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Einheit im Wort

1945 1960 1980 2000 2020

Die im Frühjahr erfolgte Übergabe der Endfassung der Einheitsübersetzung des Alten Testaments an die Öffentlichkeit wird ein Markstein in der Geschichte der Bibel im deutschen Sprachraum bleiben, stellt sie doch nicht blojt den A bschlujs fast zwanzigjähriger intensiver A rbeit dar, sondern auch die erste offizielle einheitliche Übersetzung der Heiligen Schrift für die Katholiken des deutschen Sprachraumes überhaupt.

1945 1960 1980 2000 2020

Die im Frühjahr erfolgte Übergabe der Endfassung der Einheitsübersetzung des Alten Testaments an die Öffentlichkeit wird ein Markstein in der Geschichte der Bibel im deutschen Sprachraum bleiben, stellt sie doch nicht blojt den A bschlujs fast zwanzigjähriger intensiver A rbeit dar, sondern auch die erste offizielle einheitliche Übersetzung der Heiligen Schrift für die Katholiken des deutschen Sprachraumes überhaupt.

Es wäre verfrüht und vermessen, beim raschen Wandel des Wortes in unseren Tagen die Ubersetzung jetzt schon an der Wirkungsgeschichte berühmter Bibeltexte des Abendlandes zu messen, wie etwa der Alkuinbibel oder . der Pariserbibel für den lateinischen Text oder der Luther- und der Zürcher-bibel für die deutsche Textgestalt. Dennoch verdienen Stationen der Geschichte, Eigenart und Bedeutung der Einheitsübersetzung (EU) des Alten Testaments (AT) jetzt schon über den Binnenraum der Kirche hinaus Beachtung.

Erste Impulse Tür den Plan einer EU in einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirates des Katholischen Bibelwerkes Stuttgart vom Jahr 1960 waren Ausdruck der Hoffnungen auf das angekündigte Konzil, eine künftige Liturgie werde auch eines entsprechenden Bibeltextes in der Muttersprache bedürfen.

Das rasche Aufgreifen des Projektes durch die Deutsche Bischofskonferenz führte schon 1962 zur Bildung eines Arbeitsausschusses aus Vertretern der Bischöfe, der Bibelwissenschaft, der Pastoral und der deutschen Sprachpflege. Österreich war in der alttestamentli-chen Ubersetzungskommission durch die Exegeten Kornfeld (Wien) und Molin (Graz) sowie durch Rudolf Henz als germanistischen Berater vertreten.

,,Ökumenisch

hoch bedeutsam war die

Einigung auf eine einheitliche

Schreibung der biblischen

Eigennamen."

Der Auftrag der Bischöfe lautete, die Bibel so aus dem Urtext in das gehobene Gegenwartsdeutsch zu übertragen, daß sie für das gläubige Volk gut lesbar, für die Katechese brauchbar, für die Liturgie angemessen und, soweit nötig, auch singbar ist.

Als erste Frucht von Arbeitsgruppen der Ubersetzungskommission erschien nach mehrfacher Prüfung durch die verschiedenen Fachleute 1970 der Text der Bücher Genesis, Ijob, Klagelieder und Hoheslied. 1974 lag der Probedruck der Ubersetzung des gesamten Alten Testamentes mit der Einladung zu Änderungsvorschlägen und Kritik vor. Die Psalmenübertragung war dabei bereits endgültig und vom AT auch der einzige ökumenische, dh. von der Evangelischen Kirche Deutschlands mitverantwortete und für ihren Gebrauch gebilligte Text, während sich im Neuen Testament nach mühsamen Anfängen die Zusammenarbeit schließlich auf alle Bücher erstreckte.

Als Kleinigkeit vielleicht belächelt, doch ökumenisch hoch bedeutsam war die Einigung auf eine einheitliche Schreibung und Abkürzung der biblischen Eigennamen in den „Loccumer Richtlinien" (1971), die beiden Kirchen einen Verzicht auf konfessionelle und zugleich tief im Bereich des Gefühls verwurzelte Traditionen abverlangte, den Katholiken etwa den „Isaias" der Vulgata, den Protestanten den „Hese-kiel" der Lutherbibel usw.

1976 wurde eine Revisionskommission mit der Bearbeitung der ca. 7000 von verschiedenen Seiten zum Probedruck eingegangenen Voten und mit der Erstellung der Endfassung des AT beauftragt. Der 1978 von den Bischöfen

des deutschen Sprachraumes angenommene Text wurde schließlich noch mit Einführungen und Anmerkungen versehen.

Martin Luthers Wort vom oft tagelangen und wochenlangen Ringen um ein einziges Wort, um einige Zeilen in seinem Sendbrief vom Dolmetschen gilt auch von der Endgestalt der EU, bei der in manchen Büchern gegenüber dem Probedruck kaum ein Stein auf dem andern geblieben ist, so bei Josua, 1.2 Samuel,'Jesaja und Ezechiel.

Eigenart und Wert der neuen Uber-tragung erschließen sich nur dem Lesen und Verweilen. Nachdrücklich eingeladen sei (nicht nur!) zu Entdeckungen in den poetischen Texten des AT, angefangen von Jakobssegen Gen 49, von Lied und Segen des Mose Dtn 32 u. 33, dem Deboralied Ri 5 bis zu den großen Dichtungen wie Ijob, Hoheslied, Teile der Prophetenschriften, der originellen und glänzenden Übertragung der Reflexionen Kohelets sowie mancher Psalmen.

Eine stärkere Rückkehr zur Tradition, z. B. zur „Jungfrau" von Jes 7,14, zum „Tauet, ihr Himmel" Jes 45, 8, zu „Am Anfang schuf Gott" Gen 1,1, in der Endfassung werden viele begrüßen. Daß Übersetzen der Versuch des Unmöglichen, Utopischen ist (Ortega y Gasset), daß jede Ubersetzung klarer und flacher ist als das Original (Gada-mer), ahnten bereits der alttestamentarische Übersetzer des Buches Jesus Sirach sowie Hieronymus und Luther in der Rechtfertigung ihrer Arbeiten.

Auch der EU des AT dürfen ihre Grenzen nicht über Gebühr zur Last gelegt werden. So ist schon das Ziel der „gehobenenUmgangssprache"reingeo-graphisch nicht eindeutig festzulegen. Durch die Vielzahl der Mitarbeiter und der Interessen liegt auch trotz der abschließenden Bearbeitung kein Werk aus einem Guß vor wie etwa in den schöpferischen Ubersetzungen von Luther oder Buber-Rosenzweig. Vielleicht spiegelt aber gerade diese Vielfalt auch die vielen Stadien des Werdens und das vielgestaltige Profil der alttestamentarischen Bibel selber.

Bedauern wird man, daß eine Abstimmung des schon 1974 fixierten Psalmentextes mit dem revidierten Endtext des AT nicht mehr möglich war. Weithin vergeblich, von erfreulichen Ausnahmen abgesehen (z. B. Mo-

sebücher, 1.2. Kön, 1.2. Chron, Koh, Weish, Sir, Spr . ..), wird der Bibelleser Anmerkungen als Hilfen auch zum theologischen Verständnis des Textes suchen, etwa bei den Psalmen.

Des Lutherwortes „Wer am Wege bauet, der hat viele Meister" eingedenk, möchte ich nach längerer Lektüre in der EU des AT dem verdienten hauptverantwortlichen Exegeten Josef Scharbert beipflichten, daß dieses Alte Testament exegetisch und theologisch verantwortet werden und daß es sich mit allen bisherigen deutschen Bibeln messen kann.

Der ökumenische Charakter der Psalmen und des NT berechtigen überdies zu der großen Hoffnung, daß das begonnene geduldige Mühen der Kirchen um die Einheit im Wort auch für die Zukunft der Ökumene Frucht bringt.

Der Autor ist ordentlicher Professor für Alttesta-mentliches Bibelstudium an der Universität Graz.

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