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EIN SIECHENDER KONTINENT

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In Schlagzeilen kommt Afrika fast nur mehr negativ vor. Die Unabhängigkeit hat korrupte Militärregimes hervorgebracht. Seit Ende des Kalten Krieges wagt Afrika das demokratische Experiment - mit bisher geringem Erfolg. Ermutigende Vorbilder - wie Angola -werden nicht selten rasch von der alten Realität eingeholt. Die Szenarien für Afrika sind nicht ermutigend.

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In Schlagzeilen kommt Afrika fast nur mehr negativ vor. Die Unabhängigkeit hat korrupte Militärregimes hervorgebracht. Seit Ende des Kalten Krieges wagt Afrika das demokratische Experiment - mit bisher geringem Erfolg. Ermutigende Vorbilder - wie Angola -werden nicht selten rasch von der alten Realität eingeholt. Die Szenarien für Afrika sind nicht ermutigend.

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Als der afro-amerikanische politische Theoretiker Frantz Fanon 1961 in seinem damals vieldiskutierten Buch „Les damnes de la terre" (Die Verdammten dieser Erde) die Notwendigkeit gewaltsamer antikolonialer Revolution für den Schwarzen Kontinent explizierte, vertraute er der Kraft „der Afrikaner", ihre Probleme nach eigenen Mustern lösen zu können. In seinem marxistischen Ansatz projizierte er eine Art Volksdemokratie als Heilsvorstellung in die Zukunft der afrikanischen Staaten.

Das verband er mit dem Hinweis auf das „Recht" des Afrikaners, seine eigenen historischen Erfahrungen mit allen dazugehörenden „Fehlern" machen zu dürfen. Fanon wies damit Europa in die Schranken, das im Zeitalter der zu Ende gehenden Kolonisation parlamentarische Demokratiemö-delle des Alten Kontinents exportieren wollte. Afrika den Afrikanern, war Losung und wurde als Lösung angesehen.

Heute steht Afrika am Ende eines Unabhängigkeitsexperiments, das als gescheitert betrachtet werden kann. Afrika den Afrikanern hat - überfliegt man einmal die Problemsituation -nichts anderes als brutale Stammesund Bandenkriege hervorgebracht: Weiße Herrscher waren durch schwarze Absolutisten ersetzt worden, die sich Titel wie „Propheten", „Wunder", „Väter der Unabhängigkeit", „erleuchtete Führer", „Lehrer" oder

„Hahn, der keine Henne unbestiegen läßt" zulegten, als „Väter des Volkes" gelten wollten und doch nur mittels nackter Gewalt ihre korrupten Regimes am Leben erhalten konnten.

Was Afrika heute vor allem braucht, kann man kaum mit dem Begriff Demokratie oder Demokratisierung beschreiben. Stabilität steht an erster Stelle (dazu Seite 12). Dies propagieren vor allem alte Kolonialisten wie Frankreich. Anfang Oktober hat Frankreichs Premierminister Pierre Beregovoy in Libreville, der Hauptstadt Gabuns, mit den Begriffen „Sicherheit, Demokratie und Entwicklung" die Perspektiven Afrikas skizziert.

An erster Stelle steht also Sicherheit, die die Folgen von zwei schweren Enttäuschungen im Leben Schwarzafrikas in den vergangenen 30 Jahren ablösen soll. Die erste wurde schon benannt: das Ende der Kolonisie-rungsära brachte keine Freiheit, sondern neue Unterdrückung durch lokale Potentaten. Bei der zweiten handelt es sich um eine Erfahrung der letzten drei Jahre: die Chance, nach dem Ende des Kalten Krieges die pluralistische Demokratie zu wagen, konnte von den in europäischen Hauptstädten konstruierten afrikanischen Staaten aus vielerlei Gründen nicht genutzt werden.

Mörderische Auseinandersetzungen und Bürgerkriege wie in Somalia (FURCHE 35/1992) oder in Liberia, von bedrängten Herrschern ausgelöst oder im Gefolge einer Dezentralisierung der Macht ausgebrochen, stehen im Zentrum des Gegenwartsbildes von Afrika.

Gänzlich instabil ist die Lage in Kenia, in Äthiopien, in Togo und Zaire. Nyassingbe Eyadema, seit einem Staatsstreich 1967 in Togo an der Macht, sabotiert mit seiner Partei, gut abgestützt auf loyale Streitkräfte, ebenso die Regierung wie Mobutu Sese-Seko in Zaire, der zwar am 24. April 1990 tiefgreifende Veränderungen im politischen Leben seines Landes, ein Abgehen vom Einparteisystem ankündigte, der Demokratie bislang aber nur Fußangeln legte.

Die afrikanische Intelligenz, Beamte, Journalisten, Lehrer, Priester, Ärzte, Juristen verlangen „Selbstbestimmung" für ihre Völker, was ein Auseinanderfallen der afrikanischen Vielvölkerstaaten zur Folge hätte. Europa, Internationaler Währungsfonds • und die USA unterstützen die staatlichen Gebilde - Kritik daran wurde schon genug geübt. Flossen doch Entwicklungshilfegelder, Kredite allzuoft in die Schatullen afrikanischer Tyrannen. Die prekäre Lage Schwarzafrikas hat Ratlosigkeit in der sogenannten Ersten Welt zur Folge mit der weiteren Konsequenz, Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Solidarität mit Afrika als eigentlich sinnlos zu empfinden. Also Schluß mit der Sisy-phos-Arbeit, dem siechenden Kontinent auf die Beine zu helfen?

„Entmündigt" Afrika!

Der österreichische Journalist Joachim Riedl plädiert im Magazin Nummer 47 der „Süddeutschen Zeitung" vom 20. November 1992 für eine „Entmündigung" Afrikas, die heilsam sein kann. „Es geht um Neokolonialismus, mit dem allein die Versäumnisse der Vergangenheit nachgeholt werden können. Jede Gehschule ist anfangs ein Gefängnis. Nur in einem Afrika, das unter Kuratel gestellt worden ist, wird es möglich sein, die Kulturleistung einer ,Civil Society' zu schaffen.

Dies ist eine gewaltige Bildungsaufgabe, vergleichbar jener der Klöster, die nach den Verwüstungen der Völkerwanderung in die europäische Wildnis vorgedrungen sind - diesmal allerdings, ohne neue Abhängigkeiten, wie sie bei religiöser Missionierung auftreten, zu schaffen. Mißtrauen ist angebracht, daher müssen die neuen Zivilisatoren von einem peinlich genauen Kontrollmechanismus überwacht werden."

Will man (wer?) Afrika vor den „Blutsaugern", vor wirtschaftlicher Verelendung, Hunger, Seuchen, politischer und religiöser (islamistischer) Repression retten, darf man also den Schwarzen Kontinent nicht den Afrikanern überlassen.

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