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Diplomatie auf dem Prüfstein

Die Aufmerksamkeit der öster- reichischen Öffentlichkeit konzentriert sich gegenwärtig aus verständlichen Gründen auf die Er- eignisse in Deutschland, Ungarn, Polen, Rumänien und in der Tsche- choslowakei. Wien, das bis vor kurzem die Auswirkungen des uneingeschränkten Grenzverkehrs in Form von wilden Märkten zu spüren bekommen hatte, zeigt wenig Neigung, sich der Vorgänge in Laibach (Ljubljana) und Agram (Zagreb) oder gar im fernen Priätina zuzuwenden. Fast scheint es so, als gebe es eine unsichtbare Demarka- tionslinie zwischen den im Norden und Osten lebenden Österreichern und jenen im Süden, in Kärnten und in der Steiermark.

Hingegen wird in Klagenfurt die Entwicklung jenseits der Karawan- ken mit großer Intensität verfolgt. Es gibt hiefür mehrere Gründe, die im ethnischen und historischen Bereich ihre Wurzeln haben. In Kärnten lebt eine slowenische Volksgruppe, die durch Jahrhun- derte ihre Eigenständigkeit gegen- über den Blutsverwandten jenseits der heutigen Grenze bewahrte und eine weitgehende Symbiose mit dem größeren deutschen Bevölkerungs- teil einging. Die erste Bewährungs- probe brachte das Ende des Ersten Weltkrieges mit dem neu entstan- denen Königreich der Serben, Kroa- ten und Slowenen. Der Einfall zuerst slowenischer und später serbischer Truppen führte zu den Abwehrkämpfen mit dem für Kärn- ten aber auch für Österreich so glücklichen Ausgang der Volksab- stimmung vom 10. Oktober 1920. Ihr Ergebnis wurde bis vor wenigen Jahren von Historikern in Laibach angezweifelt. Dies stellte kaum eine Belastung für die jugoslawisch- österreichischen Beziehungen, die nach dem Ersten Weltkrieg ohne- hin nur schleppend in Gang kamen, dar, wohl aber für jene zwischen Kärnten und Slowenien. Sie wur- den noch verschärft durch die im Zweiten Weltkrieg erfolgten Aus- siedlungen von Slowenen aus Kärn- ten, durch den Partisanenkrieg und durch die Gebietsforderungen Ju- goslawiens nach 1945. Die Grenze sollte nach Vorstellungen der da- maligen Belgrader Regierung nörd- lich von Villach, Klagenfurt und Völkermarkt verlaufen.

Erst der Bruch Titos mit Stalin im Jahre 1948 brachte für Kärnten die Entspannung und mit dem Staatsvertrag von 1955 die Sicher- heit der Südgrenze. Seither erfolg- ten mehrere Garantieerklärungen Belgrads, und zuletzt durch die neu gewählte demokratische Regierung Lojze Peteries in Laibach, keine Gebietsanforderungen zu erheben. Eines der düstersten Kapitel der ersten Nachkriegsperiode mit der Auslieferung von 12.000 Weißgar- disten unter Bruch gegebener Ver- sprechungen durch die Briten fand erst vor wenigen Wochen im Horn- wald seinen erschütternden Ab- schluß. Es gab eine Versöhnungs- feier mit Angehörigen der in den Karsthöhlen von den Titopartisa- nen Ermordeten. Die Kirche Slo- weniens hat zu diesem bewegenden Geschehen ihren großen Anteil beigetragen.

Immer wieder muß auf die nicht parallel verlaufende Entwicklung Sloweniens, aber auch Kroatiens im Vergleich mit dem übrigen Ju- goslawien hingewiesen werden. Bereits in den späten sechziger Jahren kam es zu einer Westorien- tierung Laibachs, die vom damali- gen slowenischen Ministerpräsi- denten Stane Kavcic gefördert wurde und zu seiner Ablösung durch Tito führte. Er wurde be- schuldigt, die nördliche Teilrepu- blik aus dem jugoslawischen Staats- verband herauszubrechen - und kurios genug - an Bayern anzu- schließen. Tatsächlich bestanden jahrelang enge Kontakte zwischen Slowenien und Bayern, die in ei- nem Besuch von Ministerpräsident Franz Josef Strauß in Laibach ih- ren Höhepunkt fanden, nachdem er zuvor in Triest eine Visite gemacht hatte.

Zur Entkrampfung an der Kara- wankengrenze trug sehr wesentlich die Schaffung der Arbeitsgemein- schaft Alpen-Adria bei. Slowenien, Friaul=Julisch-Venetien und Kärn- ten zählen zu ihren Kernländern, zu denen ein ganzer Kranz von Teilrepubliken, Bundesländern, darunter die Steiermark und Re- gionen Italiens, stießen. Zuletzt gesellten sich noch ungarische Komitate hinzu, sodaß eine Art Kleineuropa entstand. Besucher- und Einkäuferströme fließen unge- hindert über die Grenze und tage- weise dominieren in den Straßen Klagenfurts Autos mit den Kenn- zeichen von Laibach und Krain- burg. Kunstausstellungen wie die INTART, aber auch gemeinsame Wallfahrten der Diözesen Udine, Laibach und Klagenfurt vertiefen die menschlichen Beziehungen.

Erhöhte Aufmerksamkeit ver- dient der politische Wandel. Das Slowenische Parlament verabschie- dete eine neue Verfassung, welche die Unabhängigkeit von Belgrad herbeiführte. Gemeinsam mit Kroa- tien wird eine Konföderation ange- strebt, in die nach durchgeführten demokratischen Wahlen auch Ser- bien, Bosnien-Herzegowina, Mon- tenegro und Mazedonien aufgenom- men werden sollen.

Österreich hat es also nicht mehr mit einem einheitlichen jugoslawi- schen Staat zu tun, sondern mit weitgehend souveränen Teilstaaten. Dies erfordert großes diplomati- sches Geschick, um das serbische Selbstbewußtsein nicht zu verlet- zen und dem Recht auf Selbstbe- stimmung der Slowenen und Kroa- ten gerecht zu werden.

Wie immer sich die Dinge im südlichen Nachbarstaat entwickeln werden, es liegt im Interesse Öster- reichs, daß kein neuer Krisenherd durch die Ereignisse in Kosovo, diesmal in unserer greifbaren Nähe, entsteht.

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