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Dubcek hatte leider keine Kristallkugel

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Vor einem Vierteljahrhundert wurde in der damaligen Tschechoslowakei ein politisches Experiment mit Brachialgewalt gestoppt. Die Panzer der Warschauer Pakt-Armeen machten dem sogenannten Prager Frühling den Garaus. Die Reform des Systems, die Schaffung eines Kommunismus mit menschlichem Antlitz wurde von außen beendet.

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Vor einem Vierteljahrhundert wurde in der damaligen Tschechoslowakei ein politisches Experiment mit Brachialgewalt gestoppt. Die Panzer der Warschauer Pakt-Armeen machten dem sogenannten Prager Frühling den Garaus. Die Reform des Systems, die Schaffung eines Kommunismus mit menschlichem Antlitz wurde von außen beendet.

Was mit dem Namen des am 5. Jänner 1968 nach einer dreitägigen Marathonsitzung des Zentralkomitees der KPC zum neuen Parteichef gekürten Slowaken Alexander Dubcek assoziiert wird, ist eigentlich ein Widerspruch in sich: dem Kommunismus, der angetreten war, die Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und brutaler Herrschaft zu befreien, sollte ein menschliches Aussehen verpaßt werden. Die Reform des Kommunismus in der Tschechoslowakei schien notwendig geworden, weil der seit 1953 allmächtige Parteichef Antonin No-votny und seine Clique nicht mehr fähig waren, die tatsächliche Lage im Lande zu erkennen. Die fatalen wirtschaftlichen Zustände hatten den Lebensstandard der Tschechen und Slowaken auf die Hälfte des Standards von 1939 gedrückt.

Seit 1963 hatte es kein Wirtschaftswachstum mehr gegeben, personelle Überkapazitäten in der Industrie erarbeiteten immer weniger, die landwirtschaftlich Beschäftigten waren überaltert, gewaltige Importe mußten die Versorgung der in der Industrie Tätigen gewährleisten. Eine seit 1965 vom damaligen Direktor des Ökonomischen Instituts, Ota Sik, entworfene Wirtschaftsreform („Neues System der Leitung der Volkswirtschaft”) setzte auf Arbeiterselbstverwaltung, auf Orientierung am Rohstoff-, Arbeits- und Verbrauchermarkt. Sie sah auch Maßnahmen gegen die Nivellierung auf dem Lohnsektor vor. Leistungsbezogene Löhne war das Stichwort, was dann auch verwirklicht wurde, jedoch nicht mit jenen Folgen, die sich die Wirtschaftsreformer erwartet hatten.

Die Fabriken produzierten, was das Zeug hielt, unrentable und unbrauchbare Waren nach der alten Tonnen-Ideologie. Vieles wanderte sofort auf Halde, während immer mehr Geld unters Volk kam. Also mußten wieder die Preise inflationär hochgeschraubt werden.

Novotny war nicht zu retten

Ab 1967 wehrte sich der alte Parteiapparat gegen die Wirtschaftsreformen, hatte doch Ota Sik auch von der Notwendigkeit von einer halben Million Arbeitslosen gesprochen, die die doktrinären Kommunisten nicht in Kauf zu nehmen bereit waren. Selbst der stellvertretende Ministerpräsident Oldfich Cernik, der bald zum Ministerpräsidenten avancieren sollte - er war als Reform williger bekannt - war durch diese Zahl geschockt. Im Oktober 1967 verlangte Novotny vom mit seinen Parteigängern besetzten Zentralkomitee, gegen die Reform zu entscheiden.

Novotny-Freunde im Militär, wie General Jan Sejna, wollten das Ruder herumreißen und den alten Parteichef vor den Reformern um Alexander Dubcek retten. Sie dachten an den Einsatz einer Panzerdivision. General Prchlik vereitelte jedoch durch Verrat diesen Plan. Sejna flüchtete kurz danach in den Westen. Im Dezember 1967 kreuzte dann noch der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew bei einer Präsidiumssitzung der KPC in Prag auf: der Prager Sicherheitschef Miroslav Mamula und der Chefideologe Jiri Hendrych hatten mit ihren Berichten über die Lage in der Tschechoslowakei Moskau aufgeschreckt. Denn neben den wirtschaftlichen Reformen waren es die politischen Diskussionen.vorerst nur ein Nebenschauplatz des Geschehens, die dem Kremlchef Sorgen bereiteten. Breschnew erklärte aber die Krise in der KPC als tschechoslowakische Angelegenheit, in die er sich nicht einmischen werde. Die Lage Novotnys blieb jedoch prekär.

Einen entscheidenden Schritt weg von der ideologischen Indoktrination, vom Dogma der Kommunisten, die volle Wahrheit zu besitzen, hatten bereits im Juni 1967 Intellektuelle gesetzt. Bei der Konferenz des Schriftstellerverbandes, auf der der hemdsärmelige Chefideologe Hendrych die Vorkämpferdes freien Wortes als „unverantwortliche Elemente und Anarchisten” beschimpfte, kam es zu einer entscheidenden ideologischen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus.

Die Protagonisten, reformorientierte Parteimitglieder, waren Ludvik Vaculik, Ivan Klima und Pavel Ko-hout. Vaclav Havel gesellte sich als Newcomerzu den Reformkräften. Als Kohout Auszüge aus einem Brief Alexander Solschenizyns an den sowjetischen Schriftstellerverband vorlas, von dem eine tschechische Übersetzung kursierte, kam es zum Eklat. Hendrych stürmte aus dem Saal, er konnte sich nicht anhören, wie der russische Autor das, Joch” kritisierte, das der Literatur im Osten auferlegt sei, ein „Rest des Mittelalters, der wie Methusalem bis fast ins einundzwanzigste Jahrhundert überlebt hat”.

Der Schriftstellerkongreß als Vorbote des Prager Frühlings wurde mit dem Parteiausschluß der Protagonisten beendet, das Literaturblatt„Lite-rarny noviny” aufgelöst und unter die Aufsicht des Informationsministeriums gestellt. Diese Maßnahmen erwiesen sich jedoch als wirkungslos. Der Geruch der Freiheit, die Tatsache, daß erstmals Staats- und Parteiführung kritisiert worden waren, ließen den Widerspruch anschwellen. Aber die Arbeiter blieben gegenüber diesen Geschehnissen gleichgültig. Intellektuelle, Schriftstellerund Studenten waren die Träger des politischen Wandels. Das paßte übrigens genau in die Ideologie der westlichen Linken, wonach diejunge Intelligenz nach Bauern und Arbeitern als Agens des geschichtlichen Wandels weltweit die Geschicke in die Hand zu nehmen hätte.

Am 5. Jänner 1968 wurde jedenfalls ein Schlußstrich unter die Ära Novotny gezogen. Der abgesetzte Parteichef blieb noch bis zum 22. März Staatschef. Die Reformer um Dubdek wollten das Vertrauen der Menschen gewinnen, indem sie die freie Initiative förderten und den Griff der Partei lockerten. Eine Wirtschaftsreform an Haupt und Gliedern sollte der Bevölkerung neue Hoffnung geben. Die Rücknahme der Beschlüsse gegen die Schriftsteller signalisierte diesen neuen politischen Willen der Führung.

Mit dem 5. Jänner 1968 begann eine Periode, die sieben Monate und 15 Tage dauern sollte. Alexander Dubcek resümiert in seinen Memoiren „Hope Dies Last” (auf deutsch „Leben für die Freiheit”) diese Zeit folgendermaßen: „Die Anfangsphase des Prager Frühlings, die Zeit zwischen Januar und April 1968, ist zum Gegenstand vieler kritischer Untersuchungen geworden, die sich jedoch meines Wissens im wesentlichen auf zwei gegensätzliche Auffassungen reduzieren lassen. Eine Gruppe von Autoren behauptet, ich hätte zu langsam, die andere, ich hätte zu schnell gehandelt. Natürlich legen sie ihrem Urteil die sieben Monate und zwei Wochen vor der sowjetischen Invasion zugrunde, die uns im Rückblick vergönnt waren.

Mein Problem war, daß ich keine Kristallkugel hatte, die mir die Invasion der Russen prophezeit hätte. Zu keinem Zeitpunkt in den Monaten zwischen Januar und 20. August habe ich diese Möglichkeit auch nur in Erwägung gezogen. Die im nachhinein getroffenen Urteile sind daher zum großen Teil irrelevant. Selbst heute, fast vierundzwanzig Jahre später, wüßte ich nicht, was ich anders hätte machen sollen.

„Leider griffen Sowjets ein...”

An jedem Tag dieser kurzen acht Monate mußte ich sorgfältig sämtliche miteinander konkurrierende Realitäten um mich herum gegeneinander abwägen und meinen nächsten Schritt dementsprechend planen. Das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den obersten Organen - Präsidium, Sekretariat und Zentralkomitee - war von entscheidender Bedeutung. Außerdem meldete sich wieder so etwas wie eine öffentliche Meinung zu Wort, die schon bald zur wichtigsten Stütze meiner Politik wurde. Leider griffen die Sowjets ein, bevor ich diesen Hebel umfassend und gewinnbringend zur Beschleunigung des Reformprozesses einsetzen konnte.”

Der Kommunist Duböek nennt hier

- eigentlich ohne es ganz zu begreifen

- die Gründe für das Scheitern des Prager Frühlings: In seiner kurzen Ära als KPC-Chef gelang es nicht, die politischen Führungsstrukturen zu demokratisieren, die Führungspositionen waren maximal mit Demokratisierungswilligen besetzt, der Demokratisierungsgrad mußte sorgfältig von oben her zugelassen werden. Die Öffentlichkeit, oder wie man gerne sagt: die Masse, verhielt sich abwartend, die Intellektuellen hatten nicht die breite Arbeiterschicht hinter sich. Der Glaube an die Reformierbarkeit des realen Sozialismus erwies sich schließlich als falsch. 1968 konnte der Kommunismus noch mit Panzern „gerettet” werden. Doch genau diese „Rettung”, die das wahre Antlitz des Kommunismus deutlich machte - und das war kein menschliches - demonstrierte die innere Widersprüchlichkeit des Redens von einer Demokratisierung des Kommunismus.

Michail Gorbatschow sollte es zwanzig Jahre später erfahren: als der Chef des Sowjetimperiums nicht mehr bereit war, die Macht mit Panzern abzusichern, zerfiel dieses und krachte bis ins Herz der Macht zusammen.

Über die Invasion ab 20. August 1968 siehe FURCHE Nr. 34, Seite 6.

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