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Eine Denk-Wende

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Nicolae Ceausescu polemisiert wieder gegen Ungarn. Das Eintreten des Nachbarlandes für die Rechte der Siebenbürgener Magyaren ist für ihn nichts als Chauvinismus.

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Nicolae Ceausescu polemisiert wieder gegen Ungarn. Das Eintreten des Nachbarlandes für die Rechte der Siebenbürgener Magyaren ist für ihn nichts als Chauvinismus.

Die Offenheit, mit der Mätyäs Szürös, Sekretär des Zentralkomitees der ungarischen Kommunistischen Partei, in einer Rundfunksendung die Öffentlichkeit über die unerträgliche und unhaltbare Situation der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen unterrichtete und dabei die rumänische Minderheitenpolitik einer außerordentlich scharfen Kritik unterzog, signalisiert das Ende, einer verhängnisvollen Phase der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Ungarn und Rumänien.

Es begann gleich nach Kriegsende, als die Stalinisten unter der Behauptung, Ungarn sei eine faschistische Nation, selbst das historische Siebenbürgen aus dem Bewußtsein der Bevölkerung auszumerzen versuchten. Aber auch Anfang der sechziger Jahre suchten Schulkinder vergebens nach dem im Geschichtsunterricht gelernten Kolozsvär (Klausenburg) auf der Landkarte, sie fanden nur Cluj.

Erst die 1966 von Parteichef Jä-nos Kädär gemachte Bemerkung, nach der Siebenbürgen 1918 infolge eines imperialistischen Friedens Rumänien angeschlossen worden sei, ermunterte einige Historiker, von diesem Landesteil zumindest auf wissenschaftlicher Ebene wieder einmal Kenntnis zu nehmen.

Auf kulturellem Gebiet war das schon schwieriger. Die sich aufs Erlernen siebenbürgischer — also auch rumänischer Tänze—spezialisierende Tanzhausbewegung der Jugend mußte sich Anfang der siebziger Jahre nur zu oft von feigen Kulturapparatschiks den Vorwurf gefallen lassen, das Kultivieren dieser Tänze sei nichts anderes als getarnter Chauvinismus.

Daß in Siebenbürgen der in neostalinistischem Gewände auftretende großrumänische Nationalismus gerade damals seine ersten Sternstunden feierte, kümmerte in Ungarn weder die Politik noch ihre Funktionäre. Mit der schamlosen Sprachregelung, jedwedes Berühren dieses Themas fördere „einheimische Grenzrevi-sionsgelüste“, ignorierte die Führung jahrelang sowohl die Mißhandlungen von Angehörigen der ungarischen Minderheit als auch die eigene Öffentlichkeit, die somit nur auf Reiseberichte und auf ungarischsprachige Sender aus dem Westen angewiesen blieb.

Selbst 1982, als die im Stürmer-Stil wütende rumänische Staatspropaganda eine Pogromstimmung in Siebenbürgen erzeugte, wurde die Redaktion der dagegen protestierenden Literaturzeitschrift „Tiszatäj“ vom Budapester Ministerium unter der fadenscheinigen Erklärung abgelöst, Äußerungen dieser Art würden zur Verschlechterung der Lage der Ungarn in Siebenbürgen beitragen.

Unbeeindruckt von der magyarischen Zurückhaltung und den auf Zusammenarbeit abgestellten Appellen fuhren die rumänischen Behörden konsequent mit der Verwirklichung ihres „demographischen Programms“ fort. Das bedeutete nicht nur die Schließung ungarischer Schulen, Fakultäten, Rundfunkstudios und Theater, sondern auch die Zersetzung der „fremden“ Blöcke durch Einführung einer Zwangsbeschäftigung von Siebenbürgener Ungarn in anderen Landesteilen.

Erst als westliche Massenmedien — aufgeschreckt durch das Ansteigen der Flüchtlingszahlen aus Siebenbürgen — verstärkt die Frage nach Ungarns Verantwortung aufwarfen, setzte in Budapest eine Denk-W^nde ein.

Da auch die von der Politik weniger abhängige Geschichtsforschung mittlerweile einige neue Ergebnisse zeitigte (FURCHE 12/ 1987 über die dreibändige ungarische „Geschichte Siebenbürgens“), die nicht unbedingt mit den größenwahnsinnigen rumänischen historischen Anschauungen übereinstimmten, schreckte Conducator Nicolae Ceausescu im Vorjahr nicht einmal davor zurück, dem sozialistischen Nacbarland Faschismus und Grenz-revisionsgelüste zu unterstellen.

Der entsprechend scharfen Zurückweisung dieser von Ungarn als Unverschämtheit empfundenen Äußerung folgten mehrere von Budapest initiierte Gesprächsrunden mit Rumänien — ohne nennenswerten Erfolg.

Nun dürfte die ungarische Führung endlich erkannt haben, daß sie bei ihren Bemühungen um die Siebenbürgener Ungarn die Unterstützung der Bevölkerung nicht außer acht lassen darf. In den letzten Wochen sind in Budapest von einem Privatverein mehrere öffentlich zugängliche Vorträge über Geschichte und Lage der Ungarn in Siebenbürgen veranstaltet worden. Mehrere tausend Menschen — darunter viele Jugendliche—haben daran teüge-nommen, ohne leiseste Anzeichen von Nationalismus.

Sollte es den ungarischen Reformern gelingen, eine Kommunikation mit diesem begonnenen Denkprozeß herzustellen, könnte das bald auch Auswirkungen auf das Schicksal der ungarischen Minderheit haben.

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