7032999-1989_38_11.jpg
Digital In Arbeit

Ein Gebot der Stunde

Im Buche Joel ist die eindr ingliche Vision zu lesen: „Danach werde ich ausgießen meinen Geist über alles Fleisch“ (Joel 3,1). Nach der Überlieferung der Apostelgeschichte hat diese Vision zumindest in den charismatischen Anfangen der Kirche ein wenig Gestalt angenommen (Apg. 2,17), aber die Geschichte des Christentums hat uns gelehrt, die Kluft zwischen theologischen Träumen und der Realität tapfer und demütig zu ertragen. Auch Christentum und Kirche sind an die Unzulänglichkeit menschlicher Gestaltunggebunden, die Existenz von Sünde und Versagen braucht nicht bewiesen zu werden, sie ist erfahrbar. Der Traum des Paulus (oder seines Pseudepigra-phen), daß Er (Christus) seine Kirche ohne Flecken, heilig und makellos wollte (Eph 5,27), muß aber weitergeträumt werdenl Es liegt vielleicht doch an uns, neue Anstrengungen zu unternehmen, den Willen Gottes zu erfüllen, an der Geistsendung mitzuwirken.

Wie uns die politischen und historischen Wissenschaften lehren, ist die Realisierung von Zielvorstellungen nicht nur eine Sache individueller Anstrengungen, sondern auch abhängig von Strukturen und Systemen. Ich bin überzeugt, daß die Verwirklichung einer brüderlichen Kirche besonders in unserer Zeit der Hereinnahmepartizipatorischerund demokratischer Strukturen bedarf. . Ich meine grundsätzlich, daß eine brüderliche (und natürlich schwesterliche!) Gemeinschaft eine innere Gerichtetheit zu demokratischen Handlungsf ormenhat. Wenn Gottes Geist sich über alle ausgießt, so sind alle berechtigt, am Geschehen dieser Kirche mitzuwirken. Das Vertrauen in den Geist, der zur vollen Wahrheit führen wird (Joh 16,13), sollte die bange Frage, ob denn Demokratie in der Kirche bedeute, daß nun Uber Fragen des Glaubens abgestimmtwerde, in die rechte Perspektive rücken.

Denn tatsächlich läuft dieser Abstimmungsprozeß über die Wahrheit des Glaubens schon seit Anbeginn des Christentums: Das Verhalten jedes Christen, die tägliche Caritas, das liebende Wort, die verzeihende Geste, das Gebet der Glaubenden, sie sind das Zeugnis des Christentums, sie sind Ausdeutung der Schrift und die lebendigen Steine,,die die Kirche aufbauen (1 Petr 2,5). In einer Gesellschaft, in der Bildungsbarrieren und Klassenschranken bestanden, konnte nur eine Minderheit diese Glaubenszeugnisse analysieren und theologisch aufarbeiten (und somit auch zu einer geistlichen Herrschaft über andere Menschen gelangen). In der veränderten Bildungsgesellschaft unserer Zeit ist es natürlich und wünschenswert, daß möglichst viele Christen aktiv an der Rezeption, der Analyse und der Weitergabe dieser Glaubenserfahrungen teilnehmen.

Demokratische Strukturen haben aber nicht nur mit der bewußten Mitgestaltung gemeinsamer Ziel-und Wertvorstellungen zu tun.* Sie betreffen auch Struktur und Leitungsämter. Unter der Annahme, daß demokratische und subsidiär dezentrale Strukturen konvergente Entwicklungen sind, bezieht sich das auf die Vielfalt der Ortskirchen im kleinen und im großen, auf die Selbständigkeit von Gemeindeleitern und Bischöfen und die Inkulturation der Kirchen.

Quod omnes tangit, ab omnibus tractari debet“ - „Was alle angeht, soll von allen behandelt werden.“ Dies ist eine klassische Formel für die Berechtigung von Synoden, von Konzilien und von Wahlen der leitenden Organe. In unserer (staatlichen) demokratischen Rechtsordnung sind in verschiedenen Stufen alle Bürger zur Beteiligung aufgerufen. Es ist kongruent, eine selbstverständliche Frage des Aggioma-mento, daß dies analog für die Kirche gilt.

Nim kann man sagen: An Synoden und Räten fehlt es ja nicht. AI-' lerdings gilt es zu bedenken, daß viele dieser Einrichtungen eben Beratungsgremien sind, beschlußfähig sind sie oft nur in eingeschränktem Sinn: sie beschließen Empfehlungen für das vorgesetzte, meist monokratische Organ. Synoden und Konzile treffen wohl oft in schwierigem Ringen echte Beschlüsse; aber hier sind die Kleriker, meist Bischöfe, unter sich, sodaß diese Versammlungen nur schwerhch als repräsentativ für das Volk Gottes bezeichnet werden können beziehungsweise gibt es auch hier Genehmigungsvorbehalte.

Im staatlichen demokratischen Wesen sind Gemeinderäte, Landtage und Parlamente auch nicht einfach autonom; dies hieße Freiheit mit Willkür zu verwechseln. Sie sind gebunden an Gesetze und Verfassungen und (hoffentlich auchl) an .gemeinsame ethische Werte. Das Ringen um eine ähnlich orientierte, ich sage bewußt nicht: um eine gleichartige Struktur kirchlicher Gremien ist eine Aufgabe, die ein Gebot der Stunde ist.

Demokratisierung der Kirche bedeutet also Teilhabe und Teilnahme aller Christen am Lebens vollzug der Kirche, bedeutet bewußte Mitgestaltung der Ziele und Werte, der Gebete und Glaubenssymbole.

Sie bedeutet Förderung der Autonomie und der Selbständigkeit der Christen und Ermutigung zu eigenständigem christlichen Handeln. Die Aufgabe der Theologen, der Priester undBischöfe wird dadurch nicht geringer. Als Katalysatoren und Animatoren, als Vordenker und Vorbeter ist ihr Dienst und ihr Amt unentbehrlich

Demokratisierung hat auch etwas mit der Konfliktkultur in der Kirche zu tun Die Art und Weise, wie gegenwärtig Konflikte und Streitfälle ausgetragen oder, vielleicht besser gesagt, nicht ausgetragen werden, ist beschämend; da fehlen Transparenz, Dialogbereitschaft und oft der Respekt vor Freiheit und Würde des Menschen Der tiefe Sinn des Wortes „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17) kann mit dem Wort „liebende Fürsorge“ angenähert werden; mit Herrschaft und Bevormundung hat er nichts zu tun.

Eine tiefe Schicht der mangelnden partizipatorischen und demokratischen Bewußtheit in der Kirche ist wohl auch mit dem Gottesbild verbunden. Gott wird, um es vereinfacht zu sagen, zu anthropo-morph gesehen. Gewiß legen biblische Bilder nahe, Gott als Richter, als Herrscher, als König, als den allmächtigen Schöpfer zu sehen, Bilder, die eine Wahrheit in sich tragen, die aber auch menschlichen Rollen entsprechen, die die Eingewurzeltheit in ein feudales politisches System nicht leugnen können.

Und wer immer sich zum Gesandten, zum Bevollmächtigten Gottes berufen fühlt, sollte nicht ein Schimmer dieses monokratischen Regenten auf ihn übergehen? Sollte er nicht ein oberer Stein dieser Pyramide sein, die von Gott über Heere von Engeln, über Priester und Könige hinunter zu Laien und Sklaven reicht, die als „heilige Herrschaft“ bezeichnet eben doch Herrschaft bedeutet, die durch vorgebliche göttliche Stiftung nicht mehr kritisierbar ist und deren Spitzen in Demut das Joch der unsichtbaren, aber damit unkontrollierbaren Oberleitung ertragen, ja, wie Dostojewski j so eindringlich macht, das System noch im Laufe der Geschichte oft noch vollenden wollten? „Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, dem Geheimnis und der Autorität aufgebaut“, erklärt der Großinquisitor im Roman „Die Brüder Karamasow“.

Nur zögernd meldet sich da das Bild des mütterlich sorgenden Gottes zu Wort. Nur undeutlich wird die Erfahrung des Elija rezipiert: „Jahwe war nicht im Sturm... Jahwe war nicht im Erdbeben... Jahwe war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein leises, sanftes Säuseln. Da, als Elija das vernahm, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, ging hinaus...“ (1 Kg 19,11-12) So unverzichtbar uns Christen das Du Gottes ist, so notwendig ist es auch, sich zu besinnen, daß Gott letztlich nicht Person ist, nämlich nicht auslotbar Person im Sinne menschlicher Erfahrung und Begrifflichkeit.

Der Autor ist Rektor der Universität Salzburg, dort Ordinarius für Mathematik und Präsident des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau