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Eine Nation mit stark irritierendem Namen

1945 1960 1980 2000 2020

Bosnien ist einem blindwütigen Aggressor hilflos ausgeliefert. Hunderttausende sind auf der Flucht, Zehntausende Tote sind zu beklagen. Die Bosniaken bekennen sich als Moslems zu Europa. Wie islamisch sind diese Nachbarn?

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Bosnien ist einem blindwütigen Aggressor hilflos ausgeliefert. Hunderttausende sind auf der Flucht, Zehntausende Tote sind zu beklagen. Die Bosniaken bekennen sich als Moslems zu Europa. Wie islamisch sind diese Nachbarn?

Als „Moslems im nationalen Sinne" werden seit 1971 aus pragmatischen und innenpolitischen Gründen die islamischen Einwohner des historischen Bosnien bezeichnet. Die Neubenennung wurde im Zuge der Ablösung des früheren strengen Zentralismus im jugoslawischen Staatsverband durch ein System der zunehmenden Selbstverwaltung und somit auch Selbstbestimmung vorgenommen. Damals entwickelte sich in Jugoslawien auch ein neues Verständnis des Begriffes „Nation". Die Bezeichnung entsprach den neuentworfenen Kriterien. So konnte sie in den offiziellen Status erhoben werden. Tatsächlich pflegten sich die moslemischen Volksmassen in der Republik Bosnien und der Herzegowina sowie im Sandschak von Novi Pazar seit vielen Jahrzehnten selbst so zu definieren.

Das Bosniakentum als nationale Identifikation ist vor allem unter den bosnischen Moslems tief eingewurzelt. Ihm zugehörig fühlten sich ihre Vorfahren im selbständigen Königreich Bosnien (1377-1463) - damals waren sie zum Großteil Pa-tarener oder Bogumilen -, im Osmanenreich (1463-1878) und in Österreich-Ungarn (1878-1918).

Die vier Jahrzehnte der österreichisch-ungarischen Anwesenheit in Bosnien und der Herzegowina bedeuteten für das Land vielfach die Zeit einer verstärkten nationalen Differenzierung: Die bosnischen Katholiken entschieden sich damals national für das Kroatentum, die Orthodoxen oder Pravosla-venfürdasSerbentum. Von allem Anfang an reklamierte jeder dieser beiden Nationalismen die Moslems für sich. Gleichzeitig wurde -unterschwellig oder offen -daran gearbeitet, daß das Bosniakentum aus dem politischen Vokabular und aus dem Volksbewußtsein verschwindet.

So ist es zu verstehen, daß selbst die führende politische Organisation der bosnischen Moslems heute, die Partei der Demokratischen Aktion (SDA), sich als Vertreterin der „Moslems im nationalen Sinne" - und nicht der Bosniaken - versteht. Ihr gegenüber besteht die Moslemische Bosniaken-Organisation (MBO) streng auf dem Bosniakentum als dem eigentlichen Namen der Volksgruppe. Das Aufscheinen eines Konfessionselements in einem betont nationalen Zusammenhang wie im Syntagma „Bosniens Serben, Kroaten und Moslems" stößt vor allem bei den Außenstehenden vielfach auf Unverständnis und führt zu Irritationen.

Der Islam im Donauraum und auf dem Nordbalkan ist keine Folgeerscheinung der türkischen Expansion allein. Schon im Zeitraum vom 9. bis 13. Jahrhundert hat es in diesem Teil Europas moslemische Bevölkerungsinseln gegeben. In einiger Dichte waren sie vor allem in Sirmium (Srem), Maöva und Nordostbosnien vorhanden. In der historischen Wissenschaft wird der Gruppenname Saqaliba für die Prätorianer der maurischen Kalifen von Cordoba in Zusammenhang mit den Slawen des Balkan und des Donauraumes gebracht.

Massenhafte Übertritte zum Islam erfolgten im 15. und 16. Jahrhundert. An ihnen beteiligten sich vor allem die nach langjährigen Unterdrückungen noch im Lande verbliebenen Pa-tarener oder Bogumilen beziehungsweise ihre katholischen Nachfahren,

in Wirklichkeit Krypto-Bogumilen. Der von der osmanischen Armee damals praktizierte Islam war in hohem Maße von der Mystik geprägt. Viele synkretistische Elemente wirkten in ihm mit. Er war großzügig und weitblickend; folglich für die damalige Zeit recht tolerant. Da auch die „Bosnische Kirche", wie sich der landeseigene Patarenismus verstand, eine den islamischen Mystikerorden ähnliche Organisationsstruktur hatte, den Klerus und den Primat des Papstes ablehnte, Christus als eine geistige Person verstand, fünfmal am Tage ihre Gebete verrichtete und gewisse Formen der Abstinenz pflegte, die der vom Islam geforderten Selektivernährung nahe kamen, sahen sich die bosnischen Bogumilen durch das Auftauchen derOsmanen in die Nähe eines Geistig-Verwandten gerückt. Die Stoßrichtung der osmanischen Expansion war zudem gegen Ungarn gerichtet. Das war der gestrige Unterdrücker, der gegen die patarenischen Bosniaken und ihren Staat regelrechte Kreuzzüge geführt hatte. Es waren also auch politische und nationale Überlegungen mit im Spiel. So bekannte sich ein Großteil der einheimischen Bevölkerung, angeführt vom Adel, zum Islam.

Unsinnig sind also die Schlagworte der serbischen politischen Propaganda, die bosnischen Moslems hätten durch die Annahme des Islam einen Verrat an der Nation, die in ihrem Fall ohnehin nicht serbisch ist, ver-

übt. Als Moslem dem Glauben nach erscheint das Gros des staatstragenden bosnischen Volkes ab Mitte des 15. Jahrhunderts; „Moslem im nationalen Sinne" sind sie ab 1971, was ein durch Umstände hervorgerufenes Selbstverständnis ist.

Die 1991 auf dem Gebiete des ehemaligen Jugoslawien durchgeführte Volkszählung ergab eine Gesamtziffer von 2,299.328 Moslems im nationalen Sinne. Als ihre Sprache bezeichneten 95 Prozent von ihnen das Bosnische, wie tatsächlich das in Bosnien gesprochene Idiom während der Osmanenherrschaft und in der österreichisch-ungarischen Verwaltungszeit geheißen hat.

Beginn des Völkermords

In Prozenten ausgedrückt, machen die Moslems im nationalen Sinne rund 44 Prozent der bosnischen Gesamtbevölkerung aus. Da auch der überwiegende Teil der in Bosnien registrierten „Jugoslawen" dem moslemischen Traditionsumkreis zuzurechnen ist und einige Zehntausende Moslems sich als Kroaten oder Serben in die Einwohnerschaftslisten haben eintragen lassen, geht man nicht fehl in der Annahme, daß die Moslems zu Anfang des Jahres 1992, also vor der beginnenden Vertreibung durch die extremistischen Serben und vor dem ansatzweise an ihnen begangenen Völkermord die absolute Bevölkerungsmehrheit in der jungen Republik gebildet haben. Im Sandschak von Novi Pazar weisen die Angehörigen dieses

Bijeljlna: Vertreibung von Moslems aus Ost-Bosnien (AP)

Volkes ortsweise einensiebzigprozen-tigen Anteil an der Gesamtbevölkerung auf.

Zur Zeit sehen sich die bosnischen Moslems und Katholiken einer unerwarteten Aggression, ja einem Genozid, ausgesetzt. Allen Friedensbemühungen der legitimen Regierung -allen voran des „jugoslawischen Ghandi" Alija Izetbegovi c - ist das Land in ein beispielloses Szenarium der Gewalt, der Plünderung und des Mordens hineinge-zerrt worden. Es handelt sich nicht um einen Bürgerkrieg, wie Schlechtinformierte meinen, sondern um einen gezielten, von langer Hand vorbereiteten Überfall schwerbewaffneter Banden und Armee-Einheiten auf kaum bewaffnete Nachbarn und Mitbürger anderer Nationalität und Tradition.

In der kurzen Periode der wiedergewonnen Freiheit, die dem Zusamme-bruch der kommunistischen Machtstrukturen folgte (1990-1992), kam es in Bosnien zu verschiedenartigen machtvollen Manifestationen einer neubelebten islamischen Religiosität. Übertragungen von religiösen Festen durch das regionale Fernsehen -zwei oder drei Mal verwirklicht -mögen wegen ihres bis dahin unbekannten Rituals und der starken Besetzung durch einheimische Künstler auf Teile der jugoslawischen Öffentlichkeit schockierend gewirkt haben. Die Belgrader Massenmedien witterten ohnehin seit Jahren hinter jeglichem autonomen Tun der Albaner und Moslems eine religiös-exklusivi-stische Gesinnung, ja den Geist des Dschihad, das heißt des „heiligen Krieges".

Die islamische Erweckungsbewe-gung ist tatsächlich an den bosnischen Moslems nicht spurlos vorbeigegangen. Führende Ideologen dieser Bewegung sind dem religiös interessierten moslemischen Bosniaken recht bekannt. Sarajewo ist in den siebziger Jahren zu einem wichtigen Überset-zungs- und Publikationsort der islamischen Literatur geworden.

Die bosnischen Moslems bekennen sich aber zu Europa. In einer am 10. Juni 1991 von allen ihren Volksabge-

ordneten und Regierungsvertretern verabschiedeten Entschließung, „Proklamation" genannt, wird dieses Bekenntnis bekräftigt. In den Artikeln acht und neun dieses Dokuments heißt es:

„Vom Wert der Demokratie und all ihren Einrichtungen überzeugt, erklären wir unsere Bereitschaft, über alle Fragen des Zusammenlebens in einer demokratischen Republik Bosnien und der Herzegowina mit anderen politischen Kräften Dialog zu führen. Die (bosnischen) Moslems sind die Triebkraft und Garantie für den Bestand Bosniens und der Herzegowina als souveräne und unteilbare Republik, die auf den Fundamenten bester Erfahrungen der bürgerlichen Staaten von Europa aufgebaut ist". Drei Jahre vorher präzisierte das damalige Oberhaupt des bosnischen Islam, Ferhad Efendi Seta, den Standort der Religionsgemeinschaft. Anläßlich der Feier des 450-Jahre-Jubiläums der Gazi Husrewbeg Medresse (Theologieseminar) in Sarajewo sagte er: „Die Bekenner des Islam in diesen Gebieten haben das Glück, zur altansässigen europäischen Bevölkerung zu gehören und an den schönsten Errungenschaften der europäischen Kultur und Zivilisation teilzunehmen."

Trotz dieser Bekenntnisse, oder vielleicht gerade deshalb, wird der

bosnische Islam seit etwa einem Jahrzehnt von Belgrader Massenmedien verunglimpft und angefeindet. Führend in der Hetzpropaganda ist ein ehemals kommunistischer, inzwischen zu einem glühenden Nationalisten gewandelter, Belgrader Soziologe namens Miroljub Jevtic, der sich für einen Islamkenner ausgibt.

Endlösung" auf Serbisch

Zusammen mit einer Anzahl von extrem nationalistisch gesinnten serbischen Literaten und Politikern hat er unter seinen Landsleuten eine Art neuen Antisemitismus, nämlich ein quasi hautnahes Feindbild des Islam, heraufbeschworen. Die Folge ist die „Endlösung auf Serbisch", die sich zur Zeit in Bosnien zuträgt. Zur Mobilisierung der Massen werden historische Ressentiments und mythologische Vorstellungen von der ruhmreichen Vergangenheit des eigenen Volkes zu Hilfe geholt. Das „kosmische Unglück", das das Serbenvolk durch die Niederlage in der Schlacht mit den Türken auf dem Amselfeld 1389 getroffen hat, wird in Erinnerung gerufen. Nach Rache wird gedürstet. Als Opfer bieten sich die vermeintlichen Nachfahren der Türken, nämlich die Balkan-Moslems, an. So wird in Südosteuropa heute das Mittelalter von neuem gelebt.

Um ihre Schuldgefühle loszuwerden, behaupten die serbischen Extremisten, die bosnischen Moslems seien Fundamentalisten, die sich erdreist

hätten, mitten in Europa eine „islamische Republik" errichten zu wollen. Der Informationsminister der selbsternannten serbischen Regierung für Bosnien, Velimir Ostovic, kann deshalb nicht verstehen, warum sich der christliche Westen wegen der menschenunwürdigen Behandlung der moslemischen Insassen seiner K2V Lager aufregt. Den von der liberalen und demokratischen Welt so gefürchteten islamischen Fundamentalismus könnte man mit fünf charakteristischen Zügen näher bestimmen: 1. Er versteht den Islam als eine Einheit von Religion und Staat; 2. Er geht davon aus, daß die Religion einen Total itsanspruch auf das Leben derGläu-bigen haben muß; 3. In krisenhaften Situationen schlägt er in politischen und militärischen Aktivismus um; 4. Es behagt ihm nicht die Gedankenfreiheit und 5. Seine Anhänger verstehen sich als Gläubige, die das religiöse Pflichtpensum um einige Grade übersteigen. Deshalb begnügen sie sich mitunter nicht mit der üblichen Qualifizierung als Moslem und wollen als Islamiyyun (zu Deutsch: als „Islamisten" verstanden werden. Von all diesen Anwandlungen im ideolo-gisierten, modernen Islam des Orients ist in Bosnien im allgemeinen nichts zu spüren.

Es ist ein Islam, hinter dem eine 114jährige Erfahrung im Umgang mit dem aufgeklärten Europa steht und deY weltoffen, liberal und tolerant im Sinne der Deklaration der allgemeinen Menschenrechte ist. Geographisch, geschichtlich, ethnisch, kulturell gehört dieser Islam zu Europa.

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