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Elfenkönigs Zauber betört keinen

In Bregenz hat man sich heuer auf großangelegte Rettungsversuche für aus dem Repertoire längst gestrichene Opern verlegt: Carl Maria von Webers „Oberon”, der sich trotz dem Riesenerfolg bei der Londoner Uraufführung 1826 nicht halten konnte, wird heuer auf der Seebühne gezeigt; Gäetano Donizettis „Favoritin”, ein 1840 für die Pariser Oper komponiertes, 1843 italienisch neugefaßtes Riesenwerk der Tradition der Grand Opėra Meyerbeers, ist im Theater am Kommarkt als Kuriosum zu bestaunen. Aber immerhin, die „Favoritin” ist pralles Opernleben, ein Werk, das wert wäre, in der Wiener Staatsoper Einzug zu halten (auch wenn sie in Bregenz halbwegs danebengegangen ist). „Oberon” aber scheint mir kaum noch lebensfähig.

Denn im Grunde hat dieser „Oberon” nicht viel anderes zu bieten als eine geniale Ouvertüre, die zum Schönsten zählt, was die deutsche Romantik hervorgebracht hat, und eine grandiose Arie der Kalifentochter Rezia „Ozean, du Ungeheuer”; aber diese Arie steht etwa gleich faszinierend mit Leonores „Abscheulicher, wo eilst du hin” und Isoldes Liebestod in der Musikgeschichte.

Doch sonst? Viel hübsche, zum Teil sehr bedeutende Musik, die aber neben dem Text einherläuft und stellenweise mit diesem eher wenig korrespondiert. Weber hat das selbst sich eingestanden und wollte die Oper (nach Planchės verschrobenem Text) vom englischen Singspiel abrücken und zu einer deutschen Oper umarbeiten. Er ist noch vor Ausführung dieses Plans gestorben.

Dafür haben Bearbeiter aller (schlechten) Geschmacksrichtungen es nicht verabsäumt, zu pfuschen und Tantiemenjägerei zu betreiben. Sie haben den Text noch fataler gemacht, als er schon war.

Für Bregenz hat nun Manfred Linke eine Neufassung besorgt. Aber auch ihr mangelt es nicht an Banalem und notdürftiger Flickarbeit. Und wieder gelang es nicht, dieses Nebeneinander von Text und Musik zu kaschieren. Wieder muß der Elf Puck-über häßliches Playback! - alle Probleme dieses Stückes erklären, ohne daß sie wirklich Probleme der Oper würden. Etwa die Heerfahrt des Ritters Hüon, der einem Prinzen in Bagdad die Braut wegschnappt, die Liebesprüfungen Rezias und Hüons und die Parallelhandlung des Knappen Scherasmin mit der Dienerin Fatime (was ganz offensichtlich auf Webers „Zauberflö- te”-Vorbild hinweist).

Regisseur Hans-Peter Lehmann und Bühnenbildner Toni Businger haben sich dafür zwar enorm viele Details einfallen lassen, wie man das Singspiel auf die Bregenzer Riesenbühne hievt. Grotten und Paläste überall; Prunk- schiffe kurven durch den Seekanal vor dem Zuschauerraum. Das Ballett umwedelt fast alle Szenen (übrigens teü- weise zu Musik aus Webers „Euryan- the”), bald in Haremsgetändel, bald ja- nitscharisch wild oder geisterhaft… Nur fühlt man immer die Distanz, die zu dieser Märchenrevue bestehen bleibt, die Distanz zu diesem Feenritual um seiner selbst willen.

Musikalisch schuf Leopold Hager mit den Wiener Symphonikern eine saubere Produktion. Die Sänger wirken recht ungleichwertig. Sabine Haas als Rezia gefällt durch Wohllaut und Intensität, William Johns ist ein Hüon ohne den berückenden Tenorschmelz. Rohangiz Yachmi trägt ihre Fatime-Arien mit hübscher schlanker Stimme vor. Artur Korn als Scherasmin ist all seiner Buffolebendigkeit entkleidet Das Papagenovorbüd fehlt. Heribert Steinbach (Oberon) und Hel- run Gardow (Titania) wirken gespenstisch blaß. Seit dieser Aufführung weiß ich wenigstens, warum „Oberon” solang nirgends gespielt wurde.

Nicht ganz versteht man diese Abkehr von Donizettis „La Favorita”, die sich selbst in dieser etwas ärmlich und notdürftig zusammengebastelten Aufführung im Kommarkttheater als mitreißender Stoff mit packender Musikerweist. Ein Drama wie Verdis „Macht des Schicksals” und wie so oft bei Donizetti um das Thema „unmögliche Liebe”. Hier die Affäre zwischen König Alfons XI. von Kastilien und der schönen Leonora Guzmän, die allerdings neben ihrem Mätressengewerbe noch einen anderen liebt. Von diesem wird sie aber gerade in dem Moment verschmäht, als der König die Mätresse freigibt…

Donizetti hat dazu knisternde Musik komponiert Voll brillanter Einfälle. Arien, wie „A tanto amor” oder „Spirto gentü” (eigentlich aus Donizettis „Herzog von Alba”, dessen Libretto später Verdi für die „Siziliani- sche Vesper” als Vorlage diente), vor allem aber die Leonora-Nummer „O mio Fernando” gehören zu den mitreißendsten Arien der Vor-Verdi-Zeit. Tief im Nachempfinden der Leiden versagter Liebe.

Sonja Frisell, früher Assistentin Margherita Wallmanns, führte Regie. Steht im Programmheft. Nur merkt man davon nichts. Massenszenen, die auf der kleinen Bregenzer Bühne allzu sparsam ausfallen, wie die Duette und Ensembles wirken steif. Konventionell. Aus der Not hat nur der Bühnenbildner Carlo Savi eine Tugend gemacht. Er baute ein sparsames Bühnenbild in Beigebraun. Einen gotischen Kirchenchor, eine maurische Palastwand, eine weiße Löweninsel, die zwar völlig prunklos sind, ąber wenigstens nicht stören.

An die Sänger stellt diese „Favoritin” allerdings enorme Anforderungen, und die bewältigt eigentlich nur Biancamaria Casoni als Mätresse Leonora. Leidenschaft und Stolz, Edelmut und Sanftheit - das alles wird spürbar. Walter Alberti als Alfons und Umberto Grilli als Liebhaber Fernando singen nur laut und undifferenziert Sängerische Gewaltleistungen. Francesco Molinari-Pradelli dirigiert. Er verschleppt die Tempi, läßt das Orchester donnern, daß es einen aus den ersten Reihen manchmal wegzufegen droht und das Theater in Klangexplo- sionen erstickt. Höchste Zeit also, daß diese „Favorita” einmal nach Wien kommt, wo man dem Meisterwerk gerecht werden könnte und wo Donizetti auch Heimatrecht hätte. Er war schließlich Hofkomponist am Kämt- nertortheater.

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