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Ein Leben in der Stille

Eine tapfere Nacht. Nun war ihr schwarzer Mantel dünngeschabt, Licht schneite durch das brüchige Gewebe des Himmels herein. Nicht der Morgen graute, die Nacht verfiel. Es war, als herrschte über uns unendlicher Glanz, der nur schüchtern durchkommen konnte, aber an wenigen Stellen funkelnd sichtbar wurde: in Sichelform, als

Doppelstern, als Hauch eines Tierkreisbildes. Ein alter Mann schob einen Piachenwagen mit unseren Koffern. Sein längliches Gesicht wurde unter dem alten Hut von einer Wollhaube umrahmt. Als wir an der Haltestelle des Autobusses angekommen waren, machte er aufseufzend halt, schlug die Arme zweimal gegen den Leib und stieß seinen Odem in die grünliche Luft. Eine Bäuerin kam, vermummt und ungeweckt. „Jessas na, eine Leich'”, schrie sie auf, als sie den Mann mit dem länglichen Wagen sah; denn sie erkannte in ihm den Totengräber.

Den Beruf betrieb er mit der Sachlichkeit eines Handwerkers. Ärgerlich war er kürzlich nach

Hause gekommen, als ein Sarg nicht gepaßt hatte. Er breitete seine Berufssorgen aus, beklagte auch seine Überlastung, aber dies wurde mit entschuldigendem Lächeln vorgebracht. Irgendwie machte es sich schon wieder. „Sieben Jahre”, zählte er einmal auf, „habe ich dem Vaterland gegeben: drei Jahre Dienstzeit, vier Jahre im Krieg. Ja, so ist es halt.”

Ehemals war er Bauer auf dem Berghang gewesen, doch schienen die schwierigen Verhältnisse zu einem Verkauf zu raten, weü „nie kein Geld net im Haus' war”. Der Hof wurde versilbert, ein kleines Stockhaus im Ort gekauft, die Zimmer wurden an Fremde vermietet. Die Frau kochte den Gästen, man schlug sich durch. „Wie ich damals in Salzburg beim Militär gewesen bin”, erzählte der Mann, „einrücken hab' ich müssen, obwohl keine Hilfe daheim war, die Frau allein und der Hof ohne Mann — da ist es uns mit dem Geld schlecht zusammengegangen. Die Löhnung ist schon für Rauchtabak draufgegangen. Am Sonntag haben die andern immer getrunken, mir hat's nicht gereicht zu mehr als ein, zwei Seidel, na bin ich halt wallfahrn gegangen nach Maria Piain hinauf. Ein schöner Weg, wenn das Wetter gut war, von oben hat man die Berge gut gesehen, fast bis zu uns da herein, so ist der Sonntag auch vergangen. Die andern haben Bier getrunken, ich war in Piain, ihnen ist's besser gegangen wie mir, dazumal, werd's wohl heunt auch noch so sein.” Er sagte es ohne Vorwurf, mit einer heiteren Gelassenheit: „Wann's noch leben.”

War er wohl immer schon in solch nobler Ergebenheit Herr gewesen über das Gegebene und das Verwehrte? Die Seinen nannten ihn „den Vater”, und in dem Wort lag Zärtlichkeit so viel wie Respekt. Der Vater durfte auch einmal eine Ungeschicklichkeit im Haushalt begehen, das tat seiner Würde keinen Abbruch. Er war das Haupt, ihm folgten die Glieder. Aber er wollte diese Macht nicht mißbrauchen. Während all der Tage, die wir als Mietgäste im Hause gewohnt hatten, war kein lautes Wort gefallen; diese Menschen lebten in einem stillen Patriarchat, es brauchte keine Auseinandersetzung dazu. Sie führten ihr genügsames Dasein als ein Geschenk, nahmen die Kraft des Tages voneinander entgegen, und suchten nicht danach, sich die Beschwernisse noch zu verbittern. So glücklich haben wir nicht mehr gelacht wie unter den Bescheidenen im Totengräberhaus. Sie waren wie die schlichte Erde dort ist, gut und ohne Pomp.

Ich muß manchmal an den Ausspruch des Landsmannes der Totengräberleute denken, den berühmten Admiral Tegetthoff. Nachdem er in der Seeschlacht von Lissa ein feindliches Schiff in den Grund gebohrt hatte, sah er einen neuen Gegner auf sich zukommen, der das nunmehr schwer manövrierbare Flaggschiff rammen wollte.

„Mir scheint, jetzt geht es an uns”, sagte der Admiral. Gleichgültig, ja nachlässig, und wie amüsiert über die irdische Gerechtigkeit. Nichts Pathetisches und kein „letztes Wort” hatte er zu äußern. „Mir scheint, jetzt geht es an uns...” war seine Rede gewesen. Resignation? Nein, recht verstandene Schicksalsergebenheit: er wußte sich in einer höheren Hand. Und sah dem Kommenden ohne Furcht entgegen. Auch nicht tatenlos. Eine geschickte Schwenkung brachte das Schiff aus der Gefahrenzone. „Mir scheint, jetzt geht es an uns...” Und er wurde gerettet.

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