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Erkenntnisse aus Kenia

Kenia ist einer der wenigen Staaten Schwarzafrikas mit einer für westliche Begriffe funktionierenden Wirtschaft und relativ stabilen politischen Verhältnissen, darum ein bevorzugtes Reiseland für Touristen, aber nicht typisch für die übrigen umliegenden Entwicklungsländer. Dennoch können Eindrücke verallgemeinert werden, wenn man diesen Vorbehalt einberechnet.

Nationale Sicherheit ist auch in Kenia groß geschrieben. Wo aber liegen die realen Sicherheitsprobleme? Auf weltpolitischer Ebene werden sie nicht so sehr gesehen. Zu beiden Supermächten will man gute politische Beziehungen unterhalten, wenn auch die inneren Bindungen und die wirtschaftlichen Beziehungen eindeutig westwärts weisen und niemand mit dem Kommunismus sympathisiert.

Sicherheitsprobleme gibt es mit den angrenzenden Staaten, unsichere Grenzen mit Uganda und Somalia, ein Erbe aus der Kolonialzeit. Kaum gibt es Wirtschaftsverkehr miteinander. Dazu fehlen die historischen strukturellen Voraussetzungen und sind auch die Systemunterschiede, etwa zu Tanzania, zu groß. Dies führt zu den nationalen Aufrüstungswünschen ringsherum.

Das nationale Sicherheits- und Prestigedenken in militärischen Fragen überdeckt aber in diesen Staaten die weltweite Konfliktproblematik. Natürlich besteht der Wunsch, von den Industriestaaten Militärhilfe neben Wirtschaftshilfe zu bekommen.

Der wirtschaftliche Aufstieg wird zumeist mit politischen oder, besser gesagt, mit soziokulturellen Zielen verbunden gesehen, wobei die ökonomische Rationalität und Realität zumeist wenig berichtet wird. Dabei ist in diesen jungen Staaten hinter den Fassaden der politischen Ordnung ein großes Maß an Korruption zu verzeichnen:

Mit dem einfachen Unterschied allerdings, daß in den Ländern, wo namens eines sogenannten afrikanischen oder marxistischen Sozialismus die politische Fassade alles zudeckt, dort Korruption ohne systemimmanente Korrektur blüht und die Bürokratie jede wirtschaftliche Initiative erschlägt, während der afrikanische „Kapitalismus" zwar auch sehr skrupellos ist, im politischen Freiraum sich aber immerhin gesellschaftliche Gegenkräfte formieren, die auch wieder politisch wirksam werden können.

So können Gewerkschaften entstehen, die wiederum Mindestlöhne durchsetzen oder den Aufbau eines Gesundheitssystems. So kann sich auch private Hilfe organisieren. Letzteres ist in Kenia der Fall. Mann kann dabei streiten, ob es das „Durchsik-kerungsprinzip" gibt, daß sich die einen zwar bereichern, aber doch etwas für die anderen bleibt.

Die Fakten lehren, daß die wachsende Wirtschaft auch einen Verteilungseffekt nach unten hat, während die stagnierende Wirtschaft, Tanza-nias zum Beispiel, trotz der ursprünglich besseren Startposition dahinsiecht.

Die Philosophie der Ujama-Dörfer dort war gar nicht so afrikanisch, wie es hieß. Diese Dörfer waren sozialistische Versuchspunkte, die erst in einem Erfahrungsprozeß auf eine praktikable Größe vermindert worden sind und die bis heute sehr stark nur Selbstversorgung erreicht haben, aber für das einst reiche Farmerland keine wirtschaftliche Produktivität sichern können.

Im Zentrum wirtschaftspolitischer Überlegungen steht die Beurteilung der Multis für die wirtschaftliche Entwicklung. Prof. Leopold P. Mu-reithi, ein in England ausgebildeter Ökonom von hohem Rang an der Universität Nairobi, legt das Problem wie folgt dar:

Die Versuche, eine Ostafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ins Leben zu ruferj - erstmals 1920, dann wieder im Agreement von Arusha von 1967 bis 1977 - hatten keinen Erfolg. Als Erbe der Kolonialzeit sind die Handelsinteressen der betroffenen Länder nicht auf Zusammenarbeit gerichtet. Sie produzieren die gleichen Güter. Es fehlen die Infrastrukturen und die Transportwege untereinander für eine wirtschaftliche Kooperation.

So liegt derzeit der Handel mit den einstigen Kolonialmächten im Vordergrund des Interesses. Aus demselben Grund ist es derzeit wirtschaftlich nicht rational, von einer Neuen Weltwirtschaftsordnung zu sprechen, weil zwischen den Entwicklungsländern selbst keine gleichen Handelsmöglichkeiten bestehen. Sie müßten erst bei sich selbst geginnen, um eine binnenwirtschaftliche Ordnung aufzubauen.

Die wirtschaftliche Macht der Multis wird realistisch gesehen, ebenso deren Möglichkeit, auf kleine Staaten Druck auszuüben. Die globalen Handelsinteressen stehen oft im Widerspruch zu den Wirtschaftsinteressen kleiner Länder und dem Aufbau kleiner Märkte. Dennoch herrscht keine Schwarzweißsicht: Die Erfahrung zeigt, daß einheimische Firmen oft noch schlechterarbeiten und dem Land mehr Schaden zufügen, daß die Multis auch gute Investitionen ins Land bringen, die besseren technischen Mittel haben und auch bessere Löhne zahlen.

Der gelernte Österreicher horcht auf, wenn Mureithi das Wirtschaftssystem in Kenia als ein „gemischtes" bezeichnet. Mehr als 59 Prozent der Wirtschaft steht unter Regierungsbeteiligung, wenn auch selten der Staat über eine Minderheitenbeteiligung bei Firmen hinausgeht. Weiters gibt es einen Wirtschaftsplan (fünf Jahre), der freilich nichts zwingend vorschreibt und umgangen werden kann.

Hier ist die Wissenschaft miteingespannt. Von den rund 7000 Studenten in Nairobis Universität sind 1800 an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät inskribiert. Sie gehen dann in die Regierungsverwaltung, in die Unternehmen oder in die Schulen.

Der Verfasser sieht die Schwierigkeiten, aus dem Teufelskreis der Korruption und dem egoistischen Rentabilitätsstreben auszubrechen und die Produktivität der Wirtschaft in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Im Vergleich mit den korrupten sozialistisch genannten Bürokratien vergleichbarer afrikanischer Staaten hat dieses gemischte wirtschaftliche System Kenias dennoch Vorteile:

Es ist politisch stabil und läßt der Privatinitiative genügend Freiheit, so daß doch neben den „kapitalistischen Exzessen" und Gewinnen und oft auch für das Land unerwünschten Produkten der Multis - das billigste Getränk und überall zu haben ist eben Coca Cola! - offenbar doch davon auch gesamtwirtschaftlich Wachstumseffekte ausgehen.

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