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Erinnerung

Vor fast 40 Jahren haben die Chinesen Tibet okkupiert, seit 30 Jahren lebt der Dalai Lama im Exil -und jetzt bekam er den Friedensnobelpreis. Das läßt den Verdacht aufkeimen, das Nobelpreiskomitee habe nicht so'sehr die Tibeter belohnen wollen, als die Chinesen bestrafen, die wider alle westlichen Erwartungen die Demokratiebewegung in ihrem Riesenreich so brutal unterdrückt haben. Denn für den Friedensnobelpreis wäre die 14. Inkarnation Buddhas schon lange vorher „geeignet“ gewesen.

Aber Tibet ist weit und zur Zeit der Aufstände Ende der fünfziger Jahre hatte der Westen andere Probleme; auch als 1967 die chinesische Kulturrevolution in Tibet wütete, waren die Reaktionen zurückhält tend. Heinrich Harrer, ein Freund des Dalai Lama, hat dieser Tage festgestellt, daß „erst jetzt, nach den Vorfällen in Peking, die Leute zu begreifen beginnen, was in Tibet schon viel früher passiert ist“. Nämlich die systematische Ausrottung einer Kultur im Zeichen der Modernisierung, die Religion .bestenfalls als Folklore betrachtet.

Der Widerstreitzwischenchü nesischem Pragmatismus und tibetischer Transzendenz machte in 40 Jahren eine Entwicklung von der chinesischen Barbarei der ersten Jahre der Besetzung bis zum Versuch einerfriedlosen Koexistenz durch - samt einer Öffnung Tibets für den Tourismus. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dalai Lama erinnert daran, daß Tibet nicht nur ein exotisches Reiseland für betuchte Touristen ist.

Vor etwas mehr als drei Jahren war der Dalai Lama auch in Wien, und da erinnerte er die Zuhörer des „Forums Schwarzenberg“ daran, daß die Empfindungen des Geistes stärker sind als die des Körpers, und daß Religion Nahrung für den Geist ist. Er sprach damals, im Mai 1986, über den Buddhismus als einen „Weg zur Seele und zum Frieden“, und da wies er auch daraufhin, daß Friede von den Bemühungen der Menschen abhängt.

Der Dalai Lama sagte auch, daß das Prinzip der Gewaltlo-sigkeit dadurch erreicht werde, daß der Geist sich von Faktoren wie Bösheit und dem Wunsch, Leid zuzufügen, befreit. Und da müsse man zunächst beim eigenen Geist beginnen: „Dann ist das genauso, wie wenn man die Bosheit der Welt entfernt hätte.“

Die kurze Einführung in den Buddhismus bei einer Veranstaltung der Industriellenver->-einigung erinnerte so auch an einige vergessene Erfahrungen des Christentums.

Und die verspätete Verleihung des Nobelpreises an einen unbeirrbaren Verfechter der Gewaltlosigkeit (dem seine Mönche nicht immer folgen) beweist, daß Jury-Götter manchmal auch auf krummen Zeilen gerade schreiben können.

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