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Digital In Arbeit

Einige Zeilen an „Dich“

Ich möchte diese Zeilen an Dich richten, ein „Dich“, das ich gar nicht kenne, von dem ich nichts weiß. Weiß ich, ob Du alt oder jung, ob Du glücklich oder unglücklich bist? Eigentlich schreibe ich ins Ungewisse, vielleicht aber doch mit dem Glauben, für Dich oder Dich ein Wort gefunden zu haben.

Ich kann auch gar nichts Großartiges anbieten - keine großartigen geistigen Ausbrüche, keine Theorien, nichts Literarisches. Ich schreibe aus dem Gefühl heraus, das ich heute abend so stark erleben durfte. Ich bin nicht allein, ich fühle mich geliebt, geborgen, angenommen. Ich habe einen Menschen, der mir Zeit geschenkt hat, der mir immer wieder seine Zeit schenkt, der aber nicht nur seine Zeit mit mir teilt, sondern auch seine Erfahrungen, sein Leben, mit allen Freuden und Beschwerden, allem Elend, aber auch mit allem Beglückenden, Schönen.

Dieses tiefe Eingehen ineinander, das Vertrauen, offen zu sein, auch mit der Gefahr, verletzt zu werden, erfordert viel. Du kannst es nicht kaufen, Du darfst es nicht erwarten, Du mußt Deinen Teil dazu beitragen. Es ist keine Sache, die sich berechnen läßt, die sich einteilen läßt, nach gewissen Gesichtspunkten. Und doch ist es ganz einfach: Du brauchst den Menschen nur zu lieben.

Ich meine mit „lieben“ nicht das, was Dir in Sexfilmen oder Büchern oder in der Zeitung immer wieder unter dem Begriff Liebe entgegenschreit — Liebe läßt sich nicht vermarkten. Mit Liebe meine ich den Menschen! Alles, was mich vom Menschen wegführt, sehe ich als Gefahr an. Was bleibt denn von Prestige, Macht, Geld übrig, wenn es an unser Ende geht?

Kann denn der Mensch ohne die Zuneigung, die Wärme, den Schutz, das Vertrauen eines anderen überhaupt leben? Ich bin sicher, daß es nicht möglich ist. Ich glaube, unsere Lieblosigkeit ist überall zu sehen: Kleine Kinder sind unerwünscht, man schiebt sie ab, um selbst mehr Freiheit zu haben. Sie lernen nie Geborgenheit und Rückhalt kennen und zerbrechen am Leben.

Jugendliche, Erwachsene finden ihr Dasein sinnlos. Sie machen ihrem Leben ein Ende, aus Verzweiflung nach der Suche nach einem geliebten Menschen, der versteht, der Wegweiser ist, der da ist.

Alte Menschen haben keine Familien, die sie aufnehmen, sie müssen ins Altersheim. Pensionisten zerbrechen an ihrem Nichtstun, ihrer Unfähigkeit, sich selbst zu ertragen, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind, weil sie verlernt haben, zu leben.

Leben, das im Leib einer Mutter entstanden ist, wird abgetrieben, weil es gerade nicht angenehm und erwünscht ist.

Wo bleibt denn in all dem unsere Verantwortung füreinander? Arbeit ist wichtig, aber es muß immer der Mensch das Maß aller Dinge sein. Freiheit ist gut, aber haben wir ein Recht darauf, wenn wir gedankenlos handeln? Glücklichsein ist wunderbar, aber Leid und Schmerz gehören dazu. Woher könnten wir sonst Glück und Freude spüren?

Gib den Menschen, was Du von ihnen erwartest, und Du wirst bescheiden werden. Erwarte viel von Dir. Laß Dich beschenken: ein Lächeln, ein Sonnenuntergang, ein kleines Kind, ein gutes Wort, eine Umarmung, ein tiefer Blick…

Zeilen und Helfen werden die Herzen öffnen. Es genügt nicht der einmalige Versuch, die ständige Bereitschaft eines Neubeginns ist wesentlich. Das Wesentliche ist so einfach und in jedem Menschen enthalten.

Die Verfasserin ist Studentin an einer Pädagogischen Akademie.

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