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Ein nostra culpa fiir das „Heil Hitler!“

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Wie sollen die Christen an das Gedenkjahr 1988 herangehen, wie die Last der Geschichte aufarbeiten? Und wie kann die Kirche von heute in der Gesellschaft politisch handeln?

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Wie sollen die Christen an das Gedenkjahr 1988 herangehen, wie die Last der Geschichte aufarbeiten? Und wie kann die Kirche von heute in der Gesellschaft politisch handeln?

Wir stehen im kommenden Jahr 1988 vor einem schwierigen Gedenken: 50 Jahre seit dem sogenannten Anschluß sind vergangen. Damals wurden die österreichische Selbständigkeit wie auch der Name des Landes ausgelöscht. Die Nacht des NS-Totalitarismus senkte sich über unsere Heimat.

Der materielle und geistige Schaden von sieben Jahren NS-Herrschaft war furchtbar.

Vielleicht haben wir in Österreich nach 1945 diese Katastrophe zu wenig überdacht, weil damals alle Energien von den unmittelbaren Notwendigkeiten des Wiederaufbaus in Anspruch genommen wurden. Vielleicht auch deswegen, weil der Schock zu groß war und Vergessen das einzige Heilmittel zu sein schien.

Das ist menschlich verständlich. Aber vielleicht stehen wir deshalb mit einer gewissen Ratlosigkeit vor diesem Gedenkjahr 1988, voll von Ängsten und Befürchtungen, daß die Gespenster der Vergangenheit die Gegenwart und die Zukunft vergiften; oder aber aus Angst, daß man versucht, die Gespenster der Vergangenheit in den Dienst der Tagespolitik zu stellen.

Wie können wir als Christen uns verhalten, an dieses Gedenken herangehen?

Wir wissen, daß Vergeben das Geschehen nicht einfach auslöschen kann. Wir wissen, daß eine Berufung auf Zeitumstände nicht alles erklären, aber auch nicht alles weißwaschen kann. Wir wissen, daß Schuld nur dann zu bewältigen ist, wenn sie einbekannt und Reue bekundet wird. Wir wissen aber auch, daß es leicht ist, Feindbilder zu zeichnen, aber schwer, Versöhnung mit allen Konsequenzen anzustreben und zu erbitten.

Wir können gewiß nicht leugnen, daß 1938 Hunderttausende Österreicher Adolf Hitler zugejubelt haben und daß daher auch viele katholische Christen sich in dieser jubelnden Menge befanden. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich aber, daß damals noch mehr zu Hause saßen und weinten.

Im Rückblick müssen wir als Christen zweifellos auch ein nostra culpa sprechen für das Versagen und vor allem die Irrtümer der kirchlichen Verantwortungsträger von damals.

Wir stellen heute mit Bedauern und Beschämung fest, wie stark der damalige Zeitgeist mit seiner fanatischen Uberbetonung des Nationalen in das Denken auch sehr kirchlich engagierter Menschen eingedrungen war. Dies war ein Endpunkt einer Entwicklung, deren Wurzeln tief in das 19. Jahrhundert zurückreichen.

Kardinal Theodor Innitzer, der zur gelenkten Volksabstimmung im April 1938 sein Ja gesagt hatte, tat dies in der Hoffnung, für die Kirche von Österreich Schlimmeres zu verhindern. Er hatte sich der NS-Formel „Heil Hitler“ bedient, weil er von einer kleinen Gruppe prominenter katholischer Laien gedrängt, fast unter Zwang gesetzt wurde mit dem Hinweis, dadurch würde sich ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Nationalsozialismus anbahnen lassen.

Derselbe Kardinal Innitzer war es aber, der seinen Irrtum einsah und im Oktober des gleichen Jahres in St. Stephan durch seine Predigt die Begeisterung der jungen Leute in einem Maß angefeuert hat, daß es zur ersten großen Manifestation des Widerstandes auf dem Stephansplatz kam. Es war die größte Manifestation des Widerstandes zwischen 1938 und 1945.

Kardinal Innitzer war es, der als Rektor der Wiener Universität in, der Zwischenkriegszeit als einziger den jüdischen Studenten zu ihrem Recht verholf en hatte. Kardinal Innitzer war es, der als einer der wenigen Bischöfe des sogenannten Großdeutschen Reiches mit der Gründung der Erzbischöflichen Hilfssstelle für nichtarische Christen im eigenen Haus den Versuch unternahm, den von der Vernichtung bedrohten jüdischen Menschen Hilfe zu leisten.

Viele, vor allem junge Menschen, sagen uns: Das alles war viel zu wenig. Die Christen haben zugesehen, als die Synagogen brannten, die Scheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen wurden,

Umso mehr waren viele Menschen bei uns betroffen und besorgt, daß im Zusammenhang mit politischen Auseinandersetzungen in den letzten eineinhalb Jahren das Thema Antisemitismus wieder aktuell geworden ist.

Diese Betroffenheit konzentrierte sich nicht zuletzt darauf, mit welcher Leichtfertigkeit und mit welchem völligen Mangel an Sensibilität die noch immer nicht vernarbte geistige und geistliche Wunde des Antisemitismus als Spielmaterial der parteipolitischen Auseinandersetzungen verwendet wurde.

Betroffen stehen wir aber auch vor Anzeichen eines wieder aufkommenden Lagerdenkens, das über unser Land in diesem Jahrhundert schon so viel Unglück gebracht hat. Gerade auch im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Gedenkjahr 1988 werden Stimmungen und Haltungen spürbar, die in diese Richtung weisen.

Die Epoche des Lagerdenkens, die Zeit, als Kirchenparteien und als man jüdische Nachbarn im Morgengrauen abholte.

Als katholische Christen müssen wir eingestehen, daß auch kirchliche Kreise Schuld auf sich geladen haben, als sie einem manchmal religiös' verbrämten Antisemitismus früher Raum gaben. Denn jene Geisteshaltung der Ablehnung und der Feindschaft gegen das Judentum oder jüdische Menschen war eine der Voraussetzungen dafür, daß die vom NS-System in Gang gesetzte Massenvernichtung der Juden auf einen zu geringen Widerstand stieß.

Mit Bedauern müssen wir feststellen, daß viele Katholiken, mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, das große Wort des großen Papstes Pius XI. - „geistlicher Weise sind wir alle Semiten“ — nicht zu eigen gemacht haben.

So stehen wir als Christen gerade hier in Österreich bis heute vor dem schrecklichen Ereignis des Holokaust in -großer Betroffenheit. Es war diese Haltung einer beschämten Betroffenheit, aus der heraus nach 1945 gerade im kirchlichen Bereich damit begonnen wurde, den Schutt des sogenannten christlichen Antisemitismus wegzuräumen.

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