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Eine neue Wissenschaft?

Es unterliegt heute wohl keinem Zweifel mehr: Unsere wissenschaftlichtechnische Zivilisation geht zunehmend auf Distanz zu sich selbst. Diese Formel des Philosophen Hermann Lübbe kennzeichnet prägnant die Veränderung des geistig-gesellschaftlichen Klimas während der letzten Jahre. Und dieser Klimawechsel beschränkt sich keineswegs auf die mannigfaltigen Formen von Bürgerinitiativen und „grünen" Gruppierungen. Bereits ein kurzer Blick auf Themen und Titel von Kongressen, Symposien und Tagungen, die in den letzten beiden Jahren stattgefunden haben, genügt, um zu erkennen, daß dieser Geist distanzierter Skepsis gegenüber den Konsequenzen des Fortschritts auch die akademisch-wissenschaftliche Welt erfaßt hat.

Das „10. Salzburger Humanismusgespräch" des ORF, das am Montag eröffnet wurde, geht hier noch einen Schritt weiter. Zur Diskussion steht die Frage: Brauchen wir eine andere Wissenschaft? Zweifellos wirkt die Formulierung anstößig, widerspricht sie doch einer zumindest bis vor kurzem nahezu unangefochtenen geltenden kulturellen Selbstverständlichkeit, deren Maxime lautet: Förderung der Wissenschaft auf der ganzen Linie und Verbreitung ihrer Ergebnisse um jeden Preis. Die Frage nach den Grenzen der Wissenschaft blieb weitgehend tabu, und wer sie dennoch stellte, galt als konservativ, ja reaktionär.

Es ist leicht ersichtlich, daß wir in diesem Punkt immer noch Erben der Aufklärung sind. Gewiß ist uns der Glaube, daß der Fortschritt der Wissenschaften gleichsam automatisch auch den geistigen, moralischen, kulturellen nach sich ziehen werde, ganz und gar fremd geworden. Doch darüber, daß die Wissenschaft das vorzüglichste • Instrument zur Bewältigung der Realität ist, besteht auch heute noch, ja gerade heute weitestgehende Ubereinstimmung. Ist es dann aber nicht leichtfertig, eine „andere" Wissenschaft zu fordern?

Allein die Tatsache, daß wir die Wissenschaft nicht wegen ihres Erkenntnis-und Wahrheitswertes, sondern vorwiegend im Hinblick auf ihren pragmatischen Nutzen schätzen, ist ein Indiz für die tiefgreifende Veränderung ihres kulturellen Stellenwerts. Hermann Lübbe, auch in Salzburg über dieses Thema am Wort, deutet diesen kulturellen Bedeutungs- und Legitimationswechsel auf dem Hintergrund der modernen Religionsgeschichte und des völlig gewandelten Verhältnisses zwi-, sehen Religion und Wissenschaft. In dem Maße nämlich, als die Wissenschaft aufgehört hat, Konkurrentin der Religion, ja Religionsersatz zu sein, hat sie auch ihre Weltbild- und Orientierungsfunktion eingebüßt, das heißt, ihre kognitiven Errungenschafen werden kulturell zunehmend uninteressant, ja gleichgültig. Das vorrangige Kriterium, an dem heute die Legitimität der Wissenschuft gemessen wird, ist ihre praktische Relevanz.

In dem Maße freilich, in dem die Kosten wissenschaftlicher Forschung bei abnehmendem Nutzen überproportional ansteigen und wir durch die ebenfalls immer kostenintensivere Beseitigung der schädlichen Fortschrittsnebenfolgen zunehmend in Grenznutzenprobleme ökonomischer, ökologischer und sozialer Art kommen, gerät auch des Relevanzprinzip ins Wanken.

Was wir heute erleben, ist das Fragwürdigwerden der bislang unbestrittenen zivilisatorisch-praktischen Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Die Einsicht, daß Wissenschaft nicht nur Probleme löst, sondern in zunehmenden Maße auch Probleme schafft, gewinnt langsam, aber sicher an Boden. Und die naheliegende Frage ist die, ob jene zum Teil höchst gefährlichen Probleme, die von der modernen Wissenschaft selbst produziert werden, durch ein Mehr jener Wissenschaft, wie wir sie gegenwärtig haben, bewältigt werden können, oder ob es hierzu nicht einer humanen Rekonstruktion der heutigen Wissenschaft bedarf.

Damit sind wir aber wieder beim zentralen Punkt dieses Salzburger Humanismusgespräches angelangt, der wachsenden Entfremdung zwischen moderner Wissenschaft und praktischer Lebenswelt, wie sie bereits in den dreißiger Jahren von Edmund Husserl in seinem berühmten Werk „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie" diagnostiziert wurde.

Insbesondere die mathematische Naturwissenschaft reduziert, wie Husserl klar gezeigt hat, den Reichtum vorwissenschaftlicher Erfahrung auf das sogenannte „pragmatische" Wissen, mit dessen Hilfe kausale Abläufe vorausbestimmt und menschlichen Herrschaftsinteressen dienstbar gemacht werden können.

Die Vorteile dieser Art von Wissen liegen klar auf der Hand. Erst heute jedoch beginnt man sich angesichts ökologischer und sozialer Notstände darauf zu besinnen, welcher Preis dafür zu bezahlen war, und es hat durchaus den Anschein, daß der Traum wissenschaftlichtechnischer Naturbeherrschung just auf dem Kulminationspunkt der realen Entwicklung endgültig ausgeträumt ist.

Definiert man den wissenschaftlichtechnischen Fortschritt als einen Prozeß fortschreitender Naturbeherrschung, dann stellt sich heute mehr denn je die Frage, wer denn eigentlich das Subjekt dieser Herrschaft ist. Die Tatsache eines im Grunde subjektlosen Fortschrittsgeschehens erfüllt jedoch exakt die Bedingungen des Begriffs „Entfremdung".

Einzig und allein ein kritisches Bewußtsein der realen Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft wird auf die Dauer gesehen imstande sein, jenen unbestreitbar vorhandenen irrationalistischen Tendenzen zu begegnen, die für unsere Kultur eine ebenso schwere Gefahr darstellen wie der von keines Zweifels Blässe angekränkelte technokratische Wahn.

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