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Digital In Arbeit

Drogen: Flucht und Suche

1945 1960 1980 2000 2020

Zuerst fällt es gar nicht so auf. Der Sohn, die Tochter sind eigentlich nur stiller geworden. Sie liegen in ihren Zimmern herum, hören Musik - den ganzen Tag. Sie werden unpünktlich.

1945 1960 1980 2000 2020

Zuerst fällt es gar nicht so auf. Der Sohn, die Tochter sind eigentlich nur stiller geworden. Sie liegen in ihren Zimmern herum, hören Musik - den ganzen Tag. Sie werden unpünktlich.

Schule oder Arbeit machen ihnen offensichtlich keinen Spaß mehr. Sie tun einfach nichts - den ganzen Tag überhaupt nichts. Manchmal riecht es seltsam in ihren Zimmern - aber das sind wohl die Räucherstäbchen, die da dauernd glimmen.

Bei manchen bleibt dieser Zustand über lange Zeit. Andere werden auf einmal hektisch, gehen zu den unmög-licHsten Zeiten aus dem Haus, kommen zu den unmöglichsten Zeiten wieder.

Irgendwann dann kommt der große Schock für die Eltern. Sie erkennen plötzlich: ihr Kind ist drogenabhängig. Zunächst sind sie gelähmt vor Schreck. Sicher, sie haben gehört davon, daß es so etwas gibt - aber doch nur bei anderen Leuten, nicht bei ihnen.

Sicher, man war schon einmal ungehalten, man hat darauf geachtet, daß Ordnung im Hause herrscht, daß die Kinder etwas leisten. Ist das denn zuviel verlangt? Man will doch nur ihr Bestes.

Sie müssen schließlich lernen, daß einem im Leben nichts geschenkt wird, daß man eine Verantwortung hat! Es geht ihnen eben zu gut.

So sehen es viele Eltern. Aber damit kommen sie nicht weiter. Mit ihren Kindern nicht, weil die sich jedem Gespräch entziehen - und mit dem Problem, vor dem sie nun stehen, auch nicht.

Man kann auch mit keinem darüber sprechen. Zugeben, daß der eigene Sohn, die eigene Tochter drogenabhängig ist - dazu gehört sehr viel Selbstüberwindung. Es würde bedeuten, daß man eingesteht, irgendwo bei den eigenen Kindern versagt zu haben. Das' spüren die betroffenen Eltern.

Ihre Kinder sind ihnen auch so fremd geworden. Sie können nicht nachempfinden, was in ihnen vorgeht. Sie können sich auch nicht vorstellen, was ihre Kinder an diesem Teufelszeug finden. Sie wissen einfach zu wenig darüber.

Ich arbeite seit zehn Jahren als Drogentherapeut und -gutachter. Es ist ganz klar, daß kein Drogenpatient so ist wie ein anderer, weil kein Mensch so wie ein anderer ist, Jeder hat seine ganz eigene Persönlichkeit und trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten:

• KeinJugendlichergreiftzu Drogen, weil das soviel Spaß macht. Sicher, manche lassen sich verführen oder probieren es einmal, weil ihre Freunde es auch tun. Aber auch für diese trifft zu:

• Jugendliche, die Drogen nehmen, fliehen vor etwas: vor Leisiungs-forderungen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen, vor dem Sich-nicht-verstanden-Fühlen durch die Elterngeneration, aus Versagensängsten, aus Einsamkeit.

• Sie suchen etwas in der Droge: Vergessen, was ihnen Unbehagen oder Angst verursacht. Aber auch ein Gemeinschaftserlebnis, vor allem dann, wenn sie Kontaktschwierigkeiten haben.

• Sie werden dabei nicht glücklich, sondern enttäuscht. Vergessen können sie zwar, während sie im Drogenrausch sind, aber das hört immer wieder auf, wenn die Wirkung der Droge nachläßt. Auch das erhoffte gemeinsame Erleben findet nicht statt, denn im Drogenrausch haben sie keine Verbindung zum anderen, sie erleben ihre Erfahrung so allein wie ihre Einsamkeit.

• Es war aber eine Hoffnung, die sie hatten, und wenn sich diese Hoffnung nicht erfüllt, so denken sie, das sei nur diesmal so gewesen. Das nächste Mal wird es sich bestimmt erfüllen. Und so tun sie es immer wieder und werden schließlich abhängig von der Droge.

Dann müssen sie weitermachen, weil sie nun Angst vor den Entzugser-.scheinungen bekommen. Sie haben gehört, oder sogar schon am eigenen Leibe erfahren, wie grausam Entzug sein kann.

• Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, nicht eine schlechte Angewohnheit, eine Jugendtorheit oder etwas, das nur geschieht, um die Eltern zu ärgern. Sie muß, wie jede andere Krankheit auch, behandelt werden. Es gilt für diese Krankheit wie für jede andere auch: Je früher man sie erkennt, um.so eher besteht die Chance, daß sie zu heilen ist.

• Bei keiner anderen Krankheit wird mit dem Kranken diskutiert, weshalb er gerade diese Krankheit hat. Bei einer Lungenentzündung fragen Eltern nicht: „Warum tust du uns das an?" Da geht man zum Arzt und tut das, was der Arzt dem Kranken verordnet. Da läßt man den Kranken auch nicht allein mit seinem Leiden, da wendet man sich nicht von ihm ab, sondern pflegt ihn, tut ihm Gutes, versucht ihm sein Leiden zu erleichtern.

• So muß das auch bei einem Drogenabhängigen geschehen, wenn ihm geholfen werden soll. Beim Drogenabhängigen ist es deshalb sehr viel schwieriger, weil er selbst seine Abhängigkeit nicht als Krankheit ansieht.

So muß man ihn vielleicht zwingen, daß er sich einer körperlichen Entziehungskur unterzieht. Die körperliche Abhängigkeit ist relativ leicht zu beheben, aber damit ist er noch nicht geheilt, denn die psychische Abhängigkeit bleibt weiterbestehen.

• Jede Krankheit hat eine Ursache. So auch die Drogenabhängigkeil. Manchmal sind es mehrere Ursachen. Sie müssen gefunden werden.

• Wenn Eltern frühzeitig bemerken, daß ihr Kind Drogen nimmt, dann können sie, wenn sie sich selbst überwinden und zugeben können, daß sie eben doch manches falsch gemacht haben - sei es, daß sie zuviel verlangt haben oder zuwenig, sei es, daß sie ihrem Kind zuviel Zuwendung gegeben oder zuwenig Zeit gehabt haben -, das Problem zusammen mit ihrem Kind mit Liebe und Verständnis zu bewältigen.

Haben sie es zu .spät bemerkt, dann müssen sie einen Fachmann zu Rate ziehen, am besten über eine Drogenberatungsstelle.

Wenn Eltern sich klar machen, daß ihre Kinder, indem sie in die Droge fiiehen, etwas suchen, was sie von ihren Eltern nicht bekommen haben, dann werden sie die richtige Einstellung zu diesem Problem finden und entsprechend handeln können.

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