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Erneuerung der Welt und des Menschen

1945 1960 1980 2000 2020

Seit langem ist der sowjetische Bildhauer und Graphiker Ernst Neizvestny über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. In Italien ist bei Feltrinelli eine Neizvestny-Monographie erschienen. Nikolai Novikov, einer der A utoren, der nach seiner Emigration aus der Sowjetunion seit einigen Monaten in Wien lebt, ist ein alter, mit der Arbeit des Künstlers bestens vertrauter Freund. Wir veröffentlichen A uszüge aus Novikovs Buch „Der Künstler und die Mauer", das sich mit dem Verständnis von Neizvestnys Schaffen befaßt.

1945 1960 1980 2000 2020

Seit langem ist der sowjetische Bildhauer und Graphiker Ernst Neizvestny über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. In Italien ist bei Feltrinelli eine Neizvestny-Monographie erschienen. Nikolai Novikov, einer der A utoren, der nach seiner Emigration aus der Sowjetunion seit einigen Monaten in Wien lebt, ist ein alter, mit der Arbeit des Künstlers bestens vertrauter Freund. Wir veröffentlichen A uszüge aus Novikovs Buch „Der Künstler und die Mauer", das sich mit dem Verständnis von Neizvestnys Schaffen befaßt.

Ernst Neizvestny wurde 1925 geboren und nahm als junger Mensch am Zweiten Weltkrieg teil. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er in Moskau. Zehn Jahre lang kämpfte er darum, einflußreicher Bildhauer der Sowjetunion zu werden. Nachdem 1962 Nikita

Chruschtschow, damals erster Sekretär der Kommunistischen Partei, sich in Anwesenheit des Künstlers in grober Weise über dessen Skulpturen mokiert und der Künstler sich darauf negativ über den Geschmack des ersten Sekretärs geäußert hatte, wurde Neizvestny

für die nächsten zehn Jahre aus dem offiziellen künstlerischen Leben der Sowjetunion ausgeschlossen.

Gerade diese Jahre sind für ihn besonders produktiv. Er arbeitet seine Konzeption der Skulptur aus und schafft eine große Anzahl an Plastiken, Graphiken und farbigen Zeichnungen, die sich wegen des Ausstellungsverbotes in seiner Werkstatt häufen. Da die Arbeitsmöglichkeiten in der Sowjetunion immer begrenzter werden, verläßt der Künstler 1976 sein Land. Zur Zeit wohnt er in New York. Seine Arbeiten wurden in Deutschland, Großbritannien, Schweiz, Israel, Schweden, Italien und in den Vereinigten Staaten ausgestellt.

.. .Sollte ich heute die Kunst Neizvestnys beurteilen, so würde ich sagen, daß sie sich nicht wesentlich verändert hat, weder was den philosophischen Gehalt, noch was die Ausdrucksmittel betrifft. Obwohl er heute nicht mehr in der Sowjetunion, sondern im Westen lebt, verwendet er weiter die vor langem gefundenen Motive und eine für ihn äußerst charakteristische Bildsprache, von der ihm eigenen Metaphysik geprägt. Wie früher gestaltet er seine Skulpturen im Sinne des Kampfes der Urkräfte: des Lebens und des Todes, der Stärke und der Schwäche, des Guten und des Bösen, der Schönheit und der Häßlichkeit, was seiner Idee der „Dialogplastik" entspricht.

In seiner Graphik setzt er die Themen der klassischen Tragik fort, die er schon in Moskau mit großer Klarheit in den Zyklen zu Dantes „Divina Come-dia" und „Gigantomachia" dargestellt hat. Auch die eher subjektive Tragik, die seine Illustrationen zu Dostojewsky und den Graphikzyklus „Das Schicksal" kennzeichnet, bleibt weiterhin ein Merkmal seines Schaffens.

Doch man kann sagen, daß Neizvestny nun mehr Zeit der farbigen Zeichnung widmet. Aber auch die in den Vereinigten Staaten hergestellten Alben der farbigen Lithographien bewegen sich eindeutig in die noch in Moskau eingeschlagene Richtung, ebenso wie die Entwürfe zu Monumentalskulpturen, die auf den in Moskau entworfenen Plan einer synthetischen Monumentalplastik zurückgehen, von Neizvestny als „Der Lebensbaum" oder „Das Herz der Menschheit" bezeichnet.

Dieses riesige bildhauerische Projekt stellt sich der Künstler als eine Art Museum des ewigen Kampfes vor, den der Geist mit den animalischen Kräften führt, und er hat längst ein Modell dafür geschaffen. Kurz gesagt, Ernst Neizvestny arbeitet an der Weiterentwicklung seiner Kunst...

.. .Welchen Eindruck macht auf uns das bildnerische, graphische und zeichnerische Werk Ernst Neizvestnys? Was ist für das Schaffen dieses Künstlers besonders charakteristisch?

Es ist wohl vor allem die Tatsache, daß er die Welt und den Menschen in äußerster Deformation, in einem allgemeinen Zerfall darstellt, daß aber daraus kein totes Ruhen der Elemente, sondern ein bewegter Kampf entsteht. Alle figurativen und nichtfigurativen Formen in der Kunst Neizvestnys, die ihren letzten Grund in der Zerstörung der Welt und des Menschen haben, befinden sich im Zustand der gegenseitigen Durchdringung und Verschlingung. Sie sind aktiv, und das Ziel ihrer Aktivität ist der jede Konstellation und das ganze Werk beseligende Drang nach der Erneuerung der Welt und des Menschen.

Dabei finden wir in Neizvestnys Werk keinerlei direkte Anspielung auf diese Erneuerung. Fremd ist dieser Kunst die Wiedergabe des Guten, des Gerechten, des Schönen und des Göttli-

chen, jener „Orte", an denen sich das weltlich Harmonische und das menschlich Ideale aufhält. Denn es ist eben der Prozeß der Wiedergeburt, den diese Kunst sich zum Hauptanliegen macht.

Diesen Prozeß versucht Neizvestny als einen unbegrenzten und ewigen darzustellen; seine Leitmotive sind der kosmische Wirbelwind und der sich drehende Kreis der physischen und geistigen Elemente. Jedoch keine der in der Welt existierenden oder vom Menschen geschaffenen Form scheint ihm geeignet, die zerstörte Welt wiederherzustellen. Als ganz besonders ungeeignet erachtet er die sozialen Formen und überhaupt alles, was in der Welt und im Menschen die Form des Sozialen angenommen hat.

Das Soziale steht im Werk Ernst Neizvestnys wie eine Mauer da. Damit der Prozeß der Erneuerung beginnen kann, muß diese Mauer gesprengt werden ...

Wo ist aber dann die Quelle jener Kraft, die die Kunst Neizvestnys durchdringt und dazu bestimmt wird, erneuernd zu wirken? So wie ich diese Kunst erlebe, meine ich ihren Sinn darin zu erkennen, daß sie den Kampf der Elemente in der Welt und im Menschen auf dem Wege aus der Zerstörung in die Erneuerung darstellt. Ich glaube auch zu erkennen, daß dieser Prozeß, der sich in der Welt und im Menschen abzuspielen scheint, als ein außerhalb des Weltlichen und des Menschlichen liegender gezeigt wird.

Man erlebt das Tragische in dieser Kunst vielleicht deshalb so tief, weil man das Geheimnis spürt, das sich hin-

ter dem ewigen Kampf der Gegensätze auf dem Wege zur Harmonie verbirgt. So besagt diese Kunst, daß allein das Transzendente jene zur Erneuerung des zerstörten, weltlichen und menschlichen Seins notwendige Kraft sein kann. Alle Leidenschaften, die die Kunst Neizvestnys bewegen, drücken den Kampf gegen das Transzendente aus und stellen zugleich dar, wie das Transzendente die Welt und den Menschen durchdringt...

Es ist nicht schwer festzustellen, daß einige Unzulänglichkeiten Neizvestnys daraus resultieren, daß er in zu vordergründiger Art diesen Sinn seiner Kunst betont. So kleiden manchmal seine Plastiken das menschliche Leid in zu auffällige Formen; manche seiner Blätter sind zu theatralisch. Es kommt auch vor, daß der Künstler literarische oder philosophische Inhalte zu direkt auszudrücken versucht, daß er nicht vor dem Pathos und der hyperbolisierten Dramatik zurückschreckt...

Heute lebt und arbeitet Neizvestny nicht in einem totalitären, sondern in einem demokratischen Land. Doch wir wissen, daß die Konturen einer gesellschaftlichen Mauer sich auch in dieser Gesellschaft abzeichnen. Denn ist sie wirklich frei von Leid, Gewalt und Ungerechtigkeit? Und ist man sich heute nicht auch im Westen schmerzlich bewußt, wie notwendig die Hinwendung zum Transzendenten ist - in der Welt und im Menschen?

Das Werk Ernst Neizvestnys, wie jede ihm verwandte metaphysische Kunst, zwingt uns noch einmal zu einer Auseinandersetzung mit diesem Problem.

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