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Ein Fest aus dem Depot ?

Das Wettrüsten für 1991, zur 200. Wiederkehr des Todesjahres Wolfgang Amadeus Mozarts, ist überall, in Operndirektionen, bei Konzertveranstaltungen und Festspielen, in vollem Gang. Auch Salzburgs Festspiele planen Mozart-Projekte. Franz Willnauer, seit Jahresbeginn Generalsekretär, will in Hinkunft weniger in Reprisen schwelgen —

15 Jahre alt ist Jean-Pierre Pon-nelles vergagter „Figaro”, bald ein Jahrzehnt hat seine „Zauberflöte” auf dem Buckel. Gesichert sind Herbert von Karajans und Michael Hampes klischeehafte „Don Giovanni”-Inszenierung und Johannes Schaafs vom Regiekonzept sehr anspruchsvolle, in der Besetzung zweitklassige „Entführung aus dem Serail” von 1987. „Cosi fan tutte”, ebenfalls von Michael Hampe inszeniert, wird wieder ausgegraben. Die bis 1991 mittlerweile vierzehn Jahre alte „Zauberflöte” müßte einer gründlichen Verjüngungskur unterzogen werden, bei „Figaro” ist das kaum noch denkbar.

Ponnelles „Titus” ruht seit Jahren im Depot und soll 1988 durch eine Neuproduktion Gerd Brenners und Riccardo Mutis ersetzt werden, und Ponnelles verunglückter „Idomeneo” wurde schon „eingestampft”. Da die Festspiele aber pro Jahr keinesfalls mehr als sieben Opemproduk-tionen auf dem Spielplan verkraften können, ist also an die Neuinszenierung von Werken wie „Mi-tridate” oder „Lucio Silla” nicht zu denken. Es sieht also eher bescheiden aus, was da 1991 den stolzen Namen Mozart-Fest tragen wird. Vor allem ist von einem Mozart-Konzept, einer Salzburger

Mozart-Dramaturgie, die neue Wege weisen könnte, keine Rede, nicht einmal im Ansatz.

Neue Wege der Mozart-Interpretation geht man anderswo. In Brüssel zum Beispiel, wo Karl-Ernst Herrmann und Luc Bondy spektakuläre Mozart-Inszenierungen herausbringen. In Mailand, wo Patrice Chereau einen sensationellen „Lucio Silla” zeigt, hoffentlich auch in Wien, wo Bondy mit Claudio Abbado einen neuen „Don Giovanni” herausbringt und Johannes Schaafs „Idomeneo” unter Nikolaus Har-noncourt ein mehr als nur disku-tierenswertes Ergebnis brachte. Und in Ost-Berlin, wo Harry Kupfer sich um Mozart bemüht.

Von den Regisseuren, die sich in den letzten Jahren um einen neuen Mozart-Stil bemühten, ist in Salzburg nur Schaaf vertreten. Da er in London „Hochzeit des Figaro” und „Cosi fan tutte” inszenieren wird, kommt er, laut eigener Aussage, für das „exklusive Salzburg” wohl in Zukunft nicht mehr in Frage. Und von den interessanten Mozart-Dirigenten wie Abbado, Harnoncourt und Muti, ist in Salzburg — mit Ausnahme von Muti für 1988 - nicht die Rede.

Ankündigungen, daß Karajan davon träume, zum Fest sogar zwei Mozart-Produktionen zu dirigieren, mögen das Publikum freuen, Ersatz für ein Mozart-Konzept und eine Salzburger Festspieldramaturgie sind sie nicht. Soll es in Salzburg 1991 wirklich nur bei Pflichtübungen mit abgestaubten Versatzstücken bleiben?

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