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Einigt Perón Lateinamerika?

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Der Staatsstreich in Uruguay, der mißlungene Angriff eines Tankregiments gegen das chilenische Regierungsgebäude und die engen Beziehungen des Panzer-Regimes in Bolivien zum brasilianischen Itamaraty (wie das Außenministerium in Rio de Janeiro heißt) haben in der argentinischen Presse und im Parlament Alarmrufe ausgelöst. Das Gespenst des „nordamerikanischen Imperialismus“ und des „brasilianischen Sub-Imperialis-mus“ geht um.

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Der Staatsstreich in Uruguay, der mißlungene Angriff eines Tankregiments gegen das chilenische Regierungsgebäude und die engen Beziehungen des Panzer-Regimes in Bolivien zum brasilianischen Itamaraty (wie das Außenministerium in Rio de Janeiro heißt) haben in der argentinischen Presse und im Parlament Alarmrufe ausgelöst. Das Gespenst des „nordamerikanischen Imperialismus“ und des „brasilianischen Sub-Imperialis-mus“ geht um.

Der Verfassungsbruch, mit dem der uruguayische Präsident J. M. Bordaberry das Parlament aufgelöst und durch einen von ihm zu ernennenden Staatsrat ersetzt hat, trägt antikommunistischen Charakter, wie sich aus der Beseitigung des von Moskau-Freunden beherrschten Ge-werkschafts-Dachverbandes „CNT“ und dem Haftbefehl gegen dessen 51 Funktionäre ergibt. Auch prominerrte Linkspolitiker aus den traditionellen Parteien sind emigriert oder verhaftet. Vom Standpunkt der „ideologischen Grenzen“ ist damit Uruguay in die brasilianische Einflußzone gefallen und hat insoweit dazu beigetragen, das Gleichgewicht im La-Plata-Becken — einer Entwicklungszone mit einer Bevölkerung von 60 Millionen Menschen — zugunsten Brasiliens zu verschieben. In den spannungsreichen Tagen war der große Garten rund um die brasilianische Botschaft am Boulevard Artigas in Montevideo taghell erleuchtet. Man befürchtete Attentate. Wer aber die Entwicklung der uruguayischen Krise aus der Nähe beobachten konnte, sah, daß der Konflikt aus dem Zusammenstoß zwischen Präsident, Parlament und Streitkräften, bei stark personeller Färbung, sich ohne äußere Einflüsse langsam entwickelt hatte. Unbegründet ist die Behauptung, daß der „nordamerikanische Imperialismus“ seine Hand im Spiele gehabt habe.

In Chile liegt es nahe, gegenrevolutionäre Strömungen auf USA-Initiativen zurückzuführen, nachdem sich die ITT bei ihrem Plan, Allendes Amtsübernahme durch Bestechungsgelder von 1 Million Dollar abzuwenden, kompromittiert hat und die Auseinandersetzung mit den Kupfergesellschaften große finanzielle Interessen in Mitleidenschaft zieht. Ohne Zweifel entsprechen die von den „rechten“ Organisationen manipulierten Unruhen einem Plan der Antimarxisten, ihre Macht wiederzugewinnen. Aber der Angriff eines Tankregimentes auf das Regierungsgebäude In Santiago, ohne Unterstützung von Seiten aller anderen Streitkräfte, war ein so aussichtsloses Unternehmen, daß man die CIA kaum hinter ihm vermuten kann. Und daß Brasilien seinen Einfluß dabei ausgeübt habe, wird auch von Allende-Kreisen nicht behauptet. Soweit sich also durch den gelungenen Staatsstreich in Uruguay die „ideologischen Grenzen“ verschoben haben oder durch den mißlungenen Putsch in Chile verändern hätten können, schwebt die argentinische Behauptung, daß die USA und Brasilien ihre Hände im Spiel gehabt hätten, in der Luft.

Anders ist die Situation in Bolivien. Das Torres-Regime stützte sich immer mehr auf Moskau und war nahe daran, das kubanische Modell zu imitieren, was Brasilien als Drohung empfand. Die Intervention brasilianischer Militär- und Wirtschaftskrise beim Aufstieg des Banzer-Regimes steht außer Zweifel.

Schließlich hat die Haltung Ströss-ners, als er trotz dem Widerspruch des argentinischen Präsidenten Cämpora den Vertrag über die gemeinsame Errichtung des größten Wasserkraftwerks der Welt, Itaipü, mit dem brasilianischen Präsidenten Emilio Garra9tazü Medici unterzeichnete, bewiesen, daß er die jahrhundertelange Abhängigkeit von Argentinien in immer steigendem Maße beseitigen will.

Nach dem Scheitern des chilenischen Futsches und bei der sozial-reformerischen Haltung auch der christdemokratischen Opposition besteht eine gewisse Übereinstimmung in der sozio-ökonomischen Linie zwischen der chilenischen Mehrheit und Argentinien, wenn sich auch das peronistische Regime, mindestens vorläufig, auf mildere Reformen beschränken wird. Dagegen steuern die anderen Nachbarn Argentiniens, Chile, Bolivien, Paraguay und Uruguay, auf brasilianischem Kurs.

Doch sind die „ideologischen Gegensätze“ nur die Fassade für den traditionellen Machtkampf zwischen Argentinien und Brasilien um die Vorherrschaft in Lateinamerika. Argentinien will das ihm ungünstige Abkommen über die Wasserkraftwerke am Paranä, das am Rande der letzten UNO-Tagung in New York geschlossen wurde, kündigen. Der Kampf um das bolivianische Eisenerz von „El Mutün“ geht weiter.

Da Cämpora ohnedies nur ein Befehlsempfänger Peröns war, spielt es keine Rolle für die Außenpolitik, daß der Regisseur die politische Bühne Argentiniens jetzt wieder als Hauptdarsteller betritt. Die ganze Konfrontation um das Gleichgewicht im La Plata-Becken zwischen Argentinien und Brasilien steht im Widerspruch zu der kühnen Aspiration Peröns, als „Einiger Lateinamerikas“ aufzutreten.

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