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Ein Spaziergang zu Ostern

Ein Spaziergang zu Ostern ist Zeit der Besinnung, innere Anteilnahme am Mysterium des Ostergeschehens, Gruß an den Frühling, aber auch — wie der Osterspaziergang in Goethes „Faust” — gesellschaftliches Ereignis, Möglichkeit menschlicher Begegnungen. Die FURCHE hat fünf namhafte österreichische Autorinnen um Beiträge gebeten.

So steht nun hier neben einem verbitterten zeitkritischen Gedicht von Jeannie Ebner eine Erinnerung an einen Tag in Jerusalem von Gertrud Fussenegger, neben einem heiteren Tagebuchblatt von Lotte Ingrisch, die Schilderung einer hintergründigen Episode von Ilse Tieisch — und dann der Rückblick der längst in Wien beheimateten, aus Breslau gebürtigen polnischen Dichterin Danuta Kostewicz auf das letzte Osterfest, das sie in ihrer Heimat verbrachte.

Lotte Ingrisch

Plotins Hennen

Es waren die Ostern, in denen ich mich in Plotin verhebte. Wie lang das schon her ist! Das rote Haar wurde weiß, und ich lächle nicht mehr aus purer Schüchternheit, bis der Mund weh tut. Die Liebe von damals aber blieb.

Dietlgut, Hinterstoder. Ostersonntag vormittag. Frühlingsblumen und Schnee und ein blauer Himmel darüber. Ich gehe meinen Lieblingsweg über die Bergwiese, die Nase tief in Plotins Schrift. „An erster Stelle ist festzustellen, daß das Weltall ein einheitliches Lebewesen ist, welches alle in ihm befindlichen Lebewesen in sich enthält.” Ich könnte Plotin küssen ! „Die Seele aber ist nicht Leib, und sie wird nicht so sehr umschlossen als sie vielmehr selber umschließt...” Ich hebe meine Augen vom Buch, das ohne Zweifel Teil meiner Seele ist, und lasse sie zu anderen Teilen ringsum schweifen.

Federvieh? Wie, um Himmels willen, ist das in meine Seele gekommen? Und wie ich auf den Geflügelhof? Das kommt von philosophischen Osterspaziergängen. Hundert Hennen, mindestens, starren mich an. Von den Hähnen und Küken zu schweigen. Ich starre zurück. Versuche, das Geflügel als Teil meiner selbst und uns alle als Teü des lebendigen Kosmos zu erkennen.

Dabei mag eine Stunde vergangen sein. Das Knurren meines Magens stürzte mich die Stufen der Wirklichkeit hinab. Aus der Einheit in die Vielfalt, aus der Betrachtung ins Handeln. Ich kehrte um, ging wieder zurück.

Und das ganze Federvieh ging mit mir! Mit einem Ruck blieb ich stehen. Die Hühner auch. Schritt mächtig aus. Die Hühner auch. Was, zum Teufel, wollten sie nur von mir? Ich fing an, zu laufen, und der ganze Hühnerstall rannte hinter mir her. Da bekam ich es mit der Angst zu tun. In wilder Flucht erreichte ich das Dietlgut, warf die Tür hinter mir zu, hätte sie am liebsten verriegelt. Ratlos stand das Geflügel davor. Lang. Trat traurig den Rückzug an.

Heute weiß ich, einmal im Leben habe ich es geschafft! Ich war das Alpha, die Führergestalt. Das Leittier der Hennen.

Ilse Tieisch

Franzi aus Ohio

Aus meiner Erinnerung an Osterspaziergänge ist kein Profit literarischer Art zu schlagen. Wen interessiert schon ein Bericht über die winzigen Gärten, zwischen denen ich mit meinen damals kleinen Kindern spazierengegangen bin, als ich noch in Jed-lesee, am Rand des Inundations-gebietes der Donau, wohnte. Es gibt sie ohnedies nicht mehr, die Stadt hat sich ausgedehnt, aus dem Überschwemmungsgebiet ist die Donauinsel geworden.

Damals färbten sich um Ostern in den kleinen Sonntagsparadiesen die winzigen Rasenflächen saftig grün, Krokusse hielten ihre leuchtenden Kelche der Sonne entgegen; war es später im Kalender, gab es schon die knallgelben Märzenbecher und die ersten bunten Tulpen. Die Kinder legten ihre kleinen Finger in den Maschendraht und staunten die Blumen an, manchmal pflückte einer der Gartenbesitzer einen kleinen Strauß und reichte ihn über den Zaun: Für die Vase zu Hause. Die Kinder griffen danach und bedankten sich.

Nein, keine Sensationen, an die ich mich erinnere, nur der Grasgeruch der Wiesenfläche, die sich zur Donau hinzog, sonntäglich gekleidete Leute, die mit Hunden den Damm entlangwanderten, das Wasser der Donau, das im Vorbeifließen in kleinen Wellen an die Ufersteine schlug, die grün gestrichenen Fischerboote, der Blick hinüber auf Nußberg, Kahlenberg, auf die Kirche des Leopoldsberges.

Ich glaube, es war an einem Ostersonntag, als wir mit James Wright aus Ohio die Donau entlangwanderten, seine Frau hieß Libby und war eine Griechin, und ihren Sohn hatten die beiden, zur Erinnerung an ihren Aufenthalt bei uns, Franzi getauft, nicht etwa Franz, nein das verkleinernde, für Wien, wie sie meinten, so typische „1” mußte in den Taufschein hinein — wer weiß wie der junge Mann, der inzwischen gut seine fünfunddreißig Jahre auf dem Buckel hat, mit diesem für die Vereinigten Staaten doch etwas seltsamen Namen zurechtgekommen ist. Vielleicht hat er sich später umbenannt, in Frank oder Franky, man könnte es verstehen, wenn man bedenkt, wie schwierig der Name Franzi für einen Bürger von Ohio auszusprechen ist

Ja, es muß ein Ostersonntag gewesen sein, wenn ich mich recht erinnere, denn wir sprachen von Goethe; James Wright war Germanist, er zitierte Stellen aus dem Faust, vielleicht sogar aus dem Osterspaziergang. Wir versprachen einander, Briefe zu schreiben, doch wir haben keine geschrieben. So etwas kommt jedoch, so habe ich mir jedenfalls sagen lassen, häufig vor.

Danuta Kostewicz

Damals, daheim

Ich habe mich entschieden, das Ostermahl am Rande des Waldes im Grünen auszurichten. Vor Jahren hatte mein Kind dort sein vertrautes Territorium, ein Bereich der glücklichen Jagd der Vorstellungskraft, die das Gleichgewicht noch nicht verloren hat Alle Wege liefen dort meinem Hund entgegen. Die Freiheit trog dort uns alle so überzeugend.

In einen alten Weidenkorb legte ich alles hinein — wie es sich gehört. Brot und Salz, ein Kränzchen Wurst, Kuchen, buntbemalte Eier, ein Zuckerlamm und Buchsbaumzweige.

Auf einem breiten Stamm habe ich das Tischtuch ausgebreitet Die Vögel waren in dieser Zeit noch mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Drei Viertel der Nester schienen auf die Unterzeichnung der Wärmeverordnung zu warten.

Das Weiß der Tischdecke hat den ersten Schmetterling angelockt. Er hat mir zur Formulierung der Schönheitsdefinition seiner Gattung verholfen. Aus den dunklen Ästen der Föhren entsprang leuchtend die Hoffnung auf die Möglichkeit, aus dem irren Kreis äußeren grauen Lebens herausbrechen zu können. Ein zweitrangiger Käfer prüfte — in unfehlbarer Rechnung der Zeit

— die Schneisen seines weiteren Weges, und die Erde roch so wahrhaftig, daß die vergessenen Büder der Vergangenheit plötzlich aus der Erinnerung traten. Ohne Mühe schlössen sich alle Träume auf, und keine Frage überstieg die Antwort, und die Welt schien nicht vorzeitig ergrauen zu müssen. Wir aßen das geweihte Mahl, freuten uns des Frühlings. Von großem Abschied war noch keine Spur.

Gertrud Fussenegger

In Jerusalem

Ich war mit einer Pilgergruppe nach Israel gefahren; vier Tage waren wir unterwegs auf unserem Schiff, dann acht Tage im Heiligen Land. Wir fuhren von Wallfahrtsstätte zu Wallfahrtsstätte, hörten Messen, beteten viel. Aber der Ostersonntag-Nachmittag wurde uns von unserem strengen Pater Reiseleiter freigegeben. Ich beschloß, das Heiligtum des Islam, den Tempelberg, aufzusuchen.

Es war sommerlich warm. In den Gärten waren die Rosen schon im Verblühen. Ich hatte ein dünnes Baumwollfähnchen an, ohne Ärmel. Zum Glück nahm ich mir auch ein Schultertuch mit; ich wußte schon: unbeärmelte Frauen wurden in dieser Gegend an heiligen Stätten nicht geduldet.

Wie jedermann weiß, ist der Tempelberg zu Jerusalem eine der ausgedehntesten sakralen Stätten: in der Mitte der Felsendom, am Südrand die El-Aksa-Moschee.damals geschlossen, weil sie nach der Brandlegung eines Verrückten noch restauriert wurde; der ganze Platz geplattet, mit einem starken Mauerring umgeben. Der Tempel, seit Titus zerstört, hat nur noch geisterhafte Gegenwart. Seine Grundmauern reichen in die Klagemauer hinab, vielleicht, denn unbedingte Gewißheit darüber ist nicht zu erlangen. Darum vermeidet der orthodoxe Jude den Tempelplatz, denn er fürchtet das Unbetretbare, das Allerheiligste zu entweihen.

Ich spazierte auf dem Platz hin und her. Ich stellte mir vor, wie es hier aussah zu Christi Zeit. Auf tausend mittelalterlichen und barocken Bildern werden Tempel und Tempelhöfe dargestellt, prachtvolle Paläste, einmal mit zierlichen Spitzgiebeltürmchen, das andere Mal mit glanzvollen Säulenhallen. Illusion! Denn zu Jesu Christi Zeiten war hier eine riesige Baustelle. Eine Armee ausgemergelter und zerlumpter Sklaven wimmelte um Steinblök-ke, Balkenstapel, Ochsengespanne. Uberall Schmutz, Gedränge, Lärm und Unrat. Dazu die Händler, die Wechsler, die Opfertiere ...

Jetzt ist der Tempelbezirk feierlich leer, sauber gefegt bis in die Winkel. Nur da und dort eine Gruppe Kauernder, die aus einer Pfanne geröstete Körner essen. Man nickt mir freundlich zu, wenn ich vorüberstreife. Dann und wann, wenn mein Tuch von den Schultern rutschte, gibt mir ein Turbanträger ein Zeichen: Bedecke dich! Ich folge dem Hinweis und wickle mich fester ein.

Später wanderte ich noch zum Teich von Bethesda; ich hatte in einer archäologischen Untersuchung gelesen, daß hier noch Steine lägen wie sie in jener Zeit gelegen hatten. Vorsichtig klettere ich die schiefe krumme Stiege hinab. Unten blinkt zwischen abgesackten Mauern und geborstenen Säulen ein dunkles Wasser, grün von Algen: der Teich! Ich denke an den Bericht des Evangeliums: ein Engel habe dieses Wasser manchmal bewegt, und wenn es bewegt wurde, hatte es Heilkraft.

Ich dachte: Kein Engel bewegt es mehr.

Ich dachte: Weil wir keinen Engel erwarten.

Trotzdem bückte ich mich und tauchte meine Hand in das Wasser und, obwohl ich mich ein wenig ekelte, benetzte ich damit meine Stirn, meinen Mund, meine Brust

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