6937593-1983_14_32.jpg
Digital In Arbeit

"Dors angekommen, werde ich Meusch zein"

Wohin gehen wir? Immer nach Hause.“ Der Dichter Novalis antwortet auf eine der großen Fragen des Menschen. Die Erschütterung über den Tod seiner jungen Braut durchstimmt sein Leben und Dichten.

Aber was ist dieses Haus, das Ziel des Weges eines jeden? Das ist erst recht die Frage. Ein dumpfer Urgrund, der uns aufnimmt, wie das Meer einen Wassertropfen verschluckt? Läuft mein Menschentum mit seiner Qual und seiner Freude zuletzt auf nichts hinaus? Bin ich nur der sinnlose Auswurf einer unbarmherzig fruchtbaren und furchtbaren Natur, der es einzig und allein auf die „Unsterblichkeit der Gattung“ ankommt?

In einer Zeit, in der es sehr auf die Rasse ankam, sagte man uns, daß es um das Fortleben in „der Toten Tatenruhm“ (wie in der Edda) und in den kommenden Geschlechtern gehe. Die heute vorgeben, das Monopol auf die Gegnerschaft zum Rassismus zu besitzen, haben auch nur dieselbe Antwort. Nur das Vokabular ist anders. Es ist für mich kein Unterschied, ob ich in der Rasse oder in der dialektisch springenden Materie untergehe.

Aber der Mensch ist eben nicht die Termite einer allmächtigen Gattung. Er ist Person, die ihrer selbst mächtig ist. Diese Selbstmacht und Selbständigkeit hat der Mensch dazu, um aus sich diesen einen Menschen zu machen, der er sein soll, der rechte und gute Mensch, um so etwas Rechtes und Gutes für die Menschwerdung der anderen zu haben, nämlich sich selbst. Sein Dasein kann sich nicht darin erschöpfen, von der Gattung Menschheit zum kulturellen und biologischen Weiterbestand ihrer selbst gebraucht und verbraucht zu werden.

Es ist ein Widerspruch im Menschsein: Ihm ist die eigene Vollendung aufgetragen - und es ist der Abbruch über ihn verfügt. Wohin gehen wir im Tod? In welches Zuhause?

Ein letztes bergendes Zuhause des Menschen, das Heil, ist die Zuständigkeit der Religionen. Denn keine Macht der Welt vermag uns im Dasein zu halten. Wenn es eine solche Macht gibt, müßte sie im Bereich des Göttlichen sein. Denn es hinge alles davon ab, daß im Tod ein rettendes Entgegenkommen geschähe, das in die Vollendung aufrichtet.

Eine Re-sur-rectio, eine Wieder-auf-richtung, müßte geschehen. Im Tode leben, das kann keine Eigenleistung sein, es ist Vertrauenssache, es ist Gnade.

Jesus Christus hat uns dank seiner einzigartigen Gottesbeziehung in’seiner Person Gott als Liebhaber unzerstörbaren Lebens vorgestellt, der die persönliche Vollendung des Menschen will. Der Sohn selbst ist der Präzedenzfall, der „Erstgeborene der Toten“ (Kol 1, 18; Offb 1, 5).

Die Allmacht Gottes zielt auf die Entmachtung des allmächtigen Todes (1 Kor 15,26). Denn Gott ist Geist, schöpferische Selbstüberschreitung, welche zur Vollendung des Menschen und der Menschenwelt treibt: „Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt“ (Röm 8, 11). Ignatius von Antiochien (gest, vor 117) schreibt in seinem Brief an die Römer über sein Hinübergehen: „Dort angekommen, werde ich Mensch sein.“

Wohin gehen wir? Das Zuhause sind nicht viele „Letzte Dinge“, sondern nur ein einziges - und dieses ist kein „Ding“, sondern Gott. Wenn dieser Gott zu sich ins Leben aufrichtet, ist es für die irdische Existenz der Tod. Dieser Gott ist als reinigendes Feuer Purgatorium, als Gewonnener Himmel, als Verlorener Hölle. Dieser Gott mit den menschlichen Zügen Jesu Christi ist Richter: seine menschgewordene Menschlichkeit ist das Maß jeglicher Menschwerdung.

Christen trauen es dem auferstandenen Herrn zu, daß er mächtiger sein wird als alle gott- und menschenwidrigen Gewalten (1 Kor 15, 24). Christen hoffen darum für die ganze Menschheit: daß diese im Hinübergang der Generationen ins ewige Leben zu einer einzigen Gemeinschaft der Liebe wird, in der ein jeder dem anderen nur noch Liebes zu sagen und zu geben hat. Das Reich ist im Kommen, die Auffüllung des Hochzeitssaales im Gange.

Dr. Johannes Singer ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Hochschule in Linz

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau