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Ein New Yorker in Wien

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Ende des Jahres kehren Henry A. Grunwald, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, und seine Frau Louise nach Hause zurück. Solche Ereignisse werden normalerweise von den Gesellschaftskolumnisten und Adabeis in den Klatschspalten erwähnt, aber kaum entsprechend gewürdigt. Bis vor kurzem war eine Würdigung der Tätigkeit eines US-Botschafters in Österreich kaum notwendig, denn die bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und den USA waren unkompliziert.

Dies änderte sich schlagartig zum Schlechteren im Zuge der Waldheim-Affäre und der Watchlist-Entscheidung. Die Grunwalds kamen kurz vor Anbruch des Gedenkjahres '88 nach Wien, und es stand ihnen keine leichte Aufgabe bevor. Unter den republikanischen Präsidenten ist die Ernennung von Botschaftern zunehmend „politisch“ geworden, das heißt, die Anzahl der Botschafter, die aus dem Privatleben wegen ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit und Verdienste als Spender und Organisatoren berufen worden sind, hat überhand genommen.

Botschafter Grunwald war freilich eine glänzende Ausnahme in mehreren Hinsichten. Obwohl er als Konservativer gilt, war er weder Parteigänger noch in diplomatischen Belangen unerfahren. Er vertritt eine „Außenpolitik der Stärke“ und eine liberale Wirtschaftspolitik, ohne im geringsten ein Verfechter des vereinfachten Bildes von „Reagan's America“ zu sein. Als Chefredakteur der Zeitschriftengruppe Time gab es kaum Staatsmänner und -Oberhäupter, die er vor Wien nicht kannte.

Es gab und gibt eine gewisse Neigung unter manchen Leuten in Österreich, Henry Grunwald als eine „österreichische Erfolgsgeschichte“ zu betrachten: entweder als eine Art spät entdeckten Arnold Schwarzenegger, dem es mit Hirn in New York anstatt mit Muskeln in Hollywood gelungen ist, etwas zu werden, oder als männliche Version seiner Vorgängerin Helene von Damm. Grunwald, der Österreicher, der es im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ schaffte und als Botschafter „nach Hause“ kehrte.

Diese Betrachtungsweise ist allerdings verfehlt, denn die entscheidende Wende in seiner Biographie beginnt mit einer österreichischen Tragödie. Es ist unmöglich, dem Leiden der Vertriebenen und Ermordeten als Einzelschicksale gerecht zu werden oder das Ausmaß des menschlichen Verlustes für Österreich zu ermessen. Henry Grunwald war ein Vertriebener, der damals das Glück hatte, der teils einheimischen, teils importierten Verfolgung zu entkommen.

Seine Erfolgsgeschichte beginnt in den USA, wo er es vom Laufburschen zum Chefredakteur brachte. Freilich sind wenige so erfolgreich, aber es gab und gibt Millionen von „Grunwald-Geschichten“: aus dem verfolgten Österreicher wurde ein recht und echt erfolgreicher Amerikaner.

Wenn immer Amerikaner nicht in das ortsübliche Klischeebild des Amerikaners passen, macht man Ausnahmen für die „nicht-typischen Amerikaner“, und man ist wohl geneigt, Henry Grunwald in diese Kategorie einzureihen, der angeblich ein Repräsentant des assimilierten jüdischen Bildungsbürgertums Österreichs der Zwischenkriegszeit sei. Obwohl seine Kind-heits- und Jugendjahre in Wien sicher formativ waren, wäre es verfehlt, seine Vorzüge, selbstlohnend sozusagen, zu sehr als Folge davon anzusehen. Er pflegte keine verschnörkelten Wiener Umgangsformen; sein sachlich-kritischer Schliff und seine elegante Neigung zum „Understatement“ kamen aus New York. Henry Grunwald war kein Wiener aus New York, sondern New Yorker in Wien.

Man kann nur vermuten, daß einer der persönlichen Gründe seines Rücktritts war, daß die Grunwalds New Yorker sind. Obwohl sie die echte Höflichkeit und die echte Zuneigung, die ihnen in Österreich entgegengebracht wurden, wirklich geschätzt haben, hielten sie - die rauhe Energie Manhattans gewohnt

- womöglich die Beschaulichkeit Wiens nicht länger aus.Für die hiesige „American Community“ und die österreichischen Freunde der Vereinigten Staaten waren die zwei diplomatischen Jahre, die die Grunwalds in Wien verbrachten, erfreulich; nicht nur weil sie Wesentliches dazu beitrugen, die vormals strapazierten bilateralen Beziehungen wieder auf „normal“ zu bringen, sondern auch weil sie die Vereinigten Staaten gut vertraten.

Es muß auch offen ausgesprochen werden: ohne Zugeständnisse in der „causa prima“ gemacht zu haben, machten die Grunwalds uns alle unauffällig - diplomatisch eben

- darauf aufmerksam, wie vielschichtig und wie gut die bilateralen Beziehungen, trotz einzelner unüberbrückbarer Differenzen, sein können.

Der Autor ist Assistent Director des Instituts für Europäische Studien.

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