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Endstation Sehnsucht - oder Container

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In der Straße von Gibraltar trennen 14 Kilometer Meer EG-Europa von Afrika. Spaniens effizienterer Grenzschutz macht die Fluchtversuche der Afrikaner immer verzweifelter. Nicht selten enden sie tödlich.

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In der Straße von Gibraltar trennen 14 Kilometer Meer EG-Europa von Afrika. Spaniens effizienterer Grenzschutz macht die Fluchtversuche der Afrikaner immer verzweifelter. Nicht selten enden sie tödlich.

Algeciras am frühen Morgen: Kaum Verkehr auf den Straßen der südspanischen Stadt, die sonst allgegenwärtigen Haschisch-Dealer und Huren sind noch nicht auf den Beinen. Im Hafen herrscht bereits routinemäßige Betriebsamkeit. Eine Fähre aus Tanger entleert sich. Menschen und Fahrzeuge müssen durch die doppelte Kontrolle von Zoll und Guardia Civil.

Erfahrene Beamte klopfen die PKWs nach verstecktem Haschisch ab-ihrFund 1992:17Tonnen. LKWs werden nach versteckten Mitfahrern und Schmuggelgut durchsucht. Plötzlich machen die Uniformierten zwischen den Fahrzeugen eine grauenhafte Entdeckung: Blutüberströmt kriecht ein dunkelhäutiger Mann unter einem Reisebus hervor. Der Fahrer hat zuvor nichtsahnend die Bodenfreiheit den spanischen Straßen angepaßt. Und damit den blinden Passagier auf der Achse zerquetscht. Endstation, wenige Meter vor dem Etappenziel Spanien.

Seit die Nußschalen durch Grenzpatrouillen zu Wasser am Überqueren der Straße von Gibraltar gehindert werden, kommen nur die glückreichen illegalen Einwanderer durch. 1991 griff die Guardia Civil auf 110 Kilometern Küste 842 „ilegales” auf. Oberstleutnant Mariano Ortiz, Chef der paramilitärischen Polizeitruppe in der Region, spricht lieber von der Gegenwart. Von den sechs neuen Patrouillenbooten samt einer Hundertschaft Besatzung etwa. Oder von den Hubschraubern, die die spanische Südflanke nun überwachen. Und davon, wie gut die 24-Stunden-Grenz-kontrolle seit Oktober vergangenen Jahres greift.

Ganz dicht ist die Grenze freilich dennoch nicht. Ganze 16 Illegale gingen heuer bis Mitte März in die Statistik ein, während im Vorjahr offiziell noch 1565 Einwanderer in spe die spanische Küste erreichten. Gut die Hälfte davon Marokkaner, denen seit zwei Jahren der Weg nach Spanien durch Visumpflicht erschwert wird.

Auch die marokkanische Küstenwache sorgt mittlerweile dafür, daß kaum mehr Fluchtboote gen Spanien aufbrechen. Gegenleistung dafür gab's von spanischer Seite keine, beteuert ein Sprecher des marokkanischen Konsulats in Madrid.

Begräbnis in Spanien

Den Weg nach Europa wiesen und weisen zunächst drei spanische Leuchttürme, die von Marokko aus zu sehen sind. Auf den letzten Metern gehen die Fluchthelfer kein Risiko mehr ein. Bis heute stoppen sie die selten gewordenen Nußschalen mit Außenbordmotor schon 40,50 Meter vor dem spanischen Strand.

Die angespannten Passagiere müssen den restlichen Weg schwimmen. Wenn sie können. Wenn nicht, werden sie nicht selten Opfer der Strömung. Wie jene, die vor der Ankunft in Algeciras von den regulären Fähren in den Tod springen - mit dem Plan, unbemerkt an Land zu gehen. Endstation Strand. 1991 bissen zwölf „ilegales” ins Gras, im Vorjahr schon 23. Kommen keine Angehörigen, um die Toten zu identifizieren, läßt der spanische Staat die nötigen Peseten für ein Begräbnis springen.

Guardia-Civil-Chef Ortiz spricht von organisierten Schlepper-Banden, die altbewährte Schmuggelpfade - Stichwort: Tabak und Drogen -benützten. Normalerweise hätten die Illegalen aber nichts mit Suchtgifthandel zu tun. Die vornehmlich afrikanischen Flüchtlinge mußten schon vor dem Einsatz der Grenzboote umgerechnet sechs bis sieben Tausender für einen Platz im Schifferna-kel zahlen. Nach Ortiz' Erkenntnissen, wurde und wird ihnen von hilfreichen Komplizen auf der spanischen Seite erzählt. Außer in diesen Erzählungen existieren die „Wohltäter” aber nicht.

Eine junge Liberianerin, Jahrgang 1969, muß mit einer ähnlichen Enttäuschung leben. Von ihren Begleitern am spanischen Strand von Tarifa verlassen, wandte sie sich allzu vertrauensvoll an die Ordnungshüter, um Anzeige zu erstatten. Ahnungslosig-keit und Naivität vieler „moros”, wie nicht-weiße Afrikaner in Spanien heißen, verwunderten manchmal sogar den erfahrenen Oberstleutnant Ortiz. Manche „Mauren” klappen den Daumen aus, um von einem Streifenwagen ein Stück Weg mitgenommen zu werden. Es wird jener zum Hafen -Abschiebung nach Marokko.

Zurück an den Start heißt es auch für jene, die gutgläubig in die nächstgelegene Kaserne um Wassergehen. Genauer gesagt: zurück nach Marokko. Denn der Maghreb-Staat hält zwar die bilateral gegenüber Spanien eingegangene Verpflichtung, alle über sein Territorium illegal in den iberischen Staat Gereisten zurückzunehmen. Der weitere Verbleib der Schubhäftlinge bleibt aber unklar. Spanische Menschenrechtsorganisationen kritisieren nämlich, daß der Stierkampfplatz im marokkanischen Tanger als Gefängnis für zwischen 50 und mehr als 1.000 schwarzafrikanische Flüchtlinge dient. Ohne Kontakt zur Außenwelt vegetierten manche von ihnen in der Arena schon seit vielen Monaten, unterernährt und von der Garde Hassans II. bewacht.

Angesichts solcher, von marokkanischen Stellen unkommentierten Presseberichten, was empfindet da der Mensch Ortiz für die Flüchtlinge? Vor allem die Schwarzafrikaner seien „buenas personas”, findet der Guar-dia-Civil-Boss. Nachsatz: Die beschweren sich nicht übers Essen in der Schubhaft wie die Marokkaner.

Andere, von seinen Mannen in Andalusien aufgespürte Immigranten haben sich Ortiz ins Gedächtais gegraben. Wie jener Äthiopier, der sich als blinder Passagier in einen Frachtcontainer geschlichen haben muß. In Algeciras abgeladen, blieb dieser wochenlang ungeöffnet. Als man die Leiche schließlich entdeckte, war sie schon angefault, wird erzählt. Endstation Container.

„Es ist der Hunger”

Auch ein anderer kam erst nach Überwindung der Meerenge ums Leben. Oberhalb einer LKW-Achse versteckt, wollte sich der junge Afrikaner während der Guardia-Civil-Kon-trolle aus dem Staub machen, kletterte hervor und rannte los. Der Fahrer des Lasters daneben sah ihn zu spät „Esto es hambre”, entfährt es Ortiz. „Das ist der Hunger”. In ihrer Not ersinnen die Verzweifelten immer neue Verstecke, um durch das Nadelöhr Algeciras zu gelangen: unter der Motorhaube, im Ladegut von LKWs und so weiter.

Oft mit nicht mehr als den Kleidern auf dem Leib und spärlichen Französischkenntnissen streben die Einwanderer nach Frankreich. Oder sie verdingen sich in Spaniens Landwirtschaft. Vor allem um Almeria - rund 300 Straßenkilometer von Algeciras entfernt - landen viele „ilegales” auf den mit Kunststoffplanen überdachten Plantagen. Und versprühen gesundheitsschädliche Spritzmittel. Ohne Schutzbekleidung, ohne Versicherung, ohne Papiere, ohne gerechten Lohn: Endstation Sehnsucht.

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