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Ein Mittler schon im für Geschäfte Mittelalter

Oberosterreich wurde von zeitgenössischen Beobachtern im 18. Jahrhundert in der Regel als „manufakturreiches, industriöses Land“ beschrieben, das im Salzkammergut das größte „Kleinod“ des Landes, die Salzgewinnung, beherbergte, dazu namhaften Anteil an der Eisenindustrie der Ei-senwurzen hatte und eine umfangreiche hausindustrielle Textilerzeu-gung aufweisen konnte, die sich um die einstmals größte Manufaktur der Monarchie, die Linzer Wollzeugfabrik, im Mühl- und Hausruckviertel und weit darüber hinaus ausdehnte. Oberösterreich, so möchte man sagen, war ein frühes „Industrieland“, das aber der „industriellen Revolution“ zum Opfer fiel und im Zuge der Umwälzungen des 19. Jahrhunderts zu einem vergleichsweise rückständigen Agrarland geworden war, um im 20. Jahrhundert durch einen zweiten Industrialisierungsschub sein heutiges wirtschaftliches und industrielles Gewicht zu erhalten.

Dieses Auf und Ab findet im Angebot der natürlichen Ressourcen, in der Gestaltung der Verkehrsbedingungen, in den politischen und wirtschaftspolitischen Konstellationen, aber auch in den wechselnden sozialen Strukturen seine Erklärung.

Die Vermittlerfunktion, die Oberösterreich im früh- und hochmittelalterlichen Handelsverkehr von der Adria nach Nord- und Osteuropa, aber auch im Ost-West-Handel entlang der Donau eingenommen hatte und die in der Frühneuzeit noch in den Linzer Messen als den wichtigsten Märkten des gesamten österreichischen Raumes eine Fortsetzung gefunden hatte, ging im 18. Jahrhundert immer mehr verloren.

Die Handelsbeziehungen und Absatzmärkte verlagerten sich. Wurde die Leinwand, lange Oberösterreichs Hauptausfuhrgut, im 17. und frühen 18. Jahrhundert noch vorwiegend nach West- und Südeuropa exportiert, so wurden in der Folge immer mehr die östlichen Teile der Habsburgermonarchie zu den Hauptkunden dieser oberösterreichischen Traditionsbranche. Wertmäßig kaum geringer als der Textilexport war für Oberösterreich bis ins 18. Jahrhundert der Export von Eisen und Stahlwaren, der sich ebenfalls immer mehr vom Deutschen Reich auf den Osten der Monarchie verlagerte.

Die 1672 durchaus bewußt nach standortpolitischen Überlegungen in Linz gegründete und 1754 verstaatlichte Wollzeugfabrik, die in Spitzenjahren der zweiten Jahrhunderthälfte zu 50.000 über das ganze Land verstreute, in Heimarbeit tätige Mitarbeiter zählte, war dazu gedacht, neue Produktionstechniken einzubürgern, hatte aber über den Arm des Staates die Konkurrenz im Land unterdrückt und durch ein zunehmend schlechter werdendes Management den Aufstieg der mährischen Tuchindustrie begünstigt.

Die traditionell in Oberösterreich verarbeiteten Textilfasern Wolle und Leinen verloren gegenüber der Baumwolle generell an Bedeutung. In Oberösterreich verzögerte sich damit die Einführung dermechanischenTextilerzeugung.

In der Eisenverarbeitung hatte sich in Oberösterreich, angrenzend an die steirischen Rohstoff vorkommen, schon seit dem 14. und 15. Jahrhundert auf relativ kleinem Raum eine Gewerbelandschaft herausgebildet, die in der Produktion von Messern, Sensen, Nägeln oder Draht schon früh auf den umliegenden ländlichen Bereich ausstrahlte. Die Standortlogik der vorindustriellen Eisen- und Metallindustrie war dezentral, bestimmt vom Angebot an Wasserkraft und Holz als den entscheidenden Energieträgern.

Die Blüte des Steyrer Eisengewerbes und Eisenhandels im 16. Jahrhundert war zwar in den Wirren der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Kriegs zusammengebrochen. Dennoch übertraf Steyr allen Krisen zum Trotz mit seinem eisen- und stahlverarbeitenden Gewerbe, das auf insgesamt 41 verschiedene Berufe aufgeteilt war, in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert noch immer alle anderen Städte der österreichischen Erbländer. Auch die Sensenwerke wurden seit dem späten 16. Jahrhundert, als durch die Verwendung der Wasserkraft (eine oberösterreichische Erfindung) die Erzeugung mechanisiert wurde, zu einem wichtigen Exportfaktor, erhielten aber zunehmend fremde Konkurrenz.

Agrarwirtschaftlich galt Oberösterreich im 18. und auch noch frühen 19. Jahrhundert als technisch führend und entsprechend wohlhabend. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war aber dieser Vorsprung gegenüber Niederösterreich oder Böhmen verloren gegangen und hatte sich in einen Rückstand verwandelt.

Oberosterreich war immer mehr in eine Randlage geraten. Das zeig-' te sich schon bei den Linzer Messen, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts durch politische Ereignisse, eine verfehlte Zollpolitik und die Umlenkung der Handelsströme rasch an Bedeutung verloren, auch wenn sie noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als das wirtschaftliche .Kleinod' des Landes angesprochen wurden.

Die Verkehrsplanung der Habsburgermonarchie, die im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts einsetzte, war ganz auf die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ausgerichtet. Zur wichtigsten Handelsverbindung der Monarchie wurde die Nord-Süd-Route von Triest über Wien nach Norden und Nordwesten. Pläne, Oberösterreich durch eine Straßenverbindung von Böhmen über Linz nach Triest in ähnlicher Weise in das internationale Verkehrsnetz einzubinden und damit die alte Funktion einer Drehscheibe des internationalen Verkehrs wieder herzustellen, wurden nicht ausgeführt. Die wiederholt angestellten Überlegungen einer Kanalverbindung zwischen Moldau und Donau oder gar bis zur Adria waren überhaupt als utopisch zu qualifizieren.

Die erste österreichische und auch erste größere Eisenbahnstrecke des Kontinents, die Pferdeeisenbahn Linz-Budweis, 1824 für den Salztransport von Oberosterreich nach Böhmen konzipiert, war im Grunde schon bei der Eröffnung 1832 überholt, da sie wegen der engen Kurvenradien und schwachen Fundamentierung nicht auf Dampfbetrieb umgestellt werden konnte.

Oberösterreich blieb trotz früher Anfänge eine leistungsfähige Eisenbahnverbindung sowohl in Nord-Süd-' wie auch West-Ost-Richtung bis in die sechziger Jahre vorenthalten. Die 1860 eröffnete Westbahn ließ den wichtigsten Industrieort des Landes, Steyr, abseits liegen. Und auch die Nord-Süd-Verbindung, die Kronprinz-Rudolfsbahn, hätte unbedingt den kürzesten Weg von Linz über Steyr nach Selzthal nehmen müssen, um die Aufgabe einer raschen und direkten Verbindimg zwischen Böhmen und der Adria erfüllen zu können.

Auch kulturell und schulisch wurde Linz, das jahrhundertelang, mit Kepler angefangen, höchste Bildungsansprüche verwirklicht hatte, durch die theresianischen und josephinischen Reformen, die eine Zentralisierung in Wien favorisierten, auf eine bescheidene provinzielle Stellung herabgedrückt.

Die Umstrukturierung, die auf dem Energie- und Transportsektor um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingetreten war, bedeutete für die oberösterreichische Wirtschaft eine schwere Belastung. Die Kleineisenindustrie der Eisenwurzen war nicht mehr zu retten. Ein Teil der Textilindustrie siedelte in die kostengünstigeren Sudetenländer ab. Neue Produktionszweige, etwa die Rübenzuckerindustrie, konnten wegen der schlechten' Kohlenversorgung nicht Fuß fassen.

Die oberösterreichische Handelskammer schrieb 1881: „Die Angst vor Motoren, besonders vor Dampfmaschinen ist nirgends größer als in Linz...“ Die sehr starke Einbindung der bäuerlichen Wirtschaft in dieverlagsmäßigelndustrieproduk-tion, die in Oberösterreich eine lange Tradition hatte, und das plötzliche Zerbrechen dieser Produktionsweise hatten zu einer Reagra-risierung des Landes geführt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Oberösterreich immer noch ein hauptsächlich agrarisch sowie klein- bis mittelbetrieblich strukturiertes Land und konnte Linz als etwas überdimensionierte „bajuva-rische Bauernstadt“ charakterisiert werden, die Behördensitz war, aber als Industriestandort keine übermäßige Bedeutung hatte.

Die Zwischenkriegszeit brachte zwar einzelne Neugründungen, die Krise der dreißiger Jahre schlug aber auch in Oberösterreich mit voller Härte zu. Wichtigster Handelspartner Österreichs war zwar seit den zwanziger Jahren das Deutsche Reich, und blieb es auch nach 1933. Die signifikanten Umschichtungen, die sich schon in der Zwischenkriegszeit in der Richtung des österreichischen Außenhandels ergaben, begünstigten den Standort Oberösterreich aber noch nicht entsprechend.

Mit dem Anschluß verdreifachten sich die Handelsbeziehungen mit Deutschland im nunmehr gemeinsamen Wirtschaftsgebiet. Nicht bereits 1918, sondern 1938 verlor Wien seine beherrschende wirtschaftliche Stellung: die Ent-provinzialisierung von Linz sollte durch entsprechende Baumaßnahmen und Industriegründungen unterstrichen werden: die Hütte Linz, die Linzer Stickstoff werke, Sie Zellwollfabrik in Lenzing, das Aluminiumwerk in Ranshofen waren Großprojekte, wie es sie in Österreich in der Zwischenkriegszeit überhaupt nicht gegeben hatte und die in auch für europäische Maßstäbe außerordentlich großen Dimensionen angelegt waren.

Im Gegensatz zu Niederösterreich, wo viele der Kriegsgründungen nach dem Kriege nahezu spurlos untergingen, konnten sich in Oberösterreich die im Kriege entstandenen Großbetriebe nach zwar großen Übergangsschwierigkeiten zu dauerhaften Kristallisationskernen industrieller Dynamik entwik-keln. Die Westbewegung wurde nach 1945 wesentlich verstärkt, einerseits durch die Errichtung des Eisernen Vorhangs, andererseits durch die beginnende ökonomische Integration Westeuropas.

Die grundsätzliche Entscheidung für eine großzügige Weiterführung und Ausweitung der Kriegsgründungen fiel aber nicht bereits unmittelbar nach Kriegsende, sondern erst in den Jahren 1947 und 1948 im Zusammenhang mit dem Marshallplan und der damit verbundenen wirtschaftlichen Integration Westeuropas und als Ersatz für die von der USIA beschlagnahmten Produktionen in der russischen Besatzungszone.

Zwischen 1948 und 1955 ergab sich daraus eine industrielle Gründungswelle, die sich auch in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre fortsetzte. Durch den Strukturwandel zählte Oberösterreich bereits 1955 zu den bedeutendsten Industrieregionen.

Komparative Vorteile in den Transportkosten gegenüber den in Ostösterreich gelegenen Betrieben, vor allem in Hinblick auf den westeuropäischen Markt, waren die Ursache. Allerdings verstärkten sich innerhalb Oberösterreichs die regionalen Unterschiede, zumal das Mühlviertel ja zur russischen Zone gehörte.

Oberösterreich ist im Verlauf der siebziger Jahre zum größten Industrieland Österreichs geworden, hat Niederösterreich und Wien in dieser Stellung überholt und hat auch in der gewerblichen Sachgüterpro-duktion hinter Wien die zweite Stelle übernommen. Der Anteil an der gesamten Wertschöpfung ist von 15,4 Prozent im Jahr 1965 auf 16,8 Prozent im Jahr 1986 angestiegen.

Die Verlagerung des wirtschaftlichen Schwergewichtes zeigt sich nicht nur in den Standorten der industriellen Großbetriebe oder in der Entwicklung des regionalen Sozialprodukts, sondern auch in der allgemeinen Bevölkerungsdynamik. 1527 umfaßte Oberösterreich in der heutigen Erstreckung etwa 22 Prozent Einwohner des heutigen Bundesgebiets, zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch 20,4 Prozent, um 1910 nur mehr 12,8 Prozent. Mit 17 Prozent der Bevölkerung ist Oberösterreich nach Wien und Niederösterreich heute wieder das drittgrößte Bundesland und hat nach Wien und Vorarlberg die dritthöchste Bevölkerungsdichte Österreichs.

Die Standortqualitäten des Bundeslandes, die in der Verkehrslage und in der Nähe zum westeuropäischen Markt zu suchen sind, werden durch die handelspolitischen und verkehrstechnischen Entwicklungen noch besser werden, durch die Annäherung an den EG-Markt einerseits, durch die Fertigstellung des Rhein-Main-Donaukanals, die Beschleunigung der Bahnen, den Ausbau des Autobahnnetzes andererseits, auch wenn die ökologische Tragkraft des oberösterreichischen Zentralraumes, der das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes vereint, beschränkt ist.

Der Autor ist Ordinarius am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Linz.

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