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Ein Ausbruch zur Liebe

Als sie, vom Bahnsteig kommend, die Rolltreppe zur Kassenhalle des Südbahnhofs hinunterfuhren, stritten sie noch immer. Ursula redete wütend auf Kurt ein, aber sein Gesicht war bis auf weiteres geschlossen. Sie hatte Schwierigkeiten mit dem Gepäck, die kleine, karierte Reisetasche, die sie im Zug nicht mehr zugebracht hatte, rutschte ihr aus der Hand. Wasch- und Zahnputzzeug kullerten treppabwärts; Kurt, schon fast unten, drehte sich nicht um; draußen wartete ein grauer, dreckiger Morgen.

Zu Hause am Küchentisch tranken sie schwarzen Kaffee. Kurt hatte einen Stoß Post aus dem Briefkasten im Flur genommen, Ursula sah durch ihn durch, wäh-

rend er stumm die Briefe sortierte. Berufliches rechts. Privates links: ein ordentlicher Mensch. Nebenbei schob er Ursula ein Couvert hin.

Später wußte sie, daß dieser Brief alles verändert hatte. Oder genauer: daß dieser Brief der Veränderung, die schon im Gang war, einen Sinn gab. Damals wußte sie es noch nicht: sie hielt das Couvert in der Hand und betrachtete Kurts Profil. Erst als sie merkte, daß er auch weiterhin nicht vorhatte, mit ihr zu sprechen, öffnete sie den Umschlag.

Nein, sie hatte sich in den Jahren davor nicht viel um die Großmutter gekümmert. Die Oma gehörte sozusagen einem anderen Leben an, in dem sie, Ursula, ein Kind gewesen, und gern Märchen gehört hatte, das war eine Ewigkeit her. Ab und zu bei der alten Frau vorbeigeschaut hatte Else, Ursulas unverheiratete Cousine, auch gab es ja Nachbarn. Und dank einer erstaunlichen Vitalität hatte sich die nunmehr über Achtzigjährige selbst versorgt, war jeden Tag einkaufen und ihre Runde um den Häuserblock gegangen, sodaß man sie, mit anderen Problemen überbeschäftigt, fast vergessen konnte. Jetzt aber hatte sich die Großmutter wieder in Erinnerung gebracht. Ursula sah sich in Kurts Auto stadtauswärts fahren: mit dem Anlaß entsprechenden, ernsten und im Nachgeschmack des kaum verdauten Streits noch bitteren Lippen. Auf der Wienzeile mußte sie scharf bremsen, der Verkehr wirkte hypernervös. Aber wahrscheinlich ging die Nervosität von ihr selbst aus. Dann sah sie sich, wie sie durch den Spitalsgarten ging. Alte Leute, manche in Rollwagen, trippelten, fuhren, standen und saßen unter halbkahlen Bäumen. Wie ihr die Pfleglinge nachschauten, hinter ihr hertuschelten. Sie warf ihr Haar über die Schulter: unsicher oder trotzig. Und dann das Krankenzimmer, erschrek- kend weiß. Zwei Fenster, ein Tisch, ein paar Sessel, vier Stahlrohrbetten. In jedem Bett eine greise Patientin, worauf wohl wartend? Die im Bett links spreizte bei Ursulas Eintritt alle zehn Finger gegen den bösen Blick. Am Bett der Großmutter sitzend: Claire und Alice. Zwei Tanten, altgewordene Pensionatsmäd - chen, die sich unaufhörlich, aber diskret in spitzenbesetzte Tüch- lein schneuzten. Sobald sie Ursula, die noch immer an der Tür stand, erkannten, atmeten sie hörbar auf. „Da ist sie ja!“ sagte Tante Claire. „Na endlich!“ sagte Tante Alice. „Das Herzpinkerl!“ Und dann sah sich Ursula am Bett stehn, und die kleine, alte Frau, die sie, um ehrlich zu sein, ohne die Tanten kaum wiedererkannt hätte, lag da mit geschlossenen Hohlaugen und spitz gegen den weißen Plafond ragender Nase. Und sie’ wußte nicht, wie sie sich bemerkbar machen sollte, die Tanten flüsterten laut, und schließlich berührte sie vorsichtig die Hand der Großmutter. Eine Patschhand mit Pergamenthaut und blauen Adern. Da zuckte die Oma zusammen und dann griff sie zu.

Und es war, sagte Ursula, wie wenn man sich an eine Melodie erinnert. Eine Sequenz fällt einem ein, und es scheint seltsam, daß man sie überhaupt je aus dem Sinn verloren hat, und eigenartig gerührt weiß man plötzlich wieder das ganze Lied. „Ursula“, sagte die Großmutter, „Uschi, schön, daß du da bist!“ Und dann, im Rücken gestützt, sagte sie der Enkelin etwas ins Ohr.

Natürlich bezweifelte Kurt, daß es so gewesen sei. „Du hast dich verhört“, sagte er, „du hast deine eigenen Probleme auf die Großmutter projiziert, das bildest du dir nur ein! Warum sollte sie sich eingesperrt fühlen? Das ist doch Unsinn! Dort hat sie ihre Pflege.

Im übrigen ist das unmöglich: mit einem Oberschenkelbruch steht man in diesem Alter nicht mehr auf.“

Mag sein, daß sich Ursula durch seine Reden provoziert fühlte. Jedenfalls vernachlässigte sie von da an ihre sogenannten Hausfrauenpflichten ebenso wie die Proben am Theater und verbrachte fast jeden Nachmittag bei der Großmutter. Vergalt ihr das dreißig Jahre zurückliegende Märchenerzählen durch Plaudern und Vorlesen, trieb, sobald der Bruch einigermaßen verheilt war, Gymnastik mit ihr, führte sie, sobald sie aufstehen durfte, auf dem Gang und endlich im Garten spazieren. Und es wurde Spätherbst darüber, und es wurde Winter und es wurde Vorfrühling.

Die ganze Zeit über sagte die Großmutter: „Hol mich hier raus!“

Und je besser es ihr ging, desto schwerer wurde es Ursula, sie zu vertrösten. Allerdings sagte sie noch etwas, und das war verwirrend. „Du mußt den Onkel Franz benachrichtigen.“ Oder: „Der Onkel Franz wird mich abholen.“ Wer war der Onkel Franz? — Wie sich herausstellte, war der Onkel Franz ihr Cousin. „Der hat mich“, sagte die Großmutter, „immer verehrt.“ Den Onkel Franz, den wollte sie noch einmal sehn. Die Sache hatte nur einen Haken: der Onkel Franz war bei der K & K Kriegsmarine gewesen, und man hatte seit 1917 nichts mehr von ihm gehört.

Und dann dieser Abend, an dem sie neuerlich stritten. Sie hatten sich besser verstanden in den letzten Wochen, nun hatten sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder körperlich geliebt, danach massierte Ursula Kurt den Rücken. Sie wollte ihm Mitesser ausdrücken, was er partout nicht leiden konnte, er entzog sich ihr mit einer unwilligen, fast angeekelten Bewegung. Da welkte etwas, das eben neu aufgekeimt war in ihr, wieder in sich zurück, sie stand auf, ging ins Badezimmer und zog sich an.

„Wo willst du hin?“ fragte er, als er merkte, daß sie wegwollte; sie sagte: „An die Luft!“ - „Jetzt, um die Zeit?“ — Sie zuckte die Achseln, schwieg. — „Ich möchte nicht,“ sagte er, „daß du jetzt weggehst, bleib da!“ — Sie war schon im Vorzimmer. Er sprang auf, um sie festzuhalten. Da klingelte es an der Tür.

Draußen stand die Großmutter. Kurt floh ins Schlafzimmer zurück.

„Stell dir vor, sie ist ausgerissen“, informierte ihn Ursula zwei Minuten später. „Unten wartet ein Taxi. Ich geh es bezahlen … Die Oma meint, wir könnten sie hierbleiben lassen.“

„Das fehlt noch!“ Das war’s, was Kurt zuerst dazu einfiel. Und dann: „Nimm doch den Autoschlüssel und bring sie wieder ins Spital!“ — In diesem Moment mußte es endgültig geschehen sein. Ursulas Liebe hob sich einfach von ihrem Mann weg und wurde (ja, man kann es so sagen, wenn man es entsprechend betont), und wurde ver-rückt.

Klar, Kurt fand später, nicht Ursulas Liebe, sondern Ursula als solche sei verrückt geworden. Aber wer war Ursula als solche? Und was ist ein Mensch ohne seine Liebe? — „Ach was, philosophier nicht!“ sagte Kurt auf der Rückfahrt (sie hatte ihn, da ihr das Geld ausgegangen war, anrufen müssen, aber das war nur äußere Abhängigkeit), „du spinnst ja! Mit einer alten, aus dem Krankenhaus ausgerückten Frau einfach bei Nacht und Nebel nach Triest zu fahren! Du hast noch Glück, daß ich Jurist bin!“

Ursula hörte ihm nicht sehr aufmerksam zu. Durch ihren Kopf liefen die Eindrücke der letzten achtundvierzig Stunden wie ein zu rasch abschnurrender Diavor- trag. Sie und die Oma im Auto. / Bildwechsel./ Die Gesichtslandschaft der Großmutter. /Bildwechsel./ „Wo fahren wir hin?“ (Das käme vom Tonband). „Wo fahren wir hin?“ — „Na, zum Onkel Franz!“

Und dann die Autobahn. Wegweiser. Straßenschilder. Semmering. Bruck an der Mur. Der Neu- markter Sattel. Die regenglänzende Straße. Fast kein Verkehr. Nur ab und zu, in einer vage leuchtenden Koje vorbeischwimmend, Ursula überholend oder zurückbleibend, ein Lastwagenfahrer mit Hängeaugen, so übernächtig wie sie.

Und schließlich, frühmorgens, im Nebel, die Grenze. Wie die Großmutter sich auf richtet. Und wie sie natürlich keinen Paß hat. Das hatte Ursula nicht bedacht. „Das ist Menschenschmuggel“, sagte Kurt, „wenn man eine alte Frau in eine Decke gewickelt über die Grenze befördert, stell dir vor, sie hätten euch erwischt. Und das alles nur wegen dieser fixen Idee mit dem Onkel Franz. Der muß doch längst tot sein!“

Da murmelte die Großmutter, auf dem Rücksitz liegend wie bei der Hinfahrt, etwas im Traum. „Was sagt sie?“ fragte Kurt. Ursula lächelte. „Na hör doch hin!“

„Der Onkel Franz“, murmelte die Großmutte, „jaja, der Onkel Franz. So ein lieber Mensch. Und überhaupt nicht verändert. Ein Kavalier vom alten Schlag!“

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