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Ein Beispiel christlicher Dichtung

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Überblickt man die christliche Literatur des 20. Jahrhunderts, so fällt folgendes auf: In der ersten Hälfte dominieren katholische Autoren — von denen freilich die meisten ihre geistige Prägung im Protestantismus erhielten. Die großen christlichen Autoren, die nach der Jahrhundertmitte hervortreten, stehen fast alle außerhalb der katholischen Kirche — so Sol- schenizyn, Maximow, Alan Paton, John Updike, D. Keith Mano, Christopher Fry, Dag Hammarskjöld, Johannes Bobrowski, Kurt Marti, Rudolf Otto Wiemer und andere.

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Überblickt man die christliche Literatur des 20. Jahrhunderts, so fällt folgendes auf: In der ersten Hälfte dominieren katholische Autoren — von denen freilich die meisten ihre geistige Prägung im Protestantismus erhielten. Die großen christlichen Autoren, die nach der Jahrhundertmitte hervortreten, stehen fast alle außerhalb der katholischen Kirche — so Sol- schenizyn, Maximow, Alan Paton, John Updike, D. Keith Mano, Christopher Fry, Dag Hammarskjöld, Johannes Bobrowski, Kurt Marti, Rudolf Otto Wiemer und andere.

Unter den lebenden evangelischen Autoren Deutschlands, die in den sechziger Jahren bekannt geworden sind, ist Rudoli Otto Wiemer im Hinblick auf den literarischen Rang wie im Hinblick auf das christliche Zeugnis die stärkste Potenz. Und da die Katholiken Deutschlands unter ihren jüngeren, nach 1960 hervorge- tretenden Autoren keinen von Wie- mers Format aufzuweisen haben (was dazu führte, daß einige deutsche katholische Kritiker meinten, es gebe keine christliche Dichtung mehr), kann man mit Fug und Recht behaupten: Wiemer ist der bedeutendste lebende christliche Dichter im heutigen Deutschland. Und sein Werk steht hinter dem der großen christlichen Autoren Deutschlands, die in den letzten Jahren verstorben sind — Gertrud von le Fort, Ina Seidel, Stefan Andres, Johannes Bobrowski — keineswegs zurück.

Man glaubt es kaum, daß Wiemer am 24. März 1975 schon siebzig wird. I, st man die Bücher, die er in den letzten zehn Jahren veröffentlicht hat, so möchte man meinen, ein Dreißigjähriger habe sie geschrieben. Wiemer hat es nicht nötig, krampfhaft um jeden Preis jede neueste literarische Mode oder Masche mitzumachen, nur um ‘als „aktuell“, als „up to date“, als „modern“ zu gelten: Denn in ihrem ganzen Habitus sind sie modem.

Wiemer stammt aus Friedrichroda in Thüringen. Wie sein Großvater und sein Vater wurde er Schulmeister und wirkte als Lehrer und Puppenspieler in Böhmen, Thüringen und — nach dem Soldaten-Inter- mezzo des Zweiten Weltkrieges — in Niedersachsen. In dem Gedicht „Personalien“ charakterisiert er sich selbst:

Der Name? Werd ihn wohl vom Vater haben.

Im Massengrab liegt er begraben. Die Ahnen? Schmiede, Lehrer, Orgeltreter,

Matrosen, Bauern, Flucher, Beter. Geboren? Noch in Kaiser Wilhelms Tagen,

ungern, die Amme mußte mich erst schlagen.

Der Ort? Wald, Wiesen, Sägewerksmaschinen.

Das Land? Geteilt, zwiefachen Herrn zu dienen.

Größe? Mehr nicht, als unsereinem zubemessen.

Die Augen? Viel gesehen, viel vergessen.

Haarfarbe? Braun, leicht aus der Stirn zu streichen.

Was ich erfuhr, das machte sie erbleichen.

Der Glaube? Nicht der liebe Gott der Frommen,

doch der zu Krethi Plethi ist gekommen.

Frau und drei Kinder. Auch Soldat gewesen.

Schrieb Bücher. Lehrte Enkel, sie zu lesen.

Jetzige Wohnung? Klein. Nicht fern von Straßen.

Zukünftige? Noch kleiner. Grad nach meinen Maßen. Kennzeichen? Aufbegehren. Lächeln Zagen.

Bilanz? Gelebt. Was bleibt? Die Fragen.

Mit 62 ließ sich der Realschulieh- rer Wiemer pensionieren. Seitdem lebt er als freier Schriftsteller in Göttingen. Wie Fontane gehört er zu den literarischen Spätzündern. Seine eigentliche literarische Leistung erbrachte er in verhältnismäßig späten Lebensjahren. Zwar begann ei schon früh zu schreiben, Gedichte und Spiele; doch vieles blieb unge druckt. Seine drei Romane kamen erst Anfang der sechziger Jahre heraus und machten ihn weiteren Kreisen bekannt. Heute sind Arbeiten von ihm ins Englische, Amerikanische, Französische, Niederländische, Dänische, Finnische und Japanische übersetzt.

Der erste Roman Wiemers träfet den Tried „Nicht Stunde noch Tag oder die Austrocknung des Stroms“ und das Motto: „Darum wacht, denn ihr wißt weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird“. Den drei Teilen des Romans stellt der Autor die Worte voran: „Difficile fieri necesse est“, „Deus et in Satana agit“, „Gratia renovat na’turam“. Das könnte den Eindruck erwecken, als handele es sich um einen Thesenroman. Freilich werden hier auch bestimmte christliche Lehren veranschaulicht, aber die Bedeutung des Werks reicht darüber hinaus: Eine dichterische Eigen weit wird hier erfunden und gestaltet, prall von Leben und Atmosphäre, Breughels Welt der Bauern, Jäger und Fischer und zugleich die Welt der Technik des zwanzigsten Jahrhunderts umfassend. Die Handlung ist in doppeltem Sinne spannend: Einmal enthält sie innere und äußere Kämpfe, die nach Entscheidung drängen und den Leser engagieren; sodann verweist sie in ihrer symbolischen Transparenz auf den Kampf eines titanisch-totalitären Menschenreichs gegen Gott und die von Gott gewollte Ordnung. Die Versuchungen, Zweifel und Anfechtungen, die den einzelnen in dieser Lage anfallen, führen mitten in die Erfahrungen unserer Zeit. „Der Mensch ist widersetzlich von Natur, ein Empörer … Er will ausweichen, aber nicht standhalten; er will sich retten, aber nicht sich opfern; er will wissen, aber nicht glauben; er will rechnen, aber nicht vertrauen; er will meutern, aber nicht gehorchen.“ Dieses Menschenbild, das schon im ersten Kapitel Umrissen wird, bestimmt den ganzen Roman, vor allem die Rede des „Baumeisters“ (im Kapitel „Der Doppelgänger“), die in Teilen formal und inhaltlich von Do stojewski js Erzählung vom Großinquisitor beeinflußt ist. Auch hier begründet eine despotische Macht, warum sie den Menschen die Freiheit genommen hat: um ihnen Gleichheit und Glück zu schenken.

Neben dem strengen, feierlichen und ernsten Wiemer gibt es auch den heiteren, humorvollen und witzigen Wiemer. Der kurze Roman „Fremde Zimmer oder die Aussicht, zu leben“ entzückt durch die Mischung von Komik und Lebensernst und durch die scheinbar lockere Erzählweise und Struktur. Die aukto- riale Brzählhaltung des ersten Romans ist hier aufgegeben; ein Zimmermieter berichtet das, was er gehört und gesehen hat. Auf diese Weise werden nicht alle Einzelheiten des turbulenten Geschehens auf- gehellt, manches bleibt absichtlich

Geheimnis. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das fern van Elternhaus und Heimat seinen eigenen Weg sucht und dabei inneren und äußeren Schwierigkeiten begegnet.

Wieder einen anderen Erzählstil und Aufbau hat der Roman „Stier und Taube“. Dialoge und innere Monologe sind in der Umgangssprache gehalten. Unpathetisch wird das Verhalten der Bewohner eines Dorfes in Ostdeutschland im Januar 1945 dargestellt. Man hört schon den Geschützdonner der anrückenden russischen Truppen. Obwohl im Rundfunk immer noch von der kommenden Wunderwaffe und vom Endsieg die Rede ist, glaubt kein Mensch im Dorf der Propaganda. Trotz Verbots, den Ort zu verlassen, treffen alle heimlich ihre Vorbereitungen zur Flucht: Bauern, Parteibonzen, Handwerker, Soldaten, Gerechte und Ungerechte, Gläubige und Ungläubige. Nur der Schmied bleibt, weil er ohne ein Zeichen Jahwes nicht fortgehen will. Bedroht von drei verschiedenen Arten von Polizei und zugleich von den Russen, versuchen alle übrigen, ihr Leben und ihre wertvollste bewegliche Habe zu retten. Viele werden trotz ihrer Berechnungen vom Unberechenbaren in den Untergang getrieben; andere werden unverhofft bewahrt. Grausiges wechselt mit Skurrilem, vordergründig Banales mit hintergründig Bedeutendem.

So verschieden die drei Romane in Aufbau und Stil sind, gemeinsam ist ihnen die starke innere und äußere Spannung des Handlungsgefüges, die Sicherheit der Charakterzeichnung, die atmosphärische Dichte und die Präzision der Sprache. Jedes dieser großen Erzählwerke vermag — ohne aufdringliche Erbaulichkeit — dem

Leser etwas von der gläubigen Weisheit des Autors zu vermitteln. Das gilt auch von der kleineren Erzählungen Wiemers, die in mehreren Bänden gesammelt vorliegen. Sie spielen alle in der Gegenwart oder in der jüngsten Vergangenheit, richten ihre Spitze aber nicht, wie das jetzt Mode ist, gegen „die Gesellschaft“, sondern gegen das Versagen, Fehlen und Unterlassen des einzelnen Menschen. Die Mündigkeit des Menschen bekommt gerade dadurch ihr Recht, daß dem einzelnen nichts von seiner Entscheidungsfreiheit und Verantwortung abgenommen wird. Da literarische Werke dieser Art und dieses Ranges selten sind, muß man um so nachdrücklicher auf sie hinweisen.

Auch die Lyrik Rudolf Otto Wiemers ist von hohem Wert. Die drei Gedichtbände „Beispiele zur deutschen Grammatik“, „Wortwechsel“ und „Ernstfall“ enthalten Verse, die unter die Haut gehen. Hier ist eine außerordentliche sprachliche Sensibilität am Werk, fern von hermetischem Gehabe, entschieden christlich engagiert. Nicht, als wolle der Autor die Leute zu Christen machen — das ist, nach Kierkegaard, Auf gabe des Apostels, während es Aufgabe des Schriftstellers ist, den Leuten die Einbildung zu nehmen, sie seien Christen. Genau das bewirken Wiemers Gedichte und Erzählungen.

Folgende Bücher von Rudolf Otto Wiemer sind erhältlich: Romane: Nicht Stunde noch Tag oder die Austrocknung des Stroms, 1961. — Fremde Zimmer oder die Aussicht zu leben, 1962. — Stier und Taube, 1964 — Erzählungen: Der Ort zu unseren Füßen, — Die Nacht der Tiere, Weihnachtslegenden, 1958. — Helldunkel. Weihnachtserzählungen aus unserer Zeit, 1967. — Unsereiner, 1971. — Die Angst vor dem Ofensetzer oder Zeit für Parolen. 13 Geschichten, 1975 alle in J. F. Steinkopf Verlq,g: Stuttgart — Gedichte: Ernstfall, J. F. Steinkopf Verlag: Stuttgart 1963, 1973. — Beispiele zur deutschen Grammatik, Wolfgang Fierkau Verlag: Berlin 1971, 1972. — Wortwechsel, Wolfgang Fietkau Verlag, Berlin 1973, sowie ein rundes Dutzend Kinderbücher.

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