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Dürfen wir das Undenkbare denken?

zur diskussion

Ist ein Atomkrieg überhaupt mit Überlebensaussicht führbar, gar gewinnbar? Eine neue Pentagon-Studie rechnet mit einem Sieg über die Sowjetunion innerhalb von sechs Monaten, gleichzeitig aber mit zwanzig Millionen toten Amerikanern. Viele Menschen halten solche Planspiele für Selbstverständlichkeiten, andere, vor allem Vertreter der Friedensbewegung, für Wahnsinn.

Der Masochismus Atlanticus scheint seinem Höhepunkt entgegenzutreiben. Diesen Eindruck muß der Bürger gewinnen, wenn er die zahlreichen Kom- ' mentare studiert, die sich darauf beziehen, daß die strategischen Planer im Pentagon über Auftrag des US-Präsidenten das „Undenkbare" — also eine totale nukleare Auseinandersetzung zwischen den beiden Supermächten — durchdenken.

„Nachdenken über das Undenkbare" war schon etwa vor zwei Jahrzehnten eine Herausfor-

derung für Herbert Kahn, den wohl bekanntesten amerikanischen Zukunftsforscher. Es wäre doch wohl bedrückend und beängstigend, meinte Kahn damals, würden etwa in Moskau oder Washington die Verantwortungsträger den Einsatz dieses unvorstellbaren Vernichtungspotentials dem Zufall überlassen.

Man plant im Kreml ebenso wie im Weißen Haus, man berechnet globalstrategische Uber- oder Unterlegenheiten, seit es die Doktrin des gesicherten Gegenschlages zur Kriegsverhinderung durch Abschreckung gibt — von Chruschtschow bis Breschnjew ebenso wie von Kennedy bis Reagan.

Anfangs der sechziger Jahre nahm die strategische Doktrin der USA Gestalt an. Robert S. McNa-maras These war, dem rüstungstechnologischen Entwicklungsstand angepaßt, noch verhältnismäßig einfach. Selbst nach Hinnahme eines massiven sowjetischen Uberfalls auf die amerikanischen Interkontinentalwaffen müßten noch so viele einsatzbereit sein, um durch einen Gegenschlag 50 bis 75 Prozent der sowjetischen Industrie und 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung vernichten zu können.

Dieser gesicherte Gegenschlag sollte wegen der für die UdSSR unannehmbaren großen Opfer einen sowjetischen Erstschlag verhindern.

Die Mittel zur Abschreckung wurden vielfältiger und technisch ausgereifter. Systemgemäß mußte sich daher auch die Entwicklung der Doktrin dementsprechend anpassen.

Ronald Reagan wird nunmehr vorgeworfen, daß er nicht nur von der Führbarkeit eines Nuklearkrieges überzeugt sei, sondern daß er auch noch so vermessen wäre, zu glauben, ihn gewinnen zu können.

Die Sowjetunion hat den Westen nie im Zweifel gelassen, daß sie — nach ihrer Version — jeden ihr aufgezwungenen Krieg mit Kernwaffen führen kann und daß eine derartige Auseinandersetzung nur mit einem Sieg beendet wird.

Von der Bereitschaft aber, einen aufgezwungenen Krieg — und dies gilt für beide Seiten — auch anzunehmen und dafür Opfer zu bringen, hängt es ab, daß das „Undenkbare" nicht eintritt.

Ginge die Glaubwürdigkeit verloren, dann wäre jeder Erpressung Tür und Tor geöffnet. Wer sich keine Gedanken machen würde für den Fall eines gegnerischen Erstschlages, der könnte dann wohl auch seine Gegen-

schlagmittel, gewissermaßen als „Papiertiger", einmotten.

Nicht übersehen werden darf jedoch bei all den gegenwärtig angestellten spekulativen Betrachtungen der gewaltige Unterschied der politisch-strategischen Zielsetzungen.

Einer auf Weltherrschaft ausgerichteten* sowjetischen Ideologie steht die amerikanische Politik der globalen Eindämmung der sowjetischen Expansion gegenüber.

Bei der zitierten Meldung über die Atomkriegs-Pläne im Pentagon könnte es sich um eine gezielte Indiskretion handeln, um einerseits der wachsenden Europaverdrossenheit der Amerikaner entgegenzusteuern, andererseits das in Europa ansteigende Mißtrauen gegenüber der transatlantischen Partnerschaft abzubauen und ein Signal an den Kreml zu senden, daß die USA nicht gewillt sind, die Gefahr einer sowjetischen Drittschlagfähigkeit durch einen permanenten Rüstungszuwachs, ähnlich wie in den späten siebziger Jahren, zu verdrängen.

Amerika scheint das Vietnam-syndrom, den Watergate-Schock und die Demütigungsphase während der Teheraner Geiselaffäre überwunden zu haben. Man mag die Auffassung vertreten, daß der Pendelschlag in Washington zu weit reichen würde.

Die Europäer wären aber schlecht beraten, wollten sie nicht erkennen, daß sie selbst die atlantische Partnerschaft so sehr strapazieren und damit die USA als ihren Sicherheitsgaranten in den Unilateralismus treiben.

Nun wissen wir's: Die USA können einen Atomkrieg gegen die Sowjetunion führen und auch gewinnen.

Nach dem neuen Plan gäbe es mehr tote und sieche Russen (wohl auch Europäer) als im Zweiten Weltkrieg. Aber auch die Amerikaner hätten einen viel hö-

heren Blutzoll zu entrichten als im letzten Weltkrieg.

Immerhin blieben noch viele US-Amerikaner am Leben.

Aber wir sollten uns nicht allzusehr über diese militärische „Studie" mokieren. Die Militärs sind oft in einer sehr schwierigen Lage. Sie sollen genügend Phantasie entwickeln, daß sie sich einen

künftigen Krieg richtig vorstellen können.

Dennoch zeigten die beiden letzten Weltkriege nur allzu deutlich; daß der Weitblick bei Militärs und Politikern nicht besonders groß war. Dies vor allem deshalb, weil die komplexe Wirkung moderner Waffen schwer einzuschätzen ist.

So blieben Zehn-, wenn nicht Hunderttausende Pferde und Reiter k.u.k. Österreichs vor den russischen Schützengräben und Maschinengewehren liegen.

Aber das waren Kleinigkeiten gegenüber möglichen Fehlkalkulationen heute.

Ich mißtraue dieser Studie.

Als Beispiel für die Fehlerhaftigkeit militärischer Prognosen denke man an unseren Star-Experten General Kuntner, der im Fernsehen vor Millionen Zuse-hern nach der ersten Landung der Briten auf den Falkland-Inseln erklärte, sie könnten diese, angesichts des Klimas dort, im besten Falle in sechs Monaten erobern. Tatsächlich brauchten die Briten dazu 14 Tage.

Da ist die Meteorologie präziser.

Andererseits gefallen mir die Amerikaner und ihr Präsident Ronald Reagan. Sie nehmen ernst, was sie ernst nehmen müssen, soll das sogenannte „Gleichgewicht des Schreckens" tatsächlich jenen Schrecken verbreiten, der letztlich das Gleichgewicht sichert. Nur so bleiben sie glaubwürdig.

Sind die Amerikaner (oder die Russen) nicht bereit, notfalls einen Atomkrieg zu führen, und sie tun nur so als ob, dann käme der jeweils andere in die Versuchung, von sich aus anzufangen.

Vom christlich-moralischen Standpunkt aus gesehen wird hier immer gemogelt. Manmuß, identifiziert man sich mit einer der beiden Seiten, zu tun bereit sein (zum atomaren Gegenschjag zumindest), von dem man genau weiß, daß dies auf keinen Fall moralisch vertretbar ist. . Schlecht ist das ganze System der Abschreckung, nicht primär jene, die ehrlich genug sind, es ernst zu nehmen. Und die Konsequenz sollte nicht eine moralische Entrüstung sein, sondern die Konzeption einer Alternative zum „Gleichgewicht des Schrek-kens":

Abrüstung, das heißt Reduzierung und letztlich Abschaffung der ABC-Waffen, ist sicherlich ein wichtiges Ziel. Aber was geschieht bis dahin?

Darf man, bis eine allgemeine atomare Abrüstung erreicht ist, Atomwaffen „zur Verteidigung" einsetzen und womöglich Hunderte Millionen Menschen töten und noch mehr zum Siechtum verurteilen?

Die US-Militärs sagen j a, womit sie aber nichts anderes tun als das System zu bejahen, von dem sie ausgehen.

Ich bin nun überzeugt, daß die wirkliche Alternative zum „Gleichgewicht des Schreckens" eine einseitige Abrüstung ist, so hart die Konsequenzen dabei auch scheinen mögeh.

Wir alle müssen aber Ronald Reagan und seinen Leuten dankbar sein für die Ehrlichkeit. Sie zwingen uns zu konsequentem Denken und leisten so einen dialektischen Beitrag zum Nachdenken über den Frieden. Niemand hat bislang so erfolgreich für die Friedensbewegung agiert als Reagan und sein Team.

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