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Eigene Wege für Lateinamerika

1945 1960 1980 2000 2020

Weil die Bedingungen in der Dritten Welt heute andere sind als die in Europa vor 150 Jahren, wird die Industrialisierung in diesen Ländern auch anders sein müssen.

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Weil die Bedingungen in der Dritten Welt heute andere sind als die in Europa vor 150 Jahren, wird die Industrialisierung in diesen Ländern auch anders sein müssen.

In den sechziger Jahren haben die UNO und die von John F. Kennedy ins Leben gerufene Allianz für den Fortschritt ein Entwicklungsmodell für Lateinamerika vor Augen gehabt, das heute als gescheitert angesehen werden muß. Wohl der wichtigste Grund für dieses Scheitern ist in dem Umstand zu sehen, daß in Lateinamerika heute gänzlich andere Bedingungen herrschen als in Eu-

ropa vor 150 Jahren. Daher ist auch das Ubertragen des europäischen (bzw. nordamerikanischen) Entwicklungsmodells zum Scheitern verurteilt.

Welches sind aber die wichtigsten Unterschiede?

Deutliche Unterschiede gibt es zunächst bei der Bevölkerungsentwicklung. In Lateinamerika liegen die Wachstumsraten heute viel höher als in Europa zur Zeit der industriellen Revolution. Von 1800 bis 1900 wuchs die europäische Bevölkerung nämlich von 187 auf 401 Millionen Menschen an. Sie hat sich also in 100 Jahren etwas mehr als verdoppelt.

Demgegenüber betrug der Zuwachs in Lateinamerika allein in den 50 Jahren zwischen 1920 und 1970 rund 190 Millionen, was eine Verdreifachung bedeutet. 1980 bewohnten sogar 360 Millionen Menschen diesen Subkontinent, was eine Vervierfachung in nur 60 Jahren widerspiegelt. Auch die Verstädterung ist viel weiter fortgeschritten.

Dieser Unterschied ist insofern von Bedeutung, als eine rasch wachsende Bevölkerung einen starken Druck auf die verfügbaren Ressourcen eines Landes ausübt.

Sicher wächst mit der Bevölkerung auch das menschliche Produktivkapital. Menschen werden jedoch nur dann wirksam in der

Produktion eingesetzt, wenn die Organisation des wirtschaftlichen Prozesses mit der wachsenden Bevölkerung Schritt hält. Gerade in dieser Hinsicht stehen die Länder Lateinamerikas heute unter viel stärkerem Druck als Europa vor 150 Jahren.

Die industrielle Entwicklung Europas erfolgte aufgrund einer im Vergleich zu heute extrem arbeitsintensiven Technologie, die außerdem keine allzu hohen Anforderungen an das Qualifikationsniveau der Beschäftigten gestellt hat. So beschäftigen beispielsweise die britischen Kohlenbergwerke im vorigen Jahrhundert bis zu 1,2 Millionen Menschen, was etwa zehn Prozent der damals aktiven männlichen Bevölkerung Englands entsprach.

In Lateinamerika wird im Gegensatz dazu heute vielfach eine Technologie forciert, die fast zwei Jahrhunderte arbeitssparende Entwicklung hinter sich hat und die vor allem der wirtschaftlichen Lage der Industrieländer angemessen ist. Aus Konkurrenzgründen wird sie aber in Lateinamerika eingesetzt, obwohl in diesen Ländern eine ganz andere, viel arbeitsintensivere Technologie angemessen wäre. Auch die Qualifikationsanforderungen entsprechen nicht den lateinamerikanischen Gegebenheiten, da zu wenig unqualifizierte Arbeiter eingesetzt werden.

Trotz arbeitsintensiver Technologie und dem im Vergleich zu Lateinamerika geringeren Bevölkerungswachstum gelang es Europa im vorigen Jahrhundert keineswegs, die Vollbeschäftigung zu sichern. Als Ausweg für den aus allen Nähten platzenden Arbeitsmarkt bot sich damals jedoch die Auswanderung in überseeische Gebiete an. Allein zwischen 1812

und 1914 haben rund 20 Millionen Menschen die britischen Inseln verlassen. Zwischen 1870 und 1900 wanderten 2,3 Millionen Deutsche und 1,5 Millionen Italiener aus. Wohin sollen aber heute die arbeitslosen Millionenheere Lateinamerikas auswandern? In den Industrieländern finden bestenfalls jene Arbeit, die aufgrund ihrer hohen Qualifikation im eigenen Land viel dringender benötigt würden.

Sehr deutlich ist auch der Unterschied, wenn man die Bevölkerung unter dem Aspekt der Schichtung betrachtet. In Europa — vor allem in den protestantischen Ländern — gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein bedeutendes, zum Teil sehr selbstbewußtes und vor allem unternehmerisch motiviertes Bürgertum, das als eigentlicher Träger der Industrialisierung angesehen werden kann. Diese „mittlere" Schicht ist in den meisten lateinamerikanischen Ländern von nur geringer Bedeutung (Ausnahmen sind Chile, Argentinien und Uruguay).

Sehr unterschiedlich ist auch die Situation der Landwirtschaft. In vielen Ländern Europas waren Landreformen durchgeführt worden und die Besitzverhältnisse an Grund und Boden daher unvergleichlich weiter gestreut als heute in Lateinamerika. Hier herrscht weiterhin eine unvorstellbare Konzentration. Ganz wenige Reiche besitzen einen Großteil des Grund und Bodens. Auch in der Landwirtschaft ist die Technik heute viel zu wenig arbeitsintensiv.

Schließlich hatte Europa keine koloniale Vergangenheit. Seine Industrialisierung verlief ohne gezielte Einflußnahme von außen. Die Wirtschaft der Länder Lateinamerikas war aber über lange Perioden hinweg auf die Bedürfnisse der Industrieländer

ausgerichtet (zunächst die Kolonialmächte Spanien und Portugal, später die wirtschaftlich führenden Länder England und USA).

Diese Verflechtung ist heute noch komplexer, teilweise intensiver geworden. Hier wäre besonders die Verflechtung durch die transnationalen Unternehmen zu nennen. Vielfach kommt es auch zu direkter politischer Einflußnahme der Industrieländer, manchmal zu unmittelbarer militärischer Intervention. Diese massive Auslandsbeeinflussung erschwert eine Wirtschaftspolitik, die primär an eigenen nationalen Interessen ausgerichtet ist. Sie erschwert aber auch die Kapitalbildung durch die nationale Industrie.

Insgesamt ist es das extrem hohe Maß an heute vorherrschender internationaler Verflechtung, das jede eigenständige Politik enorm erschwert.

Das alles sind nur einige der Unterschiede, die erklären, warum sich Lateinamerika nicht den Weg Europas zum Vorbild nehmen kann, also auf eine Industrialisierung sozusagen im Nachziehverfahren verzichten muß. Es gilt, eine Politik zu entwickeln, die sich nach anderen Leitlinien ausrichtet. Allein die noch immer nicht überwundenen Folgen von Kolonialismus und Imperialismus legen dies nahe. Es wäre dringend notwendig, daß sich die Europäer und Nordamerikaner dies bewußt machen und aufhören ihre Maßstäbe als die allein gültigen und ihren Weg als den allein gangbaren anzusehen.

Der Autor ist Mitarbeiter des Lateinamerikainstitutes in Wien und kommt aus Paraguay.

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