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Ein typischer Komplex?

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Mit dem Beitritt/Nichtbeitritt zur EG steht Österreich vor einer Weichenstellung, wie wir eine solche seit 1955 nicht erlebt haben. Genauer gesagt: Eine derartige Weichenstellung, frei zwischen zwei verschiedenen Wegen in die Zukunft entscheiden zu können, hat Österreich bei keiner der Zäsuren von 1919, 1938,1945 und 1955 erlebt.

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Mit dem Beitritt/Nichtbeitritt zur EG steht Österreich vor einer Weichenstellung, wie wir eine solche seit 1955 nicht erlebt haben. Genauer gesagt: Eine derartige Weichenstellung, frei zwischen zwei verschiedenen Wegen in die Zukunft entscheiden zu können, hat Österreich bei keiner der Zäsuren von 1919, 1938,1945 und 1955 erlebt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Für mich ist es keine Frage, daß Österreich innerhalb eines zusammenwachsenden Europas von morgen als vollberechtigtes Mitglied mitwirken soll. Eine freie Entscheidung in der bevorstehenden Volksabstimmung setzt jedoch ein weit höheres Maß an Informiertheit voraus, als derzeit in weiten Kreisen gegeben ist.

Die bisherige EG-Diskussion ist ja in vielfacher Hinsicht falsch gelaufen: Vornehmlich wurde sie (und wird sie immer noch) in Form eines Glaubenskrieges geführt: Von einer vorgefaßten Meinung -pro oder kontra - ausgehend, stellt man sich für Argumente der jeweils anderen Seite taub.

Dann wird vielfach die Situation, wie sie sich nach einem Beitritt ergeben dürfte, mit dem heutigen Österreich verglichen. Dies ist grundfalsch; es ist vielmehr danach zu fragen, welche Entwicklung (etwa für die Landwirtschaft) im Falle eines Beitrittes zu erwarten ist, verglichen mit der zu erwartenden Entwicklung (zum Beispiel der Landwirtschaft) im Falle eines Nicht-Beitritts.

Oder die berühmte Frage: Sollen die in Brüssel entscheiden, was bei uns geschehen darf? Gegenfrage: Soll jedem (westeuropäischen) Land erlaubt sein, die Gewässer, die in andere Länder fließen, die Luft, die in andere Länder weiterverfrachtet wird, nach Belieben zu vergiften? Entrüstete Antwort: Natürlich nicht! Anschlußfrage: Wer soll es verbieten dürfen? In der Welt von morgen brauchen wir-fürviele der drückendsten Probleme -supranationale Entscheidungsstrukturen, an deren Beschlüsse dann alle beteiligten Länder zwingend gebunden sind. Es geht um die gleichberechtigte Mitwirkung an diesen supranationalen Entscheidungen; es geht um gemeinsam auszuübende Souveränität („shared sovereignty") innerhalb einer überschaubaren Ländergruppe.

Oder: Wenn Österreich eines Tages von einem militärisch stärkeren Aggressor bedroht wäre - würden wir dann erwarten, daß uns westeuropäische Länder zu Hilfe eilen? Natürlich ja! Dann müssen wir aber das Entstehen eines kooperativen supranationalen Sicherheitssystems bejahen, einschließlich der Verpflichtung, anderen Mitgliedsländern zu Hilfe zu eilen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, daß Österreich von allen (westeuropäischen Staaten das größte Interesse an einem supranationalen Sicherheitssystem haben muß. Natürlich können wir auch allein im Abseits stehen bleiben; dann müssen wir aber auch bereit sein, gewaltig aufzurüsten.

Bisweilen wird unsere EG-Diskussion in bizarrer Weise widersprüchlich: Viele lehnen die EG ab, weil sie unter Umständen zu einer politischen Einheit werden könnte, werfen ihr allerdings gleichzeitig vor, diese Einheit noch nicht zu sein, das heißt, im Jugoslawien-Konflikt nicht mit einheitlicher Politik militärisch eingegriffen und „Ordnung gemacht" zu haben.

Vor allem aber wird, ausgehend vom typischen Minderwertigkeitskomplex des Österreichers, in demutsvoller Kaninchenhaltung meist nur gefragt, was uns die böse EG wohl alles antun werde, anstatt - frei nach John F. Kennedy - die Gegenfrage zu stellen: Was ist es, was ein sich seiner Schwächen und seiner Stärken bewußtes Österreich wohl in dieses zusammenwachsende Europa an besonderen Werten einbringen kann?

Ich möchte absichtlich nur kurz auf die äußeren Werte eingehen: Wir bringen eine gesunde, vielfältige Wirtschaftsstruktur ein, dann eine (noch?)

intakte Umwelt mit besonderem Schwergewicht in der Erholungsfunktion. Ich sehe gar nichts Böses darin, im Züge fortschreitender internationaler Arbeitsteilung ein immer reichhaltigeres Freizeitangebot wahrnehmen zu können, einschließlich einer Pensionopolis-Funktion. Was ist falsch daran, wenn ein EG-Bürger seine Lebensersparnisse an seinem Lebensabend in Österreich ausgibt? Wäre uns eine Schwerpunktsetzung auf Motorradrennen und/oder Grundstoffindustrie lieber?

Mir geht es viel eher darum, was wir an immateriellen Werten einbringen können. Hier sehe ich drei Bereiche:

Wie schon Jörg Mauthe in seinem „Nachdenkbuch für Österreicher" ausgeführt hat, weist der Österreicher eine gesündere Einstellung zum Verhältnis Otium-Negotium auf als etwa der Deutsche und Schweizer auf der einen Seite, der Südländer auf der anderen. Was die Japaner als kyo-sei eben erst zu entdecken beginnen, besitzen wir schon lange. Sinn der fremdbestimmten Arbeit ist es, so viel zu verdienen, daß man noch genügend Muße (sie!) zu selbstbestimmter Arbeit haben kann; vom Musizieren über den Schrebergarten und den Sportklub bis hin zu caritativen Tätigkeiten, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Unsere Malteserhelfer, die Mitarbeiter(innen) in Jugendgruppen, in Pfarren, gehen nicht mit säuerlicher Miene und erhobener Nase durch die Welt, sondern sind Menschen wie du und ich.

Das zweite ist unser weit überdurchschnittliches Kulturleben. Bei einem Liederabend der Salzburger Festspiele sagte ein der dortigen Oberschicht angehörender Spanier zu mir: Ein gesteckt voller Saal bei einem Liederabend wäre bei uns undenkbar. Statussymbol eines der oberen Oberschicht angehörenden Österreichers ist nicht die Jacht am Mittelmeer, sondern das Abonnement der Philharmonischen Konzerte und die Präsidentschaft einer kulturfördernden Vereinigung. Aber nicht nur Spitzenkultur: Jedes Dorf in Österreich hat sein Blasorchester, jedes nur halbwegs begabte Kind lernt dort irgend ein Musikinstrument; in Kärnten gibt es mittelgroße Orte, in deren mehrere Chorvereinigungen nebeneinander bestehen, und es werden immer neue Kärntnerlieder geschrieben, von denen viele zu Volkslieder werden.

Das dritte ist unser erhöhtes Umweltbewußtsein. Zwar liegen wir hinsichtlich unserer realen Umweltstandards durchaus nur im Durchschnitt der EG-Länder (was viele überraschen mag!), doch ist die Bevölkerung Umweltfragen gegenüber weit aufgeschlossener als etwa in südeuropäischen Ländern. Die Zwentendorf-Abstimmung, die Vorreiterrolle Österreichs bei der Einführung des Katalysators und unsere hart geführten Transitverhandlungen haben in weiten Kreisen in Österreich das Bewußtsein verstärkt, weiterhin führend vorangehen zu sollen.

Also gut: Wir können vieles einbringen. Aber wird nicht das kleine Österreich von der riesigen EG erdrückt werden, wird uns überhaupt noch ein Spielraum bleiben? Was müssen wir zu bewahren trachten?

Werfen wir einen Blick auf Länder, die der EG schon von Anfang an - seit 1957 - angehören, wie etwa auf Belgien und die Niederlande, die ja auch damals schon im Benelux verbunden waren, so erkennen wir unschwer, daß sich diese Länder all ihre nationalen und regionalen Eigenarten erhalten haben. Sicherlich ist es in den vergangen Jahrzehnten überall zu gewissen Assimilationserscheinungen gekommen, aber nicht durch die EG, sondern durch die Zunahme der

Kommunikationsmittel: Heute würde es schwerfallen, etwa in Kärnten noch alle 19 Dialekte zu unterscheiden, die 1945 noch unterscheidbar waren.Wir erleben aber heute in ganz Europa geradezu ein Rückbesinnung auf regionale Werte, eine Tatsache, der der Vertrag von Maastricht mit seiner Betonung der Subsidiarität Rechnung trägt, und die infolge der nur knappen Mehrheit in Frankreich in Zukunft noch verstärkt auch in der offiziellen EG-Politik zum Ausdruck kommen muß.

Es wäre ganz falsch, uns jene Werte, die wir uns unverändert erhalten wollen, etwa im bevorstehenden EG-Abkommen vertraglich absichern zu wollen. Auch die ehemaligen 19 Kärntner Dialekte ließen und lassen sich nicht vertraglich absichern. Wichtig ist vielmehr, unser österreichisches Selbstbewußtsein zu wahren. Mögen Schuhplattlergruppen für erholungsbedürftige Westfalen erforderlich sein, so ist es doch ungleich wichtiger, unserer Jugend Freude am Volkstanzen zu vermitteln, ohne daß damit öffentliche Auftritte verbunden wären.

Wie sagten die österreichischen Beamten, als ihnen 1938 eine Antise-lektion aus dem „Altreich" abgeschobener Kollegen als Chefs vor die Nase gesetzt wurden? „Mir wer'n s' scho' demoralisieren". Und das ist vielleicht das wichtigste: Der Österreicher neigt nicht zu Extrempositionen. Die österreichischen Rudi Dutschkes und Cohn-Bendits von 1968 waren nicht weniger intelligent, aber sie gingen zum Heurigen; und auch heute erleben wir bei uns keinen mit Frankreich und Deutschland vergleichbaren Rechtsradikalismus. Und das ist vielleicht das wichtigste, was wir einbringen können: erhöhtes Konfliktlösungspotential. Das Europa von morgen wird es dringend brauchen.

Wie sagte Grillparzer: „Zwischen dem Manne Deutschland und dem Kinde Italien liegst du, der wangenrote Jüngling, da." - Erhalten wir uns unsere Wangenröte. Der Autor ist Abgeordneter zum Nationalrat und Professor für Statistik an der Sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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