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Einmal Rebellen einmal Helden

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Die „Analyse einer Beziehung“ im Radiokolleg (FURCHE 3/1987) lieferte Studienmaterial zum Thema der Imagebildung und Imageänderung zwischen Nachbarvölkern.

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Die „Analyse einer Beziehung“ im Radiokolleg (FURCHE 3/1987) lieferte Studienmaterial zum Thema der Imagebildung und Imageänderung zwischen Nachbarvölkern.

Hans Georg Heinrich, Politikwissenschaftler, Wien: „Stereotypen sind mit sehr großen Widersprüchen behaftet. Ein Stereotyp — da steckt sehr viel drinnen, positive Züge, negative Züge, und je nach der gerade existierenden Situation, den Plänen der jeweils Lebenden und Agierenden, wird dann das Positive oder das Negative betont. Der Ungar kann also ein Aufrührer sein, ein Rebell, aber genau dasselbe Stereotyp kann umgedeutet werden ins Positive, dann wird er ein Held, das haben wir 1956 gesehen.

Gegenwärtig haben die Österreicher über die Ungarn und um-

„Für die Ungarn waren die Österreicher die Kolonialmacht“

gekehrt eigentlich nur Gutes zu berichten. Die Ungarn sehen die Österreicher als ihre österreichischen Schwager, was bedeuten soll: Wir sind irgendwie wesensverwandt, wir haben bedeutend mehr, was uns verbindet, als was uns trennt.

In Österreich ist es auch so, was mit dem gegenwärtigen österreichischen Selbstbild, dem Autostereotyp, zusammenhängt, weil sich die Österreicher als Donau-Phäaken sehen, als Menschen, die gern essen und trinken — die Ungarn tun das auch; wir haben viel Gemütlichkeit, wir wissen zu leben, wir schreiben dieselbe Eigenschaft auch den Ungarn zu. Es ist wichtig, daß diese gegenwärtigen und gegenseitigen Stereotypen nicht durch 'die ganze Geschichte hindurch gelten, ganz im Gegenteil.

Durch weite Strecken unserer sogenannten gemeinsamen Geschichte sind sich ganz gegenteilige Stereotypen gegenübergestanden. Das im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein dominierende österreichische Stereotyp für die

Ungarn war das des Aufrührers. Für die Ungarn, hier will ich behaupten, bis ins 20. Jahrhundert hinein, sind die Österreicher die Kolonialmacht.“

György Konrad, Schriftsteller und Soziologe in Ungarn, über Wien: „Eine Stadt, die zu Ungarn eine zwiespältige Beziehung hat, die Stadt des Kaisers und des Königs war, und auch eine Stadt, von wo Mode und Literatur und Güter gekommen sind, und von wo eigentlich das moderne Ungarn gekommen ist. Es war auch eine Stadt, die die Reaktion verkörperte, das heißt Zensur, Überwachung, und eine gewisse Stagnation der gesellschaftlichen Beziehungen.

Auf der anderen Seite sind durch die jungen Leute von Wien, die jungen Liberalen, die eine

Ubermittlungsfunktion ausgefüllt haben, manche Ideen von Frankreich hier angekommen. Ich muß sogar sagen, daß die ungarischen Intellektuellen über Wien, durch Wien, nach Paris gesehen haben, Paris bedeutete den Fortschritt der Gesellschaft, der Ideen, der Kunst und so weiter.“

Horst Haselsteiner, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung der Universität Wien: „Diese Orientierung nach Westeuropa, die im Kreis um die Zeitschrift ,Das 20. Jahrhundert' zweifellos vorhanden war, ist auf der Seite der ungarischen Historiographie in der Zwischenkriegszeit und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg sehr bewußt und vielleicht nicht ganz der Realität entsprechend in den Vordergrund gestellt worden.

Die gemeinsame Identität und die Wechselwirkung zwischen Wien und Budapest, Österreich und Ungarn wurde zwar konstatiert, aber im Stellenwert geringer eingeschätzt. Für uns jetzt ist interessant: gerade in den letzten 20 Jahren ist eine sehr, sehr deutliche, klar zu erkennende Strömung speziell in der ungarischen Geistesgeschichte zu konstatieren, die diese gemeinsame Identität am Ende der dualistischen Epoche sehr stark in den Vordergrund rückt.“

Ivan Lipovetz, Chefredakteur, Budapest: „Nach der Niederschlagung der sogenannten Räterepublik in Ungarn war Wien ein wichtiger Anziehungs- und Sammlungspunkt für die ungarischen Emigranten nicht nur rein kommunistischer Prägung, sondern auch von liberaler Prägung.“

Emil Niederhauser, Historiker, Budapest: „Einen Satz zur Frage der kleinen Nationalstaaten — ich pflege immer zu sagen, daß diese Nationalstaaten nach 1918 alle Fehler der Monarchie wiederholten, ohne einen einzigen Vorteil der Monarchie zu haben. Daß eigentlich diese Staaten auch Vielvölkerstaaten waren, einige auch in ihrem Namen, Tschechoslowakei, oder, wie Jugoslawien zehn Jahre lang offiziell hieß, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ohne daß der große Vorteil eines großen Wirtschaftsraumes, wie ihn die Monarchie bedeutete, dabeigewesen wäre.“

Ivan Lipovetz: „Darüber, daß in Österreich fabrizierter Müll nach Ungarn geliefert und hier gelagert wird, das hat auf der Seite der Betroffenen vielleicht viel größere Unzufriedenheit ausgelöst, als die ganze Geschichte mit dem Donaukraftwerk. Österreich kann Strom beziehen, braucht sich nicht mit den ökologisch bewußten Menschen auseinanderzusetzen. Das kann ganz geschickt gemacht werden — wenn man so nachdenkt!“

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