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EINE TRENDWENDE IST FALLIG

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Westeuropa steht seit dem Zweiten Weltkrieg im Banne des Wirtschaftswachstums: In den letzten 40 Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen vervielfacht. Nicht alle haben von dieser Entwicklung in gleicher Weise profitiert. Eine Gruppe geriet immer mehr an den Rand der Entwicklung: die Bauern. Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari

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Westeuropa steht seit dem Zweiten Weltkrieg im Banne des Wirtschaftswachstums: In den letzten 40 Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen vervielfacht. Nicht alle haben von dieser Entwicklung in gleicher Weise profitiert. Eine Gruppe geriet immer mehr an den Rand der Entwicklung: die Bauern. Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari

Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte war begleitet von einer Unzahl von Umstruktierungen, die als selbstverständlicher Bestandteil des Wachstumsprozesses angesehen wurden. Eine davon ist der enorme Rückgang des Anteils der landwirtschaftlichen Beschäftigung.

Wie selbstverständlich dies als Fortschritt angesehen wird, läßt sich daraus ersehen, daß bei internationalen Vergleichen der Agraranteil als Gradmesser für den Entwicklungsstand eines Landes angesehen wird: Je weniger Bauern ein Land hat, umso weiter entwickelt sei es. In den westeuropäischen Ländern liegt dieser Anteil heute knapp über oder sogar unter fünf Prozent (Seite 11).

Wie es dazu kam? Kunstdüngung, Einsatz immer größerer und leistungsfähigerer Maschinen, Entwicklung ertragreicherer Sorten, Massentierhaltung, Unkrautbekämpfung, verbesserte Lagerhaltung...: Das sind die Meilensteine am Wege der Modernisierung der Landwirtschaft. Der enorme technische Fortschritt hat die Landwirtschaft revolutioniert.

Die Produktivitätsfortschritte waren bis zuletzt gigantisch (siehe Graphik). Selbst in den achtziger Jahren stieg die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft mit 55 Prozent rascher als jene in der Industrie.

So wurde es möglich, daß Länder, die von den natürlichen Ressourcen her nur wenig begünstigt sind und die daher traditionell auf landwirtschaftliche Importe angewiesen waren, wie etwa Österreich und die Schweiz, sich heute nicht nur selbst versorgen können, sondern sogar Agrarüberschüsse erzeugen.

Aber wohin mit diesen? Mit massiven Stützungen durch die öffentliche Hand wird der Versuch unternommen, die Produkte zu exportieren. Wegen des Überangebots haben die Agrarpreise auf den internationalen Märkten daher in der letzten Dekade stagniert, sind bei manchen Produkten (Kakao, Kaffee, Tee, Baumwolle, Jute, also durchwegs bei Exportprodukten der Entwicklungsländer) sogar gefallen.

In Österreich stellt sich die Situation heute etwa so dar: Bei Zucker, Käse, Getreide, Schlachtfett, Fleisch, Butter, Trinkmilch und Erdäpfeln liegt der Versorgungsgrad bei 100 Prozent oder darüber. Nur bei Gemüse, Frischobst und pflanzlichen Ölen deckt die heimische Landwirtschaft nicht die Nachfrage. Und so ist es für den Normalverbraucher zur Selbstverständlichkeit geworden, sich zu günstigen Bedingungen reichlich mit Lebensmittel eindecken zu können. *

Was im Grunde genommen als großer Erfolg der Bauern dastehen sollte, ist tatsächlich aber Anlaß zur Sorge. Denn das Überangebot führt zu dem schon erwähnten massiven Druck auf die Preise, die - trotz Stützung - seit langem auch im Inland stagnieren. In den Industrieländern werden heute nur mehr zwölf bis 15 Prozent des Einkommens für die Ernährung ausgegeben. Und das obwohl ein immer höherer Grad der Verarbeitung der Lebensmittel gegeben ist. Man denke nur etwa an die Tiefkühlkost. Mitte der fünfziger Jahre lagen die Ernährungsausgaben noch bei etwa einem Drittel des Einkommens, wovon die Bauern einen relativ größeren Teil bekamen.

Die niedrigen Preise führen zu einer -ökologisch ungesunden (FURCHE 42/ 1991) - Intensivierung der Produktion vor allem der größeren Betriebe und zu einem Ausscheiden der kleinen.

Heute geraten allerdings auch schon die mittleren bäuerlichen Familienbetriebe in Bedrängnis. Waren 1951 noch fast eine Million Österreicher in der Land- und Forstwirtschaft tätig, so sind es heute nur mehr rund 220.000. Österreich folgt damit dem internationalen Trend der Entvölkerung des ländlichen Raumes: Im Zeitraum 1965 bis 1985 betrug in Deutschland, Dänemark, Belgien und Luxemburg der Rückgang der Agrärbevölkerung jährlich rund vier, in Frankreich etwa drei Prozent pro Jahr. • In den Dörfern macht sich eine gewisse Hoffnungslosigkeit breit (Seite 10). Zwar sind in Österreich immer noch etwas mehr als 20 Prozent aller Gemeinden (1982 waren es 24,5 Prozent) überwiegend agrarisch. Aber das lokale Arbeitsplatzangebot nimmt dort ab. „Im Mittel der Gemeinden mit höherem Agraranteil waren in Ermangelung eines entsprechenden lokalen Arbeitsplatzangebotes 1981 etwa die Hälfte der Erwerbstätigen Berufspendler", wird im „Grünen Bericht über die Landwirtschaft im Jahr 1990" festgehalten und die Vermutung geäußert, diese Entwicklung habe sich in den achtziger Jahren fortgesetzt.

Auf lange Sicht begünstigt das die Abwanderung. Auch dazu der „Grüne Bericht": „Gemäß den Mikrozen-sus-Ergebnissen gab es von 1982 bis 1988 in den Gemeinden mit niedrigen Agrarquoten (unter zehn Prozent) mit etwa 18 Prozent Wanderungsgewinne, während in Gemeinden mit höhren Agraranteilen Wanderungsverluste festgestellt wurden (... in den Gemeinden mit 20 bis 30 Prozent Agraranteil: -29 Prozent; in den Gemeinden mit mehr als 30 Prozent: -26.4 Prozent)."

Mit welchen wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Bauern zu kämpfen haben, zeigen recht drastisch die Daten für Tirol: Von den 22.000 Betrieben des Landes werden die meisten als kleinbäuerliche Familienbetriebe geführt. Etwa die Hälfte von ihnen sind kleiner als zehn Hektar und weisen einen Bestand von durchschnittlich 15 Rindern auf.

Haupterwerbsbetrieben gelang es im Jahr 1988, nur rund 79.000 Schilling je Familienarbeitskraft an landwirtschaftlichem Einkommen zu erwirtschaften. Das sind pro Monat brutto 6.600 Schilling und das bei einer wirklich schweren Arbeit! Bezieht man dieses Einkommen auf die aufgewendete Arbeitszeit, so wird erkennbar, daß ein Tiroler Bauer im Durchschnitt nur etwa 40 Prozent von dem einnimmt, was Arbeitnehmer in Österreich verdienen.

Derzeit sieht es so aus, als hätten nur intensiv wirtschaftende Großbetriebe in der Landwirtschaft eine Überlebenschance - insbesondere dann, wenn es zu der von den Agrarexportländern massiv geforderten Liberalisierung des internationalen Agrarhandels im Zuge der Gatt-Verhandlungen kommen sollte (Seite 11). Das würde bedeuten: Bauemsterben bis zum bitteren Ende. Für viele ist das selbstverständlicher Teil der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wer sich allerdings die Mühe macht, die Problematik nicht nur aus rein wirtschaftlicher Sicht, sondern umfassender zu betrachten, erkennt, daß mit der Wegrationalisierung der Bauernschaft unsere Überiebenschancen schwinden. Eine industriell betriebene Landwirtschaft kann die Vielfalt der örtlichen, natürlichen Gegebenheiten nicht berücksichtigen. Ihre Produktionsverfahren behandeln Lebewesen - auch Menschen - wie unbelebtes Material, das effizient zu nutzen ist und zerstören sie damit.

Nur eine „gärtnerisch" betriebene Landwirtschaft ist auf Dauer umweltverträglich (Seite 11). Sie aber setzt das Überleben des bäuerlichen Familienbetriebes voraus. Nur in ihm wird auch der typisch bäuerliche Menschentyp erhalten bleiben. Dessen Per-sönlichkeitsmerkmale sind für das Überleben jederGesellschaft notwendig, heute aber zunehmend bedroht. Der Agrarwissenschaftler Werner Pevetz kennzeichnet sie folgendermaßen: Schicksalsfestigkeit (sprich Durchhaltevermögen), Familiensinn, Sparsamkeit und Sinn für Dauerhaftigkeit.

Mit dem Bauernsterben ist eine Säule, auf der Europas Kultur seit Jahrhunderten ruht, ins Wanken geraten. Das festzustellen, ist nicht nostalgische Bauernromantik. Es läßt sich auch anhand von Zahlen belegen (Seite 12).

An der Agrarpolitik wird sich die Zukunft der Industriegesellschaft entscheiden. Die Frage lautet nämlich: Findet unsere Gesellschaft zu einem angemessenen Umgang mit dem Leben oder ordnet sie dieses den Kritierien wirtschaftlicher Effizienz unter?

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