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Ein großer weilSer Fleck

Schwer- und Schwachpunkte zur Zeitgeschichte bietet der ORF rund um die Republikfeiern. Im Zentrum des Geschehens steht allerdings Altbundeskanzler Bruno Kreisky.

40 Jahre Zweite Republik, 30 Jahre Staatsvertrag. Das Ende des Zweiten Weltkrieges und das Wiedererstehen Österreichs geben ausreichend Gelegenheit, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Der ORF als Transmissionsriemen des offiziellen Österreich liefert dazu die Feierlichkeiten frei Haus. Er überträgt den gemeinsamen Festakt von National-und Bundesrat am 27. April anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Errichtung der provisorischen Regierung Karl Renners. Ebenso

Programmende die Staatsvertragsfeier der Bundesregierung am 15. Mai aus dem Belvedere. Schon am 12. Mai steht der Festgottesdienst aus dem Stephansdom auf dem Programm.

Der 8. Mai ist für den Blick über die Grenzen freigehalten. US-Präsident Ronald Reagans Auftritt in Straßburg zum 40. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges ist ebenso Programmpunkt wie die Festsitzung des Deutschen Bundestages.

Als Abschluß der Feierlichkeiten wird am 15. Mai direkt vom Wiener Rathausplatz die Gala „Österreich — live” ins Hauptabendprogramm übernommen.

Erschöpft ist das Programmangebot des ORF mit diesen Uber-tragungen aber noch keineswegs. Im Gegenteil: In den nächsten zwei Monaten wird Zeitgeschichtliches aus allen Kanälen förmlich hervorquellen. Neben Belanglosem auch durchaus Wesentliches.

So findet in der Zeit vom 2. bis 8. Mai „Der Zweite Weltkrieg” in sechs Folgen nochmals auf den Büdschirmen statt. Die Koproduktion des ORF mit zwei deutschen Sendeanstalten (verantwortlich für die Serie zeichnen Joachim Hess und Henric L. Wuermeling) zeigt die Suche nach einem neuen geschichtlichen Selbstverständnis der Deutschen.

Weder Heroisierung noch Ver-teufelung der Deutschen ist Ziel der Dokumentarserie, für die der „kleine Mann”, nicht der Generalstäbler Maßstab der historischen Bewertung ist.

Ob es aus österreichischer Sicht als politisch klug bezeichnet werden kann, die — sicherlich interessante—deutsche Standortbestimmung mitzuf inanzieren, bleibt allerdings dahingestellt.

Als wichtiger österreichischer Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung ist Peter Nausners „Mut der Verzweiflung” (Untertitel: „Niedertracht und Rebellion in den Konzentrationslagern”) anzusehen. In einer Zeit, in der die „Auschwitzlüge” wieder hörbar Anhänger gewinnt, zeigt dieser Dokumentarfilm das Ausmaß der Greuel in den Vernichtungslagern, aber auch den nicht erfolglosen Widerstand der Häftlinge.

Er zeigt die psychische Demontage der Menschen, die Psychologie des Terrorsystems, die nicht auf das Innere der Lager beschränkt war. Und auch den nicht unerheblichen Beitrag von Österreichern an den Greueln.

Das Schlachtschiff „Österreich

II” wirft der ORF ins Rennen, um mit zwei neu produzierten Sondersendungen das zeitgeschichtliche Defizit vieler Österreicher wenigstens in einem Kernbereich österreichischen Selbstverständnisses zu bekämpfen.

Am 11. und 12. Mai, dem Samstag und Sonntag vor den Staats-

”Es gibt kaum Alternativen zu den subjektiven Krei-sky-Darstellungen.”

Vertragsfeierlichkeiten, wird der Zweiteiler „Ein Tag wie kein anderer” zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr verdeutlichen, wie langwierig und schwierig der Weg Österreichs in die Freiheit war — und wie abhängig von der weltpolitischen Konjunkturlage.

Die alles entscheidenden Moskauer Verhandlungen 1955 werden differenziert dargestellt, wobei auch nicht verschwiegen wird, daß innerhalb der österreichischen Delegation unterschiedliche Positionen bestanden, die Bundeskanzler Julius Raab nötigten, Doppelverhandlungen zu führen. Denn erst in letzter Minute gaben Vizekanzler Adolf Schärf und der damalige Staatssekretär Bruno Kreisky ihren Widerstand gegen den von der Sowjetunion eingeforderten und von Raab angestrebten Status der Neutralität Österreichs nach Schweizer Muster auf.

Auf diese Positionen hinzuweisen ist nicht unwesentlich, da die Versuche Altbundeskanzler Kreiskys, die Staatsvertragsgeschichte parteipolitisch einzuf ärben und nutzbar zu machen, in den letzten Jahren für Unruhe gesorgt hatten - bis hin zum Vorwurf der „Staatsvertragslüge”. Andererseits nicht zu übersehen ist, daß eben jetzt die ORF-Programmplanung Kreisky zu einem Comeback auf Österreichs Fernsehschirmen verhilft - als Geschichtslehrer der Nation.

Im Rahmen des Oststudios wird er am 5. Mai unter der Leitung von Paul Lendvai zu „40 Jahre nach Kriegsende — 30 Jahre Staatsvertrag” diskutieren. Drei Tage später, am 8. Mai, wird Kreisky nochmals als Zeitzeuge zu sehen sein-mit einem Referat, das er bei einem Symposium der Universität und des Landesstudios Salzburg hält. Am 15. Mai diskutiert er dann in der Sendereihe„Konf ron-tationen und Begegnungen” mit Schülern aus ganz Österreich vor laufender Kamera das Zustandekommen des Staatsvertrages.

Wer noch mehr von Kreisky hören will, der kann noch auf das Radio zurückgreifen. In Ö-Regio-nal stellt sich der Altbundeskanzler am 9. Mai im Rahmen der Sendereihe „Radio für Neugierige” als Märchenonkel für Kinder zwischen 10 und 13 Jahren zur Verfügung. Das Thema: Der Staatsvertrag.

Wem das zuviel Kreisky-Ge-schichte ist, der hat kaum Möglichkeiten, auf dem Bildschirm Alternativen zu den subjektiven Kreisky-Darstellungen zu finden — obwohl noch viele Augenzeugen zur Auswahl stünden.

Etwa jene anderen Zeitzeugen des Salzburger Symposions wie etwa Karl Popper, Viktor Frankl, Hans Weigel oder Friedensreich Hundertwasser, die ebenfalls gefilmt werden — in erster Linie, um Rohmaterial für andere Sendungen abzugeben. Oder aber um die Lücke zu füllen, falls Kreisky aus irgendeinem Grund ausfällt. Dann stünden die Programmplaner aber vor einem mittleren Scherbenhaufen, den sie mit der geplanten historischen Personalityshow aber offenbar zu riskieren bereit sind.

Kein Risiko geht der ORF hingegen ein, wenn es gilt, sich mit dem Parteienstaat Österreich in einer dem Stellenwert des Themas entsprechenden Weise auseinanderzusetzen. Während für manche das Ende der Zweiten Republik bereits vor der Tür steht, findet sich zu diesem Thema im Jubiläumsprogramm nicht mehr als ein großer weißer Fleck.

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