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Eine stille Revolution

„Der Patient - Wege zu einem besseren Verständnis” - mit diesem Problem setzten sich etwa 100 Studenten und .Ärzte aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Schweiz, Ungarn und Polen in Innsbruck vom 29. März bis zum 4. April bei einem Symposium des Internationalen Mediziner-Arbeitskreises (IMA) auseinander. Zti Wort kamen nicht nur Fachleute, sondern auch Patienten und Laien.

Wenn heute in Fachkreisen über das Gesundheitswesen, die Arzt-Patient-Beziehung und damit zusammenhängende Probleme diskutiert wird, dann besteht die Reaktion aus Extremen: „Krank” - dem Titel des bekannten Fernsehfilms entsprechend, dessen Aussagen jetzt im Rahmen der AKH-Diskussion in jene Richtung zurückschlagen, von der aus die Autoren argu-. mentiert hatten. Oder als anderes Extrem, der Hinweis auf die ungeheuren Erfolge der Medizin. Es ist „eh alles bestens”, ja heutzutage sei es möglich, Menschen, die zu früheren Zeiten schon längst gestorben wären, durch entsprechende Intensivbehandlung noch lange am Leben zu erhalten. Oder der Ruf nach totaler Abschaffung der Medizin, da ja alle Ärzte geldgierige Halunken seien.

Wenn heute von Patienten über das Gesundheitswesen diskutiert wird, dann hängt das Resultat ganz von dem Zufall ab, zu welchem Arzt der Leidensweg geführt hat und welche Begegnungen in welchem Spital stattgefunden haben. Allerdings nimmt die Sorge immer mehr zu, daß die Wahrscheinlichkeit, durch diese Begegnung einen menschlichen Gewinn zu erhalten, durch die Entwicklungen der heutigen Zeit immer geringer wird.

Medizin wird unexakte Wissenschaft bleiben

Schon vor fünf Jahren hat Philipp Abelson in der Zeitschrift „Science” festgestellt: „Das Wesen der medizinischen Praxis ist die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Trotz aller moderner Methoden und Geräte, die wir erfunden haben und die noch entwickelt werden, wird Medizin eine unexakte Wissenschaft bleiben. Hochmotivierte, intuitive Menschen sind die besten Ärzte. Es gibt keinen Ersatz für ärztliches Bewußtsein. Wenn ärztliches Verantwortungsgefühl und ärztliche Motivation verloren gehen, bleibt kaum etwas übrig. Die gegenwärtige Entwicklung gefährdet diese Schlüsselfaktoren.”

Die hier angesprochene Entwicklung ist durch folgende Faktoren gekennzeichnet:

Das medizinische Ausbildungs- und Fortbildungssystem beruht, wie Hans Schaefer als kompetenter Fachmann in seinem neuesten Buch „Plädoyer für eine neue Medizin” (Piper Verlag, 1979) bestätigt, trotz aller Studienrer formen auf veralteten Vorstellungen, die Medizin als /eine Naturwissenschaft und den Menschen als reine Stoffwechselmaschine auffassen.

Es ist unserem Jahrhundert vorbehalten, daß Ärzte die gesetzliche Genehmigung erhalten, menschliches Leben zu vernichten - die Zahl der Abtreibungen in Österreich ist der Zahl der Geburten mindestens gleich.

Die offizielle Vorstellung von Ge-, sundheit nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO entspricht einem paradiesischen Zustand, der nur die Jugend - symbolisierbar durch ein griechisches Götterbild oder durch ein Plakat für Zigarettenreklame - als den erhaltenswerten Zustand auffassen läßt, und dem Leiden, das heute mehr als je zuvor unausrottbar auf dieser Welt präsent ist, jeden Sinn abspricht.

Der „technologische Imperativ” -was wir gebaut haben, das müssen wir auch benützen - steht hinter all dem. Es sieht so aus, als wäre Fortschritt nicht zu verhindern, auch dann nicht, wenn er imstande ist, Katastrophen herbeizuführen. Der technologische Imperativ entspricht der Verheißung der Schlange

Verbesserungen nur im kleinen möglich im Paradies: Eritis sicut deus scientes bonum et malum.

Der konkrete Ausbildungsweg des Mediziners führt in Österreich durch gigantische Studentenzahlen (in meine Vorlesung sind 1600 Studenten inskribiert), in der BRD durch zentralisierte schriftliche Prüfungen zu einem Zustand, der die Gefahr bringt, ein menschliches Verhältnis zwischen Lehrern und Studenlfen unmöglich zu machen und aus Studenten aggressive, egozentrische Streber zu erzeugen.

Als Reaktion auf diese Probleme ist es sicherlich leichter, große Worte, umfangreiche Statistiken und eventuell destruktive Forderungen von sich zu geben. Der Verlauf der IMA-Tagung hat gezeigt, daß junge christliche Menschen zu verstehen beginnen, daß man damit nicht weiterkommt. Bei den Diskussionen dieser Tagung in Innsbruck haben sich zwei wichtige Erkenntnise herausgestellt.

Erstens bewirken die einseitige Uberwertung der Naturwissenschaft und das Vakuum an menschlichen Werten im heutigen Erziehungswesen eine wachsende Sehnsucht nach Vorbild und nach Erweiterung des Horizontes. Es findet hier eine stille Revolution statt, die uns allen wieder Hoffnung geben sollte.

Zweitens muß allen jenen widersprochen werden, die behaupten, daß man ja „eh nichts machen könne”, da wir an den großen Problemen nichts ändern können und den großen Gaunern (wer sind die denn überhaupt?) nichts anhaben können. In Wahrheit sind alle wesentlichen Verbesserungen im Kleinen zu finden. In der Geste, im Wort, in der Einstellung, in „Mikroverhaltenswei-sen”.

Nicht Gesetze können die Menschen ändern. Wesentlicher als alle administrativen und gesetzlichen Neuerungen ist das Verhalten der Menschen im täglichen Kontakt mit Mitmenschen.

Es kommt darauf an, ob wir als Arzt oder als Nachbar im leidenden Mitmenschen eine gestörte Stoffwechselmaschine oder aber einen Bruder sehen.

Der Verfasser ist Inhaber der Lehrkanzel für Physiologie der Medizinischen Fakultät an der

Universität Graz.

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