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Ein lehrreicher Sommerbesuch bei Julius Raab

Es war ein schöner Augusttag, als wir ihn besuchten. Ein Urlaubsbesuch, wie man so sagt. Meine Eltern kannten ihn gut - privat und mein Vater auch beruflich. Noch aus der Nazi-Zeit: Man hatte sich oft getroffen, um nicht allein zu sein in seinen Gedanken des Widerstandes gegen das Verbrecherregime und des Glaubens an Österreich, um zu plaudern mit Gleichgesinnten, um zu träumen - merkwürdig: damals träumte man nicht von gestern, sondern vom Morgen, von der Zeit, in der man das Leben für seine Mitmenschen und sich anders, besser gestalten wollte.

Er war in unserer Familie hoch geachtet und wie ich auch als Bub schon wußte, auch bei vielen anderen Menschen. Ich habe ihn bewundert - er war groß, ruhig, er wirkte so selbstverständlich, in sich geschlossen, fest. Er sprach wenig, konnte zuhören -nicht nur den klugen Leuten und den politischen Freunden, sondern auch mir, dem Buben. Er sprach mit mir wie ein „Onkel". Wenn nicht der Krieg gewesen wäre, wäre er mein Taufpate geworden, erzählten mir meine Eltern. „Der dumme Krieg" dachte ich, denn ich hätte es gern gehabt, wenn er mein Taufpate gewesen wäre. Ich war stolz darauf, ihn zu kennen.

Später erfuhr ich, daß der damalige Besuch wichtig war. Später, als ich teils aus eigenem Erleben teils aus Lesen und Hören wußte, wie wichtig seine Arbeit gewesen ist - für unsere Wirtschaft, für unseren Staat, für alle Österreicher. „Baumeister der Republik" nannten sie ihn deswegen.

Doch damals, als wir ihn besuchten, wußte ich das alles noch nicht. Ich wußte nur, daß er eine wichtige Persönlichkeit sei, daß ich großen Respekt vor ihm hatte und daß ich ihn gern hatte. „Herr Minister" nannten sie ihn, weil er vor dem Krieg Handelsministergewesen war, erzählte mir mein Vater.

Wichtig, aber einfach Er war freundlich wie immer, als wir ankamen. Er hatte uns schon erwartet. „Servus Bua", sagte er zu mir. Die Erinnerung verklärt viel, aber stimmt es nicht vielleicht doch: War das „Servus Bua" von ihm nicht schöner als die vielen: „Verehrung Herr Kollege", „Ergebenst Herr Doktor", „Grüße Sie Herr Professor" späterer Jahre. „Grüß Gott", antwortete ich.

Dann gingen wir spazieren. Mein Vater und er besprachen etwas, was ich nicht verstand. Von der Organisation der amerikanischen Hilfe für den Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft - wie mir das mein Vater dann erklärte. Es sei ein wichtiges, aber einfaches Gespräch gewesen. Wieso könne ein wichtiges Gespräch einfach sein, meinte ich. Wenn man im Stande ist, ein Gespräch auf die wesentlichen Fragen zu konzentrieren und wenn man die Grundposition voneinander weiß, gehe das, meinte mein Vater und wenn man in Ausgangspunkt und Ziel übereinstimmt, könne man leichter über die Wege sprechen, erklärte er mir. Hab ich das verstanden? Heute verstehe ich es. Aber heute gibt es nicht mehr sehr viele, die in einer grundsätzlichen Übereinstimmung von gleicher Ausgangsbasis aus und gleichen Zielvorstellungen aufs Wesentliche reduziert Wege besprechen können.

Ich mußte mit den Frauen gehen. Obwohl mich natürlich das Gespräch der Herren mehr interessiert hätte. Während ich seiner Frau auf die üblichen Fragen antwortete und erklärte, daß ich mich freue, daß Ferien sind, daß ich noch nicht gut schwimmen könne und gerne Palatschinken esse

(das mit dem Schwimmen hat sich geändert, das mit den Palatschinken leider nicht), versuchte ich etwas vom Gespräch der beiden Männer aufzufangen. Aber aus den wenigen Wortfetzen, die es zu mir herübertrug, konnte ich nichts entnehmen. Ich verlor das Interesse.

Aber inzwischen hatte auch seine Frau - wohl durch meine unkonzentrierten Antworten der Verpflichtung, mit mir Konversation zu führen, sich entbunden wähnend - begonnen, über Themen zu sprechen, für die ich mich überhaupt nicht interessierte. Also schwieg ich.

Ernstgenommen werden In eine Gesprächspause hinein fragte ich unsere Gastgeberin: Haben Sie eigentlich den Decker oder Strittich lieber? Sie war verblüfft, wer das sei. Fußballer der Vienna, Nationalteamspieler, Stürmer - ich war entsetzt über dieses Unwissen. Strittich; Dek-ker - zwei Fußballer, die doch zu den wichtigsten Leuten dieses Landes gehörten. Das mußten nun auch die Männer hören. Mein Vater lachte; aber er ging auf meine Frage ein: Wieso man die beiden nicht vergleichen könne, was das besondere an diesem und an jenem sei und daß sie in ihrer Wirkung deshalb so gut seien, weil sie einander ergänzten. Es war ihm nicht zu dumm, mir an diesem Beispiel zu erklären, wie wichtig das Zusammenwirken von Menschen sein kann, die sich in ihrer Fähigkeit und Begabung ergänzen.

Ich glaube, es war mir damals zu schwierig, das wirklich zu verstehen. Aber das war nicht entscheidend; entscheidend war: er hatte meine Frage ernst genommen. Für mich war es wie man das heute nennen würde -ein „Schlüsselerlebnis". Ich habe davon gelernt, daß man zuhören muß und daß man auf eine Frage auch eingehen sollte, wenn sie einem ganz und gar unwichtig erscheint, dem Fragenden aber nicht. Denn eine solche Frage ist letztlich nicht wirklich unwichtig. Das gilt sicher im Kontakt mit Kindern -aber weiß Gott nicht nur mit ihnen.

Wir waren schon weit gegangen. .Julius, gehen wir jausnen", sagte die Gastgeberin. Wir gingen zurück ins Hotel und es war auch höchste Zeit, es war finster geworden, ein Gewitter schien sich anzukündigen. Als wir ins Hotel kamen, jausneten wir. Die Erwachsenen plauderten über verschiedenes - ich konnte nur zuhören. Doch nach der Jause holte er ein Spiel heraus - „damit dem Buam nicht fad wird": und wir spielten „Mensch ärgere Dich nicht". Wer damals gewonnen hat, das weiß ich heute nicht mehr. Was als Erinnerung geblieben ist, ist der Eindruck von einer starken, in sich ruhenden Persönlichkeit, einer Persönlichkeit, von der man annehmen kann, daß ihr Engagement um die Res publica aus der Wertschätzung und Liebe gegenüber den Menschen und aus Pflichtgefühl und Verantwortungsbewußtsein für diese kam.

Der Autor ist ordentlicher Professor für Öffentliches Recht am Institut für Verfassungs- und Verwaltungsrecht.

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