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Eine Clique ohne Vision

1945 1960 1980 2000 2020

Bundespräsidenten- und Nationalratswahl, neue „Sterne“ am Politikerhimmel und endlich der langersehnte Bischof für die Erzdiözese Wien: Zwölf Monate ohne Ende.

1945 1960 1980 2000 2020

Bundespräsidenten- und Nationalratswahl, neue „Sterne“ am Politikerhimmel und endlich der langersehnte Bischof für die Erzdiözese Wien: Zwölf Monate ohne Ende.

Das abgelaufene Jahr brachte das Ende vieler Illusionen. Nun könnte man meinen, daß nichts heilsamer ist als falsche Erwartungen und Vorstellungen auf ein realistisches Maß zu reduzieren. Aber wie sah das realistische Maß von 1986 aus? Es brachte doch in allen Bereichen negative Überraschungen.

Wären nur Wirtschaftsunternehmungen zusammengebrochen wegen ungünstiger Witterungsverhältnisse am Weltmarkt, wären nur die zahlreichen Konkurse gewesen, die uns hätten belehren sollen, das bisherige Modell unseres Produzierens dringend zu ändern, hätte man durchaus der Ansicht sein können, eine Art grippaler Infekt bedrohe uns und sollte uns ermuntern, über Neuerungen und Reformen nachzudenken.

Leider war das nur ein dramatischer, aber keineswegs der einzige Sorgepunkt der Geschichte. In Wirklichkeit mußten wir 1986 feststellen, daß wir aus der Zeit herausgefallen sind. Also haben wir 1986 nicht nur Endpunkte von Entwicklungen seit 1945/1955 erlebt, sondern auch mit wachsendem Unbehagen neue Phänomene erkennen müssen, die uns gleichsam von der Gegenwart isolierten und obendrein von jeder Vision von Zukünftigem dauerhaft abtrennten.

Das könnte man freilich über manche Staaten schreiben, mit denen sich zu vergleichen uns keineswegs mit Stolz zu erfüllen vermag. Die österreichische Besonderheit liegt vielleicht darin, daß 1986 zwei perspektivische Verkürzungen erlaubte.

Die eine ist, daß wir die Vergangenheit nicht vom Hals bekommen, ja es scheint sogar, je mehr wir ihr zu entgehen trachten, desto unbarmherziger holt sie uns ein; die andere verweist uns auf den gemeinsamen Fluchtpunkt aller Vorstellungen und Bemühungen, der somit als Verlustort aller Selektionskriterien im kulturellen, sozialen und politischen Bereich umschrieben werden kann.

Die zweite Perspektive hat natürlich eine besondere Geschichte. Nicht ohne Kummer sollten wir nacherzählen, wie es denn gekommen ist, daß sich in diesem Land so ziemlich das meiste in dem Gegensatzpaar von Komplizenschaft und Nötigung beschreiben läßt.

Nicht nur die Korruptionsfälle offenbarten hier ein tüchtiges halb-staatliches und halb-privates Konstruktionsprinzip der Gesellschaft, sondern grundsätzlich darf wohl vermutet werden, daß jene wenigen, die die Geschicke des Landes bestimmen, einerseits zu einer anthropologisch-ethnologisch bestimmbaren Minder-heiten„rasse“ degenerierten — was sich an deren demonstrativem Konsum und den beschämenden Eitelkeiten äußert.

Andererseits wurden diese wenigen zu einer byzantinischen Clique, die von Fall zu Fall ihre politische Tugend wenn schon nicht vor einer politischen Öffentlichkeit beteuert, so vor dem jeweiligen Landesgericht. Offenbar ist das Vertrauen dieser byzantinisehen Clique in die Justiz noch so groß, daß sich die meisten von ihren parlamentarischen Körperschaften aber nicht ausliefern lassen.

Der Hintergrund des Gegen-, satzpaares von Komplizenschaft und Nötigung ist ebenfalls von einigem Interesse: Sind doch beide Charakteristika das Ergebnis eines Sozialverhaltens, das sich am deutlichsten in der Ökonomie zeigt. In dem Maß, in dem wir nicht mehr produktiv sind, widmen wir uns dem Antiquitätenhandel bis zum Verkauf der eigenen Person im Fremdenverkehr, und gleichzeitig beweisen wir allerorten, daß sich auf diese Weise bestens leben läßt.

Somit sind die Symbole unserer hedonistischen Gegenwartskultur nicht lange zu suchen: in der Medien- und Freizeitwelt, in dem schnippischen Spiel der Byzantiner zwischen arrogierter Macht und selbstgefälliger mannstoller Überheblichkeit.

Es ist naheliegend, daß somit die sozialen Probleme des Landes links liegen bleiben. So wenig sich die Genossenschaften um die Bauern kümmern, vernachlässigen die Gewerkschaften ihre historische Aufgabe, der Anwalt der sozial Schwachen zu sein.

Somit zeigen die Schwachstellen von 1986, daß die Beschaffenheit der Milieus endgültig in eine andere chemische Formel rutschte: Was man für konservativ halten mag, ist es längst nicht mehr.

Daher unterlag die Volkspartei diesen peinlichen Selbsttäuschungen, daher ist nicht mehr sozialistisch, was unter dem Titel SPö firmiert.

Hinter Komplizenschaft und Nötigung erweist sich das Milieu geschlossener und byzantinischer, und die eigentlichen Symbolfiguren des Staates sind die Landeshauptleute Siegfried Ludwig und Theodor Kery, also nicht Kurt Waldheim und nicht Franz Vranitzky.

Freilich kam 1986 auch die erste Perspektive zum Vorschein: die Bedrohung Österreichs durch seine eigene Vergangenheit. Naturgemäß gibt es hier zwei unterschiedliche Dimensionen.

Die eine ist, daß sich der amtierende Bundespräsident in der Einschätzung der politisch-historischen Kontinuität des Landes offensichtlich nicht irrte und daher in der „Welt“-Öffentlichkeit in ein schiefes Licht geriet, in dem er, seinem früheren und keineswegs außergewöhnlichen Handeln gemäß, gar nicht hätte stehen müssen. Da Waldheim aber seine Vergangenheit mit so viel Deckweiß schönte, war es kaum mehr zu glauben, daß sich darunter so wenig Farbe verbirgt.

Die zweite Dimension freilich ließ ein Schönerer Georg (id est Jörg) erstehen, der angesichts der byzantinischen Clique mit einiger Berechtigung behaupten konnte, diese verkörpere in geringerem Maß das Land als er selbst und seinesgleichen. Also wurde 1986 auf unerwartete Weise die historische Kontinuität dieses Landes restauriert: Vor den beiden großen Parteien existiert ein offizieller und inoffizieller, junger und alter Nationalsozialismus.

1986 wurde diese, bislang gehütete und nur an manchen Kulturtaten meßbare Kontinuität wieder fühlbar; nicht nur in Kärnten oder Salzburg zeigte eine „Schönerer Georg“-Bewegung ihre anachronistische Lebendigkeit, sondern insgeheim in den Dutzenden Regierungs- und Verwaltungsakten des Staates stieg die Illiberalität und Intoleranz an.

Die Geistesgeschichte von 1986 schrieb nicht irgendein amerikanischer Historiker in irgendeinem dickleibigen Buch, sondern sie ist wöchentlich bei Viktor Reimann in der Kronen-Zeitung um sechs Schilling zu lesen. Das ist das blamable Finale dieses Jahres. Damit ist Österreich aus der Zeit gefallen, wie man ansonsten nur aus allen Wolken fällt.

Wegen der Ratlosigkeit ver-_ sucht man es am Jahresende mit der Großen Koalition, die wahrscheinlich und buchstäblich der Weisheit letzter Schluß ist. Aber diese wird die Gegenrichtungen verstärken, sei es, daß aus der Politik eine Transpolitik wird — Bruder Baum ins Parlament! —, sei es, daß mit dem Auslaufen des Jahrhunderts die demokratische Republik zu Ende geht: Immerhin intendieren das die sogenannten Verfassungsreformer.

Nach 1986 können Österreich aber keine schweren Jahre mehr ins Haus stehen. Das Schlimmste ist schon vorbei!

Da auch in der Kirche Österreichs die politische Vernunft vom zerstörten Milieu bestimmt erscheint, wird es ihr vorerst gar nicht auffallen, daß schon jetzt viele Menschen daheim bleiben. Wurde für diese die Hauskirche geschaffen?

Endlich erlebten wir mit 1986 auch einen Wendepunkt! Nunmehr wird man sich zu überlegen haben, entweder gibt man Österreich in internationalen Zeitungen als Inserat auf, um es preisgünstig loszuschlagen, oder aber wartet ab, ob sich nicht doch ein starkes Land in Europa seiner erbarmt. Die Politik sieht immerhin so aus, als würde man sich beide Varianten überlegen.

Der Autor ist Dozent für Soziologie an der Universität Wien.

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