinierter Lehrbegriff unter „objektiv urteilenden, liberal denkenden Männern der Intelligenz.“ Der Antisemitismus, wie Bloch wusste, ist der Judenhass der gebildeten Leute

Aller Hass jedoch, lehrte der jüdische Philosoph Hermann Cohen, ist grundlos — sinat chinam, wie es im Talmud heißt. Er kennt keine Gründe, keine bestimmten Fehler und Vergehen, sondern versteht nur, den ganzen Menschen zu hassen. Natürlich nennen Antisemiten tausend „Gründe“ ihres Hasses. Aber sie kennen keinen einzigen Grund, nicht zu hassen. Daher beginnt aller Antisemitismus mit unkritischem Pessimismus. Die Antisemiten,sagten Horkheimer und Adorno, „verwandeln die Welt in die Hölle, als welche sie sie immer schon sahen.“

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