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Einheit in der Vielfalt

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„Es haben, zwei BjęčhojEššynodėn stattgefunden: Die eine in der Synoden«-Aula zu. Rom, die andere in den Massenmedien“, meinte ein Bisdhdf kürz vor dem Ende der Synode. Als einer, der dabeigewesen ist,- will ich darzulegen versuchen, was ich für das Charakteristische dieser Bischofssynode halte. Das Eigentliche, das viele Bischöfe, auch mich, überrascht hat, war nicht die in den westlichen Ländern horchgespielte Spannung zwischen „Progressiven“ und- „Konservativen“, auch nicht die Auseinandersetzung mit den uns bedrängenden Fragen des Säkularismus, der religiösen GleiChgültigjkeit, und des Atheismus. Charakteristisch für diese Bischofssynode ;War vielmehr die erstaunliche Eigenständigkeit und das gesunde Selbstbewußtsein der Bischöfe aus der Dritten Welt, eine Erscheinung, die deutlich zeigt, daß sich auch in der Kirche eine allmähliche Verlagerung der Gewichte von Europa und Nordamerika nach dem Süden, nach Afrika, Asien und Lateinamerika, vollzieht.

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„Es haben, zwei BjęčhojEššynodėn stattgefunden: Die eine in der Synoden«-Aula zu. Rom, die andere in den Massenmedien“, meinte ein Bisdhdf kürz vor dem Ende der Synode. Als einer, der dabeigewesen ist,- will ich darzulegen versuchen, was ich für das Charakteristische dieser Bischofssynode halte. Das Eigentliche, das viele Bischöfe, auch mich, überrascht hat, war nicht die in den westlichen Ländern horchgespielte Spannung zwischen „Progressiven“ und- „Konservativen“, auch nicht die Auseinandersetzung mit den uns bedrängenden Fragen des Säkularismus, der religiösen GleiChgültigjkeit, und des Atheismus. Charakteristisch für diese Bischofssynode ;War vielmehr die erstaunliche Eigenständigkeit und das gesunde Selbstbewußtsein der Bischöfe aus der Dritten Welt, eine Erscheinung, die deutlich zeigt, daß sich auch in der Kirche eine allmähliche Verlagerung der Gewichte von Europa und Nordamerika nach dem Süden, nach Afrika, Asien und Lateinamerika, vollzieht.

Man hat diese Entwicklung, die sich während des Zweiten Vatikanischen Konzils anbahnte, sich auf den Bischofssynoden der Jahre 1969 und 1971 profilierte und sich seit 1971 in ungeahnter Weise beschleunigt hat, eine „Lektion der Demut“ für die Christen in der westlichen Welt genannt. Es hat mich nachdenklich gemacht, als mir ein Bischof der Dritten Welt sagte: „Ihr seid in der alten christlichen Welt nicht nur durch Materialismus und Überfluß krank geworden, und ihr seid nicht nur durch den Säkularismus verunsichert, sondern ihr leidet auch im religiösen Bereich an euren eigenen Zweifeln und an einer selbstzerstörerischen Kritik.“

Demgegenüber gewann ich den Eindruck, daß die meistens noch jungen Bischöfe der Dritten Welt voller Vitalität sind und mit großem Eifer nach dem Selbstverständnis ihrer Lokalkirchen suchen. Dieses neue Selbstbewußtsein hat dazu beigetragen, daß sich die Synode weltweit öffnete und sich sehr schwierigen Fragen stellte. Welche kulturellen, gesellschaftlichen, religiösen und politischen Verhältnisse findet die Kirche bei der Evangelisierung in den verschiedenen Teilen der Welt vor? Wie soll sie sich zu diesen vorgegebenen Zuständen verhalten? Wird sie bei ihnen anknüpfen? Wird sie gegen bestimmte Verhältnisse Einspruch erheben müssen?

Kein Scheitern der Synode

Der Austausch der Meinungen geschah auf der Synode in großer Freiheit und Brüderlichkeit, aber auch in außergewöhnlicher Breite. Kein Wunder, daß es am Ende der Synode nicht glückte, den Reichtum der vorgetragenen Gedanken in ein Dokument zu fassen. Es wurde zwar der Versuch gemacht, aber die Bischöfe fanden sich im vorgelegten Text nicht wieder und lehnten ihn deshalb ab. Dennoch wäre es falsch, von einem Scheitern der Bischofssynode zu sprechen. Die Synode ließ sich nicht unter Leistungsdruck setzen. Sie endete nicht mit einer Resignation. Es wurde eine Botschaft an alle Priester und Gläubigen verabschiedet, die in reicher Fülle und großer Dichte das enthält, was die Synode bewegte. Auch wurden alle während der Synode erarbeiteten Texte mit einer Zusammenstellung der wichtigsten Themen dem Papst überreicht.

Beim Austausch der Meinungen setzten die afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Bischöfe jeweils verschiedene Akzente.

Die afrikanischen Bischöfe forderten dringend, daß die menschlichen und kulturellen Werte ihrer Völker — der Gemeinschaftssinn, die Sprache, die Dichtung, die Kunst, die Bilder und Symbole — nicht’ nur anerkannt, sondern bei der Darstellung und Deutung des Inhalts der Frohbotschaft, das heißt in Liturgie und Theologie, verwendet würden. Nur auf diese Weise werde sich der christliche Glaube im Volk und in seiner Kultur einwurzeln. In der Tat ist auch , in den vergangenen zweitausend Jahren die Einwurzelung des christlichen Glaubens in einem Volk immer nur auf diese Weise geschehen. Evangelisierung bedeutet nicht die Übernahme abendländischer Zivilisation und Kultur. Die Kirche

Christi ist keineswegs gleichsam Eigentum der europäischen Völker oder der weißen Rasse. Sie soli — durch die jeweiligen Ortskirchen — in allen Völkern und Kulturen Wurzeln schlagen.

Die Bischöfe Asiens bezeichneten als das ihnen vorgegebene Milieu die großen nichtchristlichen Religionen. Die Evangelisierung müsse bei den Werten und der Lebensweisheit der fernöstlichen Religionen anknüpfen. Die Bischöfe konnten sich dabei auf das Zweite Vatikanum berufen, das ausdrücklich bemerkt, daß sich in den nichtchristlichen Religionen Einsichten finden, die „nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß Gott durch die Menschwerdung Jesu Christi „auf eine neue und endgültige Weise in die Geschichte der Menschen“ eingetreten ist, um allen Menschen Heil, Erlösung, Leben und Liebe zu schenken und ihnen die ewige Zukunft zu verheißen. Was in den nichtchristlichen Religionen „wahr und heilig“ ist, wird durch die Evangelisierung nicht aufgehoben, sondern geläutert und gleichsam über sich selbst hinausgeführt.

In Lateinamerika wird das Milieu, auf das die Evangelisierung stößt, vor allem durch die gespannten sozialen Verhältnisse charakterisiert. Kein Wunder, daß die lateinamerikanischen Bischöfe mit der Evangelisierung die Befreiung des Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung verbanden. Sie übersehen dabei nicht, daß die soziale Befreiung weder dasselbe ist wie die Erlösung von der Sünde noch als Vorbedingung des Heils verstanden werden darf. Sonst wäre Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager verhungerte, unerlöst gewesen, der Lagerkommandant jedoch, der frei war und genug zu essen hatte, ein Erlöster. Im Sterben des Märtyrers, der sich selbst genommen wird und sich nicht wehrt, wird offenbar, was es letztlich heißt, befreit und erlöst zu sein.

Selbst wenn die ganze Menschheit zu einer Wohlstandsgesellschaft geworden und der Hunger überall überwunden wäre, bliebe die Heilsbotschaft Christi ebenso aktuell und bestürzend wie heute. Auch die größten sozialen Reformen vermögen die Sehnsucht des Menschen nach dauerndem Leben, nach bleibendem Glück und nie endender Liebe nicht zu stillen. Es gibt keinen innerweltlichen Ausbruch aus der Endlichkeit und Begrenzung des Menschen in ein diesseitiges Land der endgültigen und ewigen Freiheit. Aber gerade die Hoffnung auf das Ewige ist für den Christen der stärkste Antrieb, mit allen Kräften für Liebe und Gerechtigkeit unter den Menschen und Völkern einzutreten. Der Mensch ist Ebenbild Gottes und durch Christi Blut erlöst. Er darf nicht zum Gegenstand oder Mittel staatlicher, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Prozesse erniedrigt werden.

In der vom Papst und den Synodalbischöfen am 23. Oktober 1974 veröffentlichten „Botschaft über die Menschenrechte“ werden jene Sozialsysteme und Sozialstrukturen, welche die Verletzung der Menschenrechte begünstigen, öffentlich angeprangert.

Verantwortung der Ortskirchen

Es hängt mit dem neuen Selbstbewußtsein der Bischöfe der Dritten Welt zusammen, daß auf der diesjährigen Bischofssynode die Ortskirchen in einer bisher nicht gewohnten Weise in Erscheinung getreten sind.

Das darf allerdings nicht zu der Meinung verleiten, die Bischofssynode habe unter dem Zeichen zentrifugaler Kräfte gestanden. Im Gegenteil — sie hat ein eindringliches Bekenntnis zur Einheit in der Vielfalt abgelegt. Es wäre ja auch bedenklich, wenn die Kirche in einer Zeit, da Weltwirtschaft und Weltverkehr, Presse und Rundfunk, Kriegsdrohung und Friedenssehnsucht die ganze Menschheit wie nie zuvor zusammenschließen, ihre Einheit zerfallen ließe. Wenn Sport und Technik überall auf Erden verständlich sind, soll sich da die Frohbotschaft Christi in viele Botschaften auflösen? Mit großem Nachdruck wiesen die Bischöfe darauf hin, daß die neue Bedeutung der Ortskirchen das feste und treue Stehen zur Universalkirche zwingend voraussetzt. Gerade heute scheine die Stellung des Papstes in einem neuen Licht. Im Bericht einer Sprachgruppe heißt es zum Beispiel: Je mehr Eigenverantwortung die Ortskirchen übernahmen, desto notwendiger sei es, „in allen wesentlichen Dingen die Bande mit den anderen Kirchen, mit dem Papst und dem Heiligen Stuhl fester zu knüpfen“.

Die Bischöfe haben auf der Synode mit großem Nachdruck betont, daß die Frohe Botschaft ihre eigentliche Kraft weder aus der Kultur der einzelnen Völker noch aus den jeweiligen Zeitumständen schöpft, sondern daß sie diese Kraft in sich selber trägt: durch den im Wort Gottes wirkenden Heiligen ■ Geist: Die Sendung Jesu vom Vater enthält keimhaft alles in sich, was die Boten Jesu, „vom Geiste Gottes getrieben“, der nicht der „Geist der Knechtschaft“, sondern der „Geist der Kindschaft“ ist (Röm. 8, 14—16), für die Ausbreitung des Evangeliums gewirkt haben und wirken. Im Wort der Frohen Botschaft teilt Gott selber sich mit. Wortverkündigung ist Heilsgeschehen, Proklamation der Heilstaten Gottes, Ziel der Verkündigung ist nicht die intellektuelle Bereicherung, sondern Umkehr und Glaube, der Glaube aber als Antwort des Menschen an den sich offenbarenden Gott ist Hingabe des ganzen Menschen an den Herrn, Lebensentscheidung auf Christus hin, neues Sein in Jesus Christus (Gal. 6, 15).

Der Heilige Geist wirkt nicht nur bei der Glaubensverkündigung im engeren Sinne, sondern überall, wo Evangelisierung geschieht: in jedem der sieben Sakramente, besonders in der Eucharistie, und im Zeugnis des christlichen Lebens, das eine evan- gelisierende Kraft ausstrahlt. Es ist als kennzeichnend für die diesjährige Bischofssynode hervorgehoben worden, daß zahlreiche Bischöfe „die Rolle der Frau“ bei der Evangelisierung besonders herausgestellt haben.

Im Licht des Heiligen Geistes vermögen die im Dienst der Evangelisierung stehenden Christen die Geister zu unterscheiden, eine Gabe, die mehrere Bischöfe gerade heute als unbedingt nötig bezeichnet haben. Der Heilige Geist fordert Scheidung und Entscheidung, nicht zuletzt auch in den Fragen des Glaubens; der Glaube, so legten die Bischöfe immer wieder dar, kann nur in und mit der glaubenden und lehrenden Kirche verkündigt werden. Wer die „kirchliche Dimension“ der Evangelisierung vernachlässige, gehe in die Irre. Würden die Verkünder ihre Predigt auf den jeweils neuesten theologischen Meinungen aufbauen, so wäre der Glaube der Gemeinden dem Kommen und Gehen akademischer Theorien, das heißt der Verwirrung ausgeliefert. Wer das Wort Gottes auslegt, darf nicht übersehen, daß die zu interpretierende göttliche Offenbarung nicht von uns geschaffen wird, sondern ein für allemal vorliegt. Sie gleicht nicht einem Warenhaus, in dem jeder nach Belieben • auswählen kann, was ihm gefällt.

Besonders die Kirchen in den sogenannten Entwicklungsländern sind hellhörig geworden, und zwar zu Recht. Sie wehren sich gegen einen theologischen Neokolonialismus, der gewisse in Mitteleuropa entstandene idealistische, sozialistische oder exi- stenzialistische Ideologien dem Glauben der katholischen Kirche aufzwingen möchte. Bischof Caesar Gatimu von Nyeri in Kenia beschwor am 2. Oktober 1974 die Bischöfe der westlichen Welt, der Kirche Afrikas „die rechtgläubige, im Evangelium und im Lehramt der Kirche gründende Glaubensbotschaft" zu verkünden und die afrikanischen Katholiken vor dem „chaotischen Durcheinander“ zu bewahren, das „sogenannte moderne Professoren“ mancherorts angerichtet haben. Auch bat er die Bischöfe der westlichen Welt, sich dafür einzusetzen, daß Afrika nicht von „pornographischen Illustrierten und Filmen“ und vom schlechten Beispiel mancher Touristen verdorben werde.

An dieser Stelle wurde auf der Bischofssynode nicht nur auf Lateinamerika, sondern auch auf jene Staaten hingewiesen, die sich zum „militanten Atheismus“ bekennen und sehr drastisch in die Evangelisierung eingreifen. Eine der zwölf Sprachgruppen protestierte in ihrem Bericht gegen die in diesen Staaten übliche „geistliche, ideologische und religiöse Unterdrückung“, worüber man in der westlichen Welt „leider oft aus Furcht vor der öffentlichen Meinung schweige“. Es sei „nicht Aufgabe des Staates“, erklärte ein Bischof, aus einem jener Länder, „die Bürger für eine Religion ohne Glauben zu erziehen“ und „öffentliche Gelder“, die von allen Bürgern stammen, auch von den Gläubigen, „für atheistische Propaganda zu verwenden“. „Privilegiert“ seien in diesen Staaten die „Nichtgläubigen“. Die Christen müßten „in Furcht und Verborgenheit“ leben, denn die herrschende Weltanschauung sei der „dialektische Materialismus“. Die kommunistische Propaganda versuche zwar, durch sehr viele Organisationen, zum Beispiel auch durch „progressive Gruppen“, die Meinung zu verbreiten, „daß der kommunistische Staat nicht gegen die Religion kämpfe“, wobei ihn „auch Druckerzeugnisse westlicher katholischer Progressisten“ unterstützten.

Einfluß der Milieus

Es gehört zur Weltweite der diesjährigen Bischofssynode, daß auch (aber keineswegs ausschließlich und vorwiegend) über den Einfluß des sozialen Milieus auf die Evangelisierung in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften, besonders Westeuropas und Nordamerikas, gesprochen wurde. Hier stößt die Evangelisierung vielfach auf eine Erscheinung, die man „Säkularismus“ zu nennen pflegt. Bei diesem schillernden Begriff gilt es zu unterscheiden: Nach christlichem Verständnis ist die Schöpfung nicht mit eifersüchtigen Dämonen bevölkert, sondern das Werk Gottes, der den Menschen Wirkraum in der Welt gegeben hat. „Der Mensch handelt recht“, schreibt Henri de Lubac, „wenn er aus den kosmischen und gesellschaftlichen Servituten aller Art herauskommen will“. Diese berechtigte Entzauberung der Natur pflegten die Bischöfe auf der Synode „Säkularisierung“ zu nennen. Demgegenüber sprachen sie von „Säkularismus“, wenn der Mensch Gott gleichsam aus der Schöpfung zu verdrängen und die innerweltlichen Werte absolut zu setzen versucht. Aber es wurde auf der Synode auch darauf aufmerksam gemacht, daß manches, zum Beispiel die Einsicht in die Grenzen des Fortschritts, das Unbehagen der jungen Generation und das Fragen nach dem letzten Sinn des Lebens, darauf hindeutet, daß der Säkularismus der Frage nach dem „ganz anderen“ auf die Dauer nicht auswei- chen kann.

Szene aus „Welch gigantischer Schwindel“ von Ionesco

Photo: Horowitz

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