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Ein Präsident von Israels Gnaden

Kaum war der 13. libanesische Präsident.BechirDschemayel.ge-wählt, begann schon eine Rachekampagne seiner Gegner gegen jene moslemischen Parlamentsabgeordneten, die ihre Stimme für den Maroniten-Chef abgegeben hatten. Deren Häuser in West-Beirut wurden gesprengt, sogar ein kleines Kind ermordet — in der falschen Annahme, daß es der Sohn eines Parlamentsmitgliedes gewesen sei.

Walid Jumblat, der Drusen-Führer der linksmoslemischen Partei, erklärte sofort nach der Wahl, diese sei nicht demokra-

tisch und nur mit Hilfe der Israelis zustande gekommen — so, als ob die änderen Präsidenten des Zedernstaates nicht auch unter dem Druck der syrischen Bajonette oder durch andere ausländische Einflüsse gewählt worden wären.

„Jeder libanesische Präsident muß berücksichtigen, daß ein Großteil unseres Landes durch Syrien, die PLO und Israel besetzt ist und diesen Besetzungen ein Ende gesetzt werden muß", erklärte der neugewählte libanesische Präsident, der am 23. September dieses Jahr es sein Amt antreten wird. Weiters meinte er vor Pressevertretern: „Der Libanon muß wieder die Souveränität über sein gesamtes Gebiet erhalt ten."

Bechir Dschemayel ist mit seinen 34 Jahren das weitaus jüngste Staatsoberhaupt im Nahen Osten. In Beirut geboren, wurde er schon mit elf Jahren auf Geheiß seines Vaters, Pierre Dschemayel, Mitglied einer Phalange-Milizein-heit. Pierre Dschemayel war der Begründer der Sozialdemokratischen Partei des Libanons, von Freurld und Feind nach ihren Milizeinheiten nur Phalange genannt.

Pierre war ein reicher Apotheker aus den Chouf-Bergen im Südlibanon. 1936 kam er als Sportfan zur Olympiade nach Berlin, wo er von der militärischen Ordnung der Hitler-Jugend so begeistert war, daß er beschloß, eine ähnliche paramilitärische Organisation im Libanon zu schaffen, ohne sich jedoch uneingeschränkt mit der Nazi-Ideologie zu identifizieren. Daher nannte er seine militärische Miliz-Jugend „Phalange", denn es schien ihm dieser Name dem sozialistischen Gedanken näher. Niemand kann erklären, warum.

Bechir, der jüngste der sechs Kinder Pierres, wurde in einem Jesuiten-Internat in Beirut erzogen, besuchte dann die katholische Sankt-Josef-Universität in Beirut und beendete sein Jura-Studium an der methodistischen Universität in Dallas, Texas. 1975 kehrte er bei Ausbruch des Bürgerkrieges aus den USA zurück.

Gleich zu Beginn des Bürgerkrieges wurde der damalige Pha-lange-Kommandant getötet, und Vater Pierre ernannte seinen Sohn Bechir, der keine militärischen Vorkenntnisse besaß, zum Kommandanten der Phalangi-sten.

Der junge Bechir machte sich jedoch schnell von seinem Vater selbständig und entwickelte eigene Ambitionen. Als Militär-Kömmandant zeigte sich Bechir Dschemayel mit viel Organisationstalent, entschlußfähig, einfallsreich, rücksichtslos und insbesondere schlau.

1976 begannen die ersten Kontakte zwischen den christlichen Maroniten und den Israelis. Schon damals machten die beiden Maroniten-Führer Pierre Dschemayel und Kamel Chamoun den Vorschlag, die Israelis bis nach Beirut vordringen zu lassen, um dort die PLO und die linken Moslems zu verdrängen. Israels damaliger Ministerpräsident Rabin konnte sich jedoch nicht für diesen Vorschlag begeistern, sodaß

Israel und die USA gemeinsam ihren Segen dazu gaben, daß syrische Truppen unter dem Decknamen einer allarabischen Armee in den Libanon einmarschierten, um die Christen vor einem Blutbad zu retten.

Syrien wollte weder einen christlichen noch einen zu starken moslemischen Libanon dulden. Denn bis heute sieht Syrien im Libanon einen Teil Großsyriens. Mit syrischer Hilfe wurden damals die zwei großen palästinensischen Flüchtlingslager Karanti-na und Tel el-Saater bei Beirut vernichtet, wobei Zehntausende von Palästinensern umkamen.

Inzwischen baute Bechir Dschemayel eine christliche Enklave nördlich von Beirut auf und war vor allem darauf bedacht, eine völlige Autonomie der Christen in dieser Region zwischen Beirut und Tripoli zu schaffen.

Als 1978 der Maroniten-Führer im Norden, Suleiman Frangie, darauf bestand, mit den Syrern weiter zu taktieren, obwohl diese inzwischen von den Christen zu den Moslems übergewechselt hatten, holte Bechir Dschemayel im alleinigen Beschluß zum Schlag aus und ließ Frangies Sohn Tony nebst Frau und Kindern umbringen. Der alte Frangie schwor Rache.

Zwei Jahre später wurde bei einem Anschlag auf Bechir sein eineinhalb Jahre altes Töchterchen und einige Leibwächter getötet. Jedenfalls taktiert Suleiman Frangie bis heute mit seiner kleinen Miliz mit den Syrern.

Im Sommer 1980 kam Kamel Chamoun mit seiner Miliz, den „Tigern des Libanons", an die Reihe. Dschemayel verlangte, daß sich diese Miliz bedingungslos den Phalangisten anschließe. Als jedoch Kamel Chamoun zögerte, überfielen die Phalangisten die etwa 1500 Mann starke Miliz Chamouns und brachten über 100

Mann um; die übrigen nahmen Bechir Dschemayels Kommando mit gemischten Gefühlen an.

Jetzt will Bechir Dschemayel versuchen, die Fehden der Vergangenheit, aus denen er als Sieger hervorging, vergessen zu machen und einen neuen Libanon zu schaffen. Doch scheinen die Schwierigkeiten schier unüberbrückbar. Noch haben Bechirs moslemische Gegner nur teilweise seine Präsidentschaft anerkannt. Außerdem hat Dschemayel es mit dem Nordlibanon zu tun, der nicht nur unter syrischer Besetzung leidet, sondern auch zögert, Dschemayel als Präsidenten anzuerkennen.

In dem von Israel besetzten Süden des Landes herrscht teilweise der libanesische Major Haddad, der mit seiner 2.000 Mann starken Miliz ebenfalls nicht bereit ist, sich Dschemayels Phalangisten anzuschließen.

Eine ruinierte Wirtschaft, ein zerstrittenes Land sowie fremde Truppen machen dem neuen Präsidenten zu schaffen. Er wird es bestimmt nicht leicht haben. Denn erst wenn sich die befehdenden Gruppen einig sind, daß man nur mit Kompromissen zusammenleben kann, hat auch der Präsident Aussichten, den Libanon wieder in die „Schweiz des Nahen Ostens" zu verwandeln.

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