7056622-1991_20_14.jpg
Digital In Arbeit

ENTFERNUNG ALS VERBINDENDES ELEMENT

19451960198020002020

Der Autor, der das österreichische Generalkonsulat in Krakau leitet, ortet auch in Galizien historisch gewachsene Verantwortung für Österreich.

19451960198020002020

Der Autor, der das österreichische Generalkonsulat in Krakau leitet, ortet auch in Galizien historisch gewachsene Verantwortung für Österreich.

Galizien gehörte 146 Jahre zu Österreich - von der ersten Teilung Polens 1772 bis zur Auflösung der Donaumonarchie. Österreich war so wie Rußland und Preußen Teilungsmacht, und erst 1918 entstand wieder ein polnischer Nationalstaat. Dennoch gilt besonders die Periode nach der Gewährung der politischen Autonomie 1866 als Zeit der freien Entfaltung der polnischen Nation.

Die Jagiellonische Universität Krakau erhielt das Recht der polnischen Unterrichtssprache, in Krakau wurde eine Akademie der Wissenschaften geschaffen, polnische Parteien wurden gegründet. Der Polenklub im Wiener Reichsrat war einflußreich, aus Galizien kamen nach Wien Minister wie etwa der Lemberger Graf Agenor Goluchowski, der lange Jahre die österreichische Außenpolitik bestimmte. Die Mehrheit der polnischen Wissenschafter wurde an der Universität Wien ausgebildet, in allen Künsten bestand ein reger Austausch.

Die Erinnerung an dieses versunkene Galizien scheint heute in Polen nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft ihre nostalgische Bedeutung zu verlieren und wieder als wichtige regionale Identifikationsmöglichkeit empfunden zu werden.

Nationale Perspektiven der Geschichtsinterpretation haben in den letzten 150 Jahren aus unterschiedlichen Ursachen die historischen Gemeinsamkeiten dieses Raumes in den Hintergrund gerückt.

Zu den wichtigsten Faktoren für die Verdrängung der gemeinsamen Geschichte zählen die Ausbildung nationaler Identitäten im 19. Jahrhundert, nach 1918 der Auftrag an die Geschichtsforschung, nationalstaatliche Strukturen zu rechtfertigen, die gewaltsame Zerstörung des mitteleuropäischen Kulturraumes und seiner Träger durch den Nationalsozialismus und schließlich die Schaffung der kommunistischen Staaten, die nicht nur auf der Landkarte durch einen Eisemen Vorhang vom restlichen Europa getrennt werden sollten.

Trotz dieser lückenlosen Kette von Entfremdung blieb die Erinnerung an Gemeinsamkeiten der Geschichte in allen Regionen der ehemaligen Habsburgermonarchie präsent.

Das Verhältnis zwischen Österreich und Polen illustriert die zentralen Probleme einer Verdrängung gemeinsamer übernationaler historischer Entwicklungen. Polen und Österreich haben heute nicht nur keine gemeinsame Grenze, sondern sind auch im kulturellen Dialog des 20. Jahrhunderts durch die Zerstörung oder Leugnung kultureller Gemeinsamkeiten weit auseinandergerückt. Wenn auch die historische Forschung die ideologischen Wünsche einer ausschließlich nationalstaatlichen Perspektive prinzipiell nie zur Gänze erfüllte, wurde andererseits der Blickwinkel einer überregionalen historischen Betrachtung und Beurteilung nicht öffentlich gefördert. Die historischen Gemeinsamkeiten zwischen Polen und Österreich konnten zwarauch auf polnischer Seite für die ideologisch als nicht gefährlich eingestuften Epochen wie etwa das 18. Jahrhundert oder den polnischen Beitrag zur Befreiung Wiens von der Türkengefahr untersucht werden, aber für ein vollständiges Bild der historischen Gemeinsamkeiten bestanden in den

letzten Jahrzehnten keine positiven Voraussetzungen.

Mit dem Ende der Ost-West-Teilung Europas sind heute auch in Polen die kulturellen Traditionen einer mitteleuropäischen Gemeinsamkeit wieder Gegenstand der Diskussion. Besonders im südpolnischen Raum scheint in einem intellektuellen Kompensationsprozeß die Erinnerung an das österreichische Galizien wieder Attraktivität zu gewinnen.

Vor 1900 dominierten auch in den Beziehungen zwischen Polen und Deutschösterreichern im politischen Leben und ihrer historischen Interpretation nationale Sichtweisen. Personen, die sich, so wie etwa der Historiker Anton Gindely in Böhmen, der nationalen Zuordnung entzogen, galten als unzeitgemäße Außenseiter. So schreibt der polnische Schriftsteller Thaddäus Rittner, der Theaterstücke

auf Polnisch und Deutsch schrieb, 1917 in seinen Erinnerungen: „Von so manchem, das ich geschrieben habe, sagen die Deutschen, es sei polnisch, und die Polen, es sei deutsch. Man behandelt mich vielfach auf beiden Seiten als Gast."

Die Besonderheit der österreichisch-polnischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg lag jedoch darin, daß trotz mancher nationaler Konfliktbereiche und trotz des sozialen Drucks auf Personen, sich nur einer nationalen Gruppe zugehörig zu fühlen, die kulturellen Verknüpfungen zunahmen und sich im Bürgertum die gesellschaftlichen Muster zwischen den deutschsprachigen Kronländern und Galizien zunehmend annäherten. Die entscheidende Voraussetzung dafür bestand darin, daß es keine gemeinsame Sprachgrenze zwischen Polen und Deutschsprachigen gab.

Die alltäglichen nationalen Reibungsflächen, die etwa das deutschtschechische Verhältnis nachhaltig negativ prägten, bestanden in Galizien nur im Verhältnis zwischen Po-

len und Ruthenen. Das Bild Österreichs hingegen wurde im polnischen Bürgertum von den Kulturleistungen der Wiener Jahrhundertwende, der weitreichenden politischen Autonomie und den seltenen Besuchen von Mitgliedern des Kaiserhauses geprägt. So zählt zur kollektiven kulturellen Erinnerung an Altösterreich im Krakauer Bürgertum nach wie vor der regelmäßige Besuch der Wiener Oper und der Wiener Kaffeehäuser vor dem Ersten Weltkrieg.

Wien war für die großen galizi-schen Städte Lemberg und Krakau

das intellektuelle Prisma, durch das die Urbanisierung Europas wahrgenommen wurde. Die Entfernung zu Wien war groß genug, um eigenständige polnische Kulturtraditionen weiterentwickeln zu können und sie war gering genug, um so viel aus Wien übernehmen zu können, daß sich eine spezifische Form der österreichischen Kultur ausbilden konnte.

Robert Musil schreibt 1919 in seinem Aufsatz „Der Anschluß an Deutschland" rückblickend: „Die österreichische Kultur war ein perspektivischer Fehler des Wiener

Standpunkts". Trotzdem warGalizien einer der markanten Außenposten einer Zivilisation, die zwar nicht zu einer gemeinsamen österreichischen Kultur verschmolz, sondern stets ihren jeweiligen nationalen Charakter ausbildete, aber dabei eine internationale Gemeinsamkeit erahnen ließ, die heute im neuen Europa wieder erstrebenswert erscheint.

Mit der staatlichen Neuordnung Mitteleuropas nach der Auflösung der Habsburgermonarchie wurde Galizien in den Osten gerückt. Von Österreich wurde Südpolen durch zwei Staatsgrenzen getrennt. Die neuerrichtete polnische Republik war mit den Fragen des inneren Aufbaues und der neuen nationalen Identität sowie mit dem außenpolitischen Verhältnis zu ihren Nachbarstaaten beschäftigt. Wien und die neue Republik Österreich rückten auch in Lemberg und Krakau aus dem unmittelbaren Blickfeld. Trotz all diesen Entwicklungen, deren Tendenz in den folgenden totalitären Katastrophen noch gefördert wurde, blieb die Vorstellung eines mehrsprachigen, toleranten und für die Mobilität von Personen und Ideen offenen österreichischen Kulturraumes ein bestimmendes kulturelles Traditionsgut.

In diesem Gefühl einer auch von den politischen und gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht zerstörten Gemeinsamkeit zeigt sich die besondere Qualität der Beziehungen zwischen Österreich und dem südpolnischen Raum. Heute ist es wie vor hundert Jahren nicht die Geschichte, die in ihrer „Fremdheit" herausfordert, sondern die Gegenwart. Die Herausforderung ist in ihren konkreten Formen und Zielen für Österreich eine andere als für das ehemalige Galizien. Sie gilt jedoch für beide Seiten.

Die Aufgabe scheint für Österreich leichter zu sein, weil Österreich für Südpolen in vielfacher Hinsicht unentbehrlich ist. Für Österreich ist es scheinbar viel schwieriger, zu erkennen, daß die Bindung eine gegenseitige ist. Die Bedeutung Österreichs liegt kulturell in seiner Bedeutung für die anderen Regionen Mitteleuropas. Wenn wir dies erkennen, dann haben wir aus der gemeinsamen Geschichte ohne gemeinsame Grenzen gelernt und der kulturelle Dialog in Mitteleuropa ist wieder eröffnet.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau