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Entscheidungen sind längst überfällig

1945 1960 1980 2000 2020

Können wir auf Kohle, Erdöl oder Erdgas verzichten? Nicht von heute auf morgen - das stimmt. Schon heute zerstört aber unser System der Energieversorgung die Umwelt. Daher ist eine Umstellung unaus- weichlich. Alternative Ansätze gibt es bereits. Sie sind weit mehr als nur das Hobby von fanatischen „Grünen".

1945 1960 1980 2000 2020

Können wir auf Kohle, Erdöl oder Erdgas verzichten? Nicht von heute auf morgen - das stimmt. Schon heute zerstört aber unser System der Energieversorgung die Umwelt. Daher ist eine Umstellung unaus- weichlich. Alternative Ansätze gibt es bereits. Sie sind weit mehr als nur das Hobby von fanatischen „Grünen".

Es gäbe eine Alternative zum heutigen System der Energie- versorgung. Ja, ja, von Energie aus Biomasse, Sonnen- und Windener- gie haben viele gehört. Vor Jahren schon hat man davon geredet. Aber daraus wird nichts, meinen die mei- sten. Diese Energiequellen geben zu wenig her, können nicht den derzeitigen Standard der Energie- versorgung erhalten.

Weiteres Wirtschaftswachstum erfordere - wenn schon nicht mehr Energie - so doch zumindest mehr Strom. Dessen Bereitstellung gelte es, jetzt schon zu planen (siehe Bei- trag Fremuth).

Wer die Dinge so betrachtet, wird Alternativenergie weiterhin als Randerscheinung einstufen, damit aber auch die eigentliche Problem- stellung übersehen. Es geht darum, die Unhaltbarkeit des derzeitigen Energiesystems klar zu erkennen.

• Es ist in einem lebensgefährden- den Maß umweltbelastend, weil es auf dem Verbrauch nicht erneuer- barer Ressourcen (Kohle, Erdöl, Erdgas, Uran) und auf massiven örtlichen Eingriffen (Großkraftwer- ken) aufbaut. Es kann in dieser Art nicht fortgeführt werden.

• Es macht uns extrem außenab- hängig. Zwei Drittel unserer Ener- gie sind importiert. Was das bedeu- tet haben wir 1973 und 1979 erlebt, leider aber wieder verdrängt.

• Es ist extrem verschwenderisch: Nur die Hälfte der eingesetzten Energie wird tatsächlich genutzt.

Weil das derzeitige System nicht fortgeführt werden kann, muß es von Grund auf neu konzipiert wer- den. Dabei hat Umweltverträglich- keit Priorität. Das bedeutet: Ein- schränkung des Energieverbrauchs (siehe Beitrag Weihs). Ohne massi- ve Verringerung gibt es keine wirk- lich zukunftsträchtige Energiepo- litik. Das wurde schon oft gefor- dert, gilt daher als alter Hut, wurde aber - trotz einiger Erfolge - noch kaum halbwegs konsequent ver- wirklicht. Die 1989 in Kraft getre- tene Steuerreform hat sogar insge- samt die energiesparenden Maßnah- men eher eingeschränkt (FURCHE 20/1988), Energie wurde nicht be- steuert. Würde man den fossilen Brennstoffen die Kosten der von ihnen verursachten Umweltschäden zurechnen, sie müßten um einen Schilling je Kilowattstunde teurer sein.

Eine Energiepolitik mit Zukunft prognostiziert also nicht den vor- aussichtlichen Energieverbrauch (etwa im Jahr 2000), sondern legt ihn (auf niedrigerem Niveau, als wir es heute haben) fest und über- legt sich Maßnahmen zur Verwirk- lichung dieser Zielgröße. Als markt- konforme Strategie bieten sich Steuern (auf fossile, umweltbela- stende und importierte Energieträ- ger), die die Preise verändern, und eine gezielte Forschungsförderung zur Entwicklung von Energiealter- nativen an.

Nur auf dem Hintergrund massi- ven Energiesparens werden Kraft- Wärme-Kupplung, Wärmepumpe, Biomasse-, Wind-, Biogas- oder Sonnenenergienutzung zu echten Alternativen. Ihr sinnvoller Einsatz erfordert jedoch ein weiteres Um- denken, was das Konzept der Ener- gieversorgung anbelangt. Die er- wähnten Energiealternativen wer- den wirklich zielführend nur bei dezentraler Nutzung eingesetzt, also nicht in Großkraftwerken. Das er- forderte eine institutionelle Adap- tierung des bestehenden Energie- versorgungssystems: Förderung kleiner Einheiten mit lokalem Ver- sorgungsauftrag.

Energieversorgung wird somit ein komplexes Problem, bei dem alle gegebenen Möglichkeiten genutzt werden müssen. Dann wird etwa beim Bauen an die passive Nutzung der Sonnenenergie, an geeignete Dämmung, Bepflanzung, Nutzung der Sonne durch Kollektoren, An- schluß an lokale Fernwärme, usw. gedacht - und nicht mehr nur an die optimale Größe des zu verwenden- den Heizkessels.

Bei genauerem Hinsehen entdeckt man dann, daß doch einiges an Möglichkeiten vorhanden ist: 70 Millionen Quadratmeter Dachflä- che sind in Österreich so geneigt, daß sie sinnvolle Sonnenenergie- nutzung ermöglichen. Selbst unter heutigen Bedingungen ist solare Warmwassererzeugung bereits preislich konkurrenzfähig und wird auch dort, wo es entsprechende Initiativen gibt, eingesetzt (siehe Seite 15).

Auch Strom ließe sich durch die Verwendung von Solarzellen als Dachziegel am eigenen Haus, also dezentral, erzeugen. Die Notwen- digkeit eines weiteren Ausbaus der zentralen Stromversorgung könnte dadurch und durch Verwendung stromsparender Geräte entfallen.

Weiterhin nur wenig genutzt wird der Stallmist in Biogasanlagen. Und dabei gibt es auch hier ein Poten- tial, das in Österreich immerhin rund 1,5 Prozent des Energiebedarfs abdecken könnte (davon wird der- zeit nicht einmal ein Zehntel ge- nutzt). Theoretisch könnte auf die- se Weise ein Drittel des Raumwär- mebedarfs des ländlichen Raums gedeckt werden (siehe Seite 15).

Dringend erforderlich ist auch eine Neukonzeption des Systems der Wärmekraftwerke, die derzeit fast ausschließlich auf die zentrale Er- zeugung von Strom in großen Ein- heiten ausgerichtet sind. Eine Umrüstung auf Blockheizkraftwär- me (die Strom erzeugen und Fern- wärme abgeben) könnte die Ener- gieausnutzung etwa verdoppeln (siehe Seite 14) und könnte außer- dem gezielt auf die Nutzung von Örtlich erzeugter Biomasse umge- rüstet werden.

Es gibt sie also, die Energiealter- nativen. Daß sie bisher nicht zum Einsatz gekommen sind, ist weni- ger auf mangelnde Ideen und Kon- zepte als vielmehr auf mangelnden Willen zurückzuführen. Unser der- zeitiges Energieversorgungssystem besteht ja auch noch nicht ewig. Erst seit 1958 haben wir eine nega- tive Energieaußenhandelsbilanz. Dieses System wieder zu ändern wäre eine Jahrhundertaufgabe.

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