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„Durch Wforte Brot auf kommt kein den Tisch!“

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Wenn in den USA die Bischöfe zu weltlichen Fragen Stellung nehmen, dann rufen sie mitunter scharfe Kritik hervor. So auch mit ihrem jüngsten Hirtenbrief.

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Wenn in den USA die Bischöfe zu weltlichen Fragen Stellung nehmen, dann rufen sie mitunter scharfe Kritik hervor. So auch mit ihrem jüngsten Hirtenbrief.

Zwar waren Amerikas Bischöfe darauf gefaßt, aber dennoch dürften sie unangenehm berührt gewesen sein: Kaum hatten sie ihren neuesten Hirtenbrief „Gerechtigkeit für alle“ beschlossen, konterte die Laienkommission mit einer Vehemenz, die nichts zu wünschen übrig ließ: „Untersucht doch lieber die wahren Ursachen der Armut!... Sprüche klopfen bringt kein Brot auf den Tisch!... Denkt lieber darüber nach, wie man den Werte-Verfall stoppen und eine moralische Aufrüstung in Gang bringen könnte!“ Das mußten sich die Oberhirten sagen lassen — und noch einiges mehr.

Das Barometer zeigte auf Sturm, als sich die amerikanischen Bischöfe Mitte November in Washington versammelten und ihre Beratungen im Rahmen der alljährlich stattfindenden Bischofskonferenz begannen. Galt es doch, die bedrohlichen Risse in dem Verhältnis zum Vatikan zu kitten und allen internen Spannungen zum Trotz eine gemeinsame Linie zu finden.

Die verschiedenen Strömungen, nämlich konservative, gemäßigtliberale und progressive, spiegelten sich in der Wahl des neuen Präsidiums wider. Der neue Präsident, der die Nachfolge des Erz-bischofs von Youngstown, Ohio, James Malone, antritt und diese Funktion drei Jahre lang bekleiden wird, ist der als gemäßigter Progressiver geltende Erzbischof von St. Louis, John L. May. Sein konservativer Gegenkandidat, der Erzbischof von Boston, Kardinal Bernard Law, der bei der Bischofskonferenz wörtlich sagte, der Papst hätte „unverantwortlich gehandelt, wenn er im Falle Hunthausen (FURCHE 43/ 1986) nicht durchgegriffen hätte“, unterlag bei diesem Wahlgan.

Bei der nächsten Wahlrunde, bei der es um den neuen Vizepräsidenten der Bischofskonferenz ging, gewann Kardinal Daniel Pi-larczyk, ein gemäßigter Progressiver. Law unterlag noch einmal, nämlich als es um die Wahl des Delegierten für die Bischofs-Synode, die nächstes Jahr im Vatikan stattfinden wird, ging. Die Gemäßigten und die Progressiven einigten sich auf den liberalen Erzbischof Rembert Weakland (FUR-CHE-Interview 25/1986) und manövrierten so den Bostoner Kardinal aus.

Dieser Hintergrund ist für die Beurteilung des Hirtenbriefes über die amerikanische Wirtschaft („Economic Justice for All“) vielleicht deswegen interessant, weil Erzbischof Weakland der Vorsitzende jenes Komitees war, das den Hirtenbrief verfaßte.

In „Economic Justice for All“ wird nun festgestellt, daß es den USA nicht gelungen sei, das Problem der Armut zu lösen: „Daß es in einem so reichen Land wie dem unseren so viel Armut gibt, ist ein gesellschaftlicher und moralischer Skandal, über den man nicht hinwegsehen darf“, heißt es dort unter anderem wörtlich. Präsident Reagan wird zwar nicht namentlich genannt, aber die Kardinäle unterzogen seine Innen- und Außenpolitik einer scharfen Kritik.

• Sie fordern mehr Wirtschaftsplanung (siehe auch Seite 10): Diese Forderung haben sie der in den USA in dieser Hinsicht freilich nicht sehr populären päpstlichen Soziallehre entnommen. Konservative Amerikaner mögen sich dabei eher an Forderungen des linken Flügels der Demokratischen Partei erinnert fühlen. Derzeit verfolgen die USA einen genau entgegengesetzten Kurs, nämlich die Förderung des privaten Unternehmertums und so wenig staatliche Eingriffe wie möglich („Deregulation“). Diesen Prinzipien verdanken die USA ihre derzeitige Ankurbelung der Konjunktur.

• Die Bischöfe verurteilen weiters das ihrer Meinung nach nur angeblich freie Spiel der Marktkräfte.

• Weiters äußern sie sich besorgt über die Entwicklung der Unternehmergewinne, verglichen mit der Entwicklung der Masseneinkommen.

• Sie fordern eine Erhöhung des Mindestlohnes (derzeit 3,25 US-Dollar = 46 Schilling pro Stunde) und glauben mit dieser Forderung den Armen zu helfen. Auch diese Forderung, die zu den klassischen der Katholischen Soziallehre gehört, steht auf der Wunschliste des linken Flügels der Demokratischen Partei.

• Weiters drängen die Bischöfö auf den Ausbau des sozialen Wohlfahrtssystems. Geldzuwendüngen können, wenn sie nicht nur an Alte, Witwen, Waisen und Arbeitsunfähige erfolgen, ungünstige Auswirkungen haben, sie können arbeits-demotivierend wirken, die Eigenverantwortung des einzelnen negieren und seine Würde beeinträchtigen, indem ein Abhängigkeitsverhältnis hergestellt wird.

• Empfohlen wird auch eine höhere Besteuerung der Reichen und Großverdiener. Nicht zum Ausdruck kommt, daß in wenigen Wochen eine Steuerreform in Kraft tritt, die gerade die Empfänger niedriger Einkommen am stärksten begünstigt.

• Gewünscht wird von den Bischöfen auch der Ausbau der Entwicklungshilfe. Das Problem dabei ist, daß die Entwicklungshilfe oft nur der Oberschicht eines betreffenden Landes zugute kommt. Ob sich durch verstärkte Hilfe etwas ändern würde, bleibt fraglich.

• Die Bischöfe fordern schließlich eine Reduzierung der Militär-Ausgaben.

Es ist leicht, zu verlangen, daß beim Militärbudget eingesparte Beträge den Sozialausgaben zugeschlagen werden sollen, wenn man nicht auch untersucht, wie man dieses Ziel erreicht, ohne die Abwehrkraft des Landes in verantwortungsloser Weise zu schwächen und eventuell sogar

militärischer Erpressung auszuliefern.

Das sind nicht alle, wohl aber die wichtigsten Punkte des im Hirtenbrief enthaltenen Forde-rungs-Kataloges.

Hier soll keinesfalls der Eindruck erweckt werden, daß der gesamte Inhalt von „Economic Justice for All“ oder der Hirtenbotschaft zum gleichen Thema, die wesentlich kürzer gefaßt ist und nur aus 29 Absätzen besteht, einer kritischen Prüfung nicht standhält oder sogar abzulehnen ist. Vor allem steht der Grundgedanke, daß die sozial Schwachen aus den Fesseln der Armut befreit werden sollen, außerhalb jeder Diskussion.

Es muß auch anerkannt werden, daß seit dem Vorliegen der ersten Fassung des Hirtenbriefes vom November 1984 zahlreiche Ergänzungen, Korrekturen und Neuformulierungen in die endgültige Fassung Eingang gefunden haben.

Eine kleine, aber intellektuell sehr schillernde Organisation, die 1984 gegründete Laienkommission (Lay Commission on Catholic Social Teaching and the U. S. Economy) hat unter dem Titel „Liberty and Justice for All“ eine 23 Seiten umfassende Stellungnahme zum Hirtenbrief abgegeben. Vor zwei Jahren publizierte sie eine 120 Seiten lange Erklärung zum gleichen Themenkreis unter dem Titel „Towards the Future“. Diese Laienkommission besteht aus 29 Mitgliedern, ihr Vorsitzender ist der frühere Finanzminister William E. Simon, sein Stellvertreter ist Michail Novak, Theologe und Schriftsteller.

In ihrer Kritik begrüßt die Laienkommission zunächst den konstruktiven Beitrag der amerikanischen Bischöfe zur Soziallehre der Universalkirche und lobt ihr moralisches Anliegen, mit dem sie

einen umfassenden Dialog über die soziale Frage in Gang brachten. Diese Haltung wird von den Laien expressis verbis unterstützt.

Den bei weitem größten Raum ihrer Stellungnahme nehmen aber kritische, zum Teil sogar ablehnende Kommentare ein. Es sei zwar richtig, daß es innerhalb der amerikanischen Wirtschaftsstruktur viele Fehler und Schwachstellen gibt, aber viel schwerer als diese Mängel sei der Verfall der moralisch-kulturellen Traditionen, auf welchen Amerikas politisches und wirtschaftliches System letzten Endes basiert:

„So fundamentale moralische

Tugenden wie die persönliche Verantwortung des einzelnen, Vertrauen, Strebsamkeit, harte Arbeit, eheliche Bindung, gutes Familienleben, voreheliche Enthaltsamkeit sowie die Zielsetzung einer guten Berufsausbildung sind Gegenpole zu laxen sexuellen Maßstäben, Schwangerschaft von Jugendlichen, Abtreibung, vaterlosen Haushalten und vorzeitigem Abgang aus der Schule.“

Es seien vor allem die moralischen Werte, die einer Kräftigung und Erneuerung bedürfen. Ihnen sollte sich daher die Aufmerksamkeit der Bischöfe in erster Linie zuwenden, während Fragen der wirtschaftlichen und sozialen Gerechtigkeit zwar durchaus auch in den Kompetenz-Bereich der Bischöfe fielen, aber eben erst in zweiter Linie. Für diese letzteren Fragen seien vor allem die Laien zuständig.

„Wir vertreten die Ansicht, daß unsere Nation auf den Prinzipien

individueller Freiheit, freiwilliger Zusammenschlüsse und der Machtbegrenzung der Regierung aufbauen sollte. Diese Prinzipien sind es, die unser Land zu einem Beispiel für die ganze Welt machten; Wir sind überzeugt davon, daß es absolut keine Unvereinbarkeit zwischen unserem Leben als Katholiken und unserem Leben als aktive Teilnehmer an einer freien Wirtschaft gibt“, erklärte Simon in einer Presse-

Konferenz. Und er fügte hinzu, daß die privatwirtschaftliche Initiative und nicht der Staat die Quelle des Wohlstandes in den USA sei.

Dieser Einwand des Exmini-sters ist eigentlich recht unsachlich. Denn der Hirtenbrief thematisiert das Problem der sozialen Ausgleichsgerechtigkeit und eben nicht das der individuellen Freiheit. Nicht jeder Hirtenbrief kann alle Probleme gleichmäßig behandeln. Außerdem vertritt Minister a. D. Simon eine Position, Wohlstaatsverfechter eine andere.

Die wohl massivste Attacke gegen die Bischöfe war aber zweifellos folgende: „Die ganze Welt mußte die schmerzliche Erfahrung machen, daß die besten Absichten, die schönsten Formulierungen und höchsten Ideale den Menschen nicht mehr Brot bringen. Nur vernünftige Institutionen und intelligente wirtschaftliche Tätigkeit führen zu einem reicher gedeckten Tisch.“

Zur Ehre der Bischöfe muß gesagt werden, daß sie ausdrücklich zur Kritik an ihren Vorstellungen aufgerufen h>ahen und daß sie schon bisher ihre Bereitschaft zum Dialog mit den Laien wiederholt unter Beweis stellten. An Denkanstößen für einen konstruktiven Dialog dürfte es ja kaum fehlen.

Der Autor ist Leiter der Repräsentanz der Genossenschaftlichen Zentralbank AG in New York,

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