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Ein „Pantscherl” ist zum Ausweinen

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Der gute Ruf der Austro-weine ist dahin, die Schuldigen werden immer mehr. Aber schon vor dem Skandal hatten die Weinbauern mit Einkommensverlusten, Weinseen etc. zu kämpfen.

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Der gute Ruf der Austro-weine ist dahin, die Schuldigen werden immer mehr. Aber schon vor dem Skandal hatten die Weinbauern mit Einkommensverlusten, Weinseen etc. zu kämpfen.

Der Knüller im heurigen publizistischen Sommerloch, dieses eher unrühmliche Beispiel von Innovationsbemühungen durch die heimische Weinwirtschaft, aus Rebensaft wohlschmeckenden Fusel zu machen, wird diesem Land noch eine Weile Kopfschmerzen bereiten. Auch wenn im Augenblick unseren Weinhauern eher zum Weinen ist und die Folgen des .Pantscherls” noch nicht absehbar sind, wird bald wieder Ruhe am Markt herrschen.

Aber eines ist klar: Die Geschehnisse rund um den österreichischen Rebensaft sind im Endeffekt ein moralisches Problem. Aber noch viel mehr ein volks-und regionalwirtschaftliches bzw. ein Einkommensproblem, und nicht selten taucht schon das Gespenst drohender Arbeitslosigkeit über der unseligen Weinbranche auf.

In diesem Zusammenhang gibt es einige harte Tatsachen, was Leben und Einkommenssituation unserer Weinbauern betrifft:

Die Statistiken weisen aus, daß hierzulande von 42.881 Weinbaubetrieben auf 56.042 Hektar Weingärten die edlen Reben gezogen werden. Die Fläche verteilt sich zu

58.6 Prozent auf Niederösterreich,

35.7 Prozent auf das Burgenland, 4,5 Prozent auf die Steiermark, und 1,2 Prozent liegen im Wiener Raum.

18.124 der Betriebe werden von Vollerwerbsbauern bewirtschaftet, der Rest sind Betriebe auf Nebenerwerbs- bzw. Zuerwerbs-basis. Nur 1,4 Hektar Weingärten werden von Klöstern oder Gesellschaften betrieben.

Im Weinbau herrschen kleine bis kleinste Betriebsgrößen vor. Mehr als 50 Prozent der Winzer haben einen Weingarten zwischen 0,25 und einem Hektar. Nur vier Prozent aller Weinbauern bewirtschaften Gärten, die größer sind als fünf Hektar. Dazu kommt natürlich, daß die Weinbauern unter ähnlichen Problemen zu leiden haben wie die restliche Landwirtschaft. Abwanderungen, Uberalterung und die große Abhängigkeit von Witterungseinflüssen bzw. Angebotsdruck bei guten Ernten lassen diesen Job ohnehin nicht lukrativ erscheinen.

Mühevolle Arbeit

Bei den Weinbauern kommt noch dazu, daß ein Teil der Gärten wie etwa in der Südsteiermark oder im Donauraum auf extrem steilen Hängen liegen und hier kaum moderne Techniken eingesetzt werden können. Mühevoll müssen noch Dünger, Geräte etc. geschleppt werden.

Zwar sind viele Bauern genossenschaftlich organisiert, die Probleme werden dadurch nicht weniger. In Niederösterreich gibt es 18 Genossenschaften mit 8.846 Mitgliedern, im Burgenland 29 mit 5.065 Mitgliedern und in der Steiermark 2 mit 40 Mitgliedern, die den Verkauf bzw. die Vermarktung der Reben und des Weines übernehmen. Der Inlandsmarkt wird zu rund 20 Prozent durch die Genossenschaften mit Wein versorgt. Etwa den doppelten Prozentsatz beträgt das Exportgeschäft der Genossenschaften. Der Nachteil für die Winzer besteht darin, daß die Genossenschaften ein abgestuftes Preisund Qualitätssystem haben und erst nach der Abwicklung der Geschäfte auszahlen. Die Weinhändler zahlen oft ein wenig mehr und sofort.

In der Einkommensentwicklung gibt es bei den Weinbauern statistisch gesehen einen eindeutigen Abwärtstrend. 1975 verdiente ein Weinbauer laut Angaben des Bauernbundes im Monat 7.457 Schilling, 1984 nur mehr 4.942 Schilling.

Eine der Ursachen für diese Entwicklungen liegt sicherlich im internationalen Markt. In den siebziger Jahren expandierte die Weinbranche in Europa enorm, und jedes Jahr wird der Weinsee tiefer, purzeln die Preise zeitweise in den Keller. Wenn es wie im Herbst 1982 solche Superernten mit 88,1 Hektoliter pro Hektar (1981:38 Hektoliter) gibt, wird die Situation drastisch verschärft. Die Bemühungen der heimischen Weinwirtschaft, die Riesenmengen Alkohol am Markt unterzubringen, ging in Richtung Export um (fast) jeden Preis. 1970 wurden nur 38.038 Hektoliter exportiert, dreizehn Jahre später bereits 244.111 Hektoliter (siehe Kasten) -mit, wie sich herausgestellt hat, verdünntem Rebensaft.

Diese Aufgabe übernahm der ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Weinwirtschaftsfonds, der paritätisch besetzt ist und seine finanziellen Mittel von Bund und Ländern bezieht.

In den letzten zehn Jahren wurden jährlich Millionenbeträge für kostspielige Marktentwicklungsprogramme ausgegeben, wurden Gustationen, Messen etc. in Berlin, New York, Tokio, Osaka angeboten. Den Markt haben die Österreicher mit ihren Austro-weinen, die sich jetzt als Gepansch herausstellen, sicherlich nicht erobert. Aber es ist auch schwer, gegen französische oder italienische Säfte zu bestehen, wo einem schon bei den Bezeichnungen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Der wichtigste Abnehmer war und ist die Bundesrepublik mit nahezu 60 Prozent. Sie schätzten die großen Weine vom kleinen Nachbarn, denn willig wurde auf die deutsche Geschmacksrichtung gesetzt.

Aber nicht nur Uberschußkri-sen, Rekordernten, das Wetter und die Konkurrenz sind ein Problem für die Weinindustrie. Dazu kommt noch die miteinzukalkulierende steuerliche Belastung von je zehn Prozent Alkohol- und Getränkesteuer sowie 20 Prozent Mehrwertsteuer, die dem Konsumenten aufgebrummt werden, dem Staat Milliardeneinnahmen garantieren, aber den Wein nicht gerade billig machen.

Sicherlich, jetzt ist ein neues Weingesetz im Entstehen, und man wird sich zur vollständigen und restlosen Deklarationswahrheit durchringen müssen sowie zu Kontrollen etc.—und objektiv gesehen wird niemand mehr Grund haben, unseren Wein zurückzuweisen. Trotzdem besteht die Gefahr, daß lediglich an einem Problem ähnlich wie in der restlichen Landwirtschaft herumgedoktert wird, es jedoch auch nicht von der Wurzel her behandelt wird.

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